Tischlein deck’ dich

Tischlein deck’ dich

Das Abendbrot – Bauernbrot mit Schwarzwälder Schinken und Bibeleskäs: Wer kennt es nicht? Doch hinter diesen einfachen Zutaten steckt noch mehr. Viele Erinnerungen, lange Gespräche und eine zwar kurze, aber nicht minder spannende Geschichte.

Der “Friburger Michel”

Eine Ode an das Abendbrot

„Noch heute erzählen sich meine Freunde und ich wie wir in den Schulpausen unsere belegten Brote von Zuhause untereinander verglichen und getauscht haben. Bald wusste jeder, welchen Tauschwert die eigene Tupperdose so her gab oder eben auch nicht“, erinnert sich Laura, Studentin an der Uni-Freiburg, lachend.

Geschichten um das Brot kennen die meisten von uns. Ob es die vom Großvater ist, welcher im Krieg nur ein halbes Laib Brot für die ganze Woche zugeteilt bekam, oder die von der laut schmatzenden Schwester beim abendlichen Zusammentreffen der ganzen Familie. Fest steht, das Abendbrot ist für die meisten von uns mit vielen Erinnerungen verbunden.

Das hat auch das Künstlerehepaar Ingke Günther und Jörg Wagner bei ihrem Projekt „Feldforschung Abendbrot“ erfahren. Sie erhielten für dieses Thema 2009 ein Stipendium und konnten so das Abendbrot auf ihre Weise erforschen. Motiviert hat sie vor allem ein grundsätzliches Interesse an Essens-, Küchen- und Alltagskultur. Dafür sind sie unter anderem mit dem Abendbrotmobil, einer mobilen Abendbrotküche, in das Münsterland und an die deutsch-niederländische Grenze gefahren und haben die Menschen zu sich zum Essen eingeladen. Später wurde die Abendbrotforschung nicht mehr mit dem Mobil, sondern in punktuellen Aktionen, Veranstaltungen und Abendbrotkongressen in Deutschland und der Schweiz, fortgesetzt.

Kalt ist das neue Warm

Die Geschichte des Abendbrots sei noch gar nicht so alt, wie die meisten von uns wahrscheinlich vermuten, weiß Ingke Günther. Denn im Gegensatz zum Butterbrot, welches bereits um das 14. Jahrhundert den Arbeitern als Vesper, also als kalte Zwischen- oder Hauptmahlzeit diente, entwickelt sich das Abendbrot in seiner kalten Form erst mit der Industrialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts. In Betrieben öffneten Kantinen und ermöglichten den Zugang zu einem warmen Mittagessen. Somit reichte eine kleinere Mahlzeit am Abend aus. Dies war die Geburtsstunde des klassischen Abendbrots.

Ingke Günther und ihr Mann wollten bei ihrer Abendbrotforschung aber nicht nur das „Brotidyll“ betrachten, sondern auch die Repression. „Viele ältere Menschen haben uns erzählt, wie grausam das Abendbroterlebnis teilweise für sie war. Wie man mit saubergewaschenen Händen punkt 18 Uhr am Tisch sitzen musste, wenn der Vater nach Hause kam.“ Und natürlich sei die „Diversität die wir heute auf den Tischen haben durchaus ein Gewinn“, sagt Ingke Günther. Das spannendste am Abendbrot war für das Künstlerduo allerdings seine Metapher für Fragen rund um das Leben und was wirklich wichtig ist. Das haben sie bei ihren Besuchen an fremden Tischen erfahren. Denn neben dem gemeinsamen Essen, bot die geteilte Zeit Raum für sehr persönliche Gespräche.

Ein angeknabbertes Monopol

Trotz Abendbrotkultur ist der Brotkonsum in deutschen Haushalten, laut des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, rückläufig. So sind Low-Carb Bewegungen, also der Verzicht auf Kohlenhydrate bei der Ernährung, die Zunahme von Zwischensnacks und der andauernde Zeitmangel in unserer Gesellschaft Gründe für eine Veränderung des Abendbrots. „Alles muss heute schnell passieren. Das Abendbrot soll vor allem etwas einfaches sein, etwas das die Zeit zulässt, denn die Zeit ist heute nicht mehr so gegeben“, hat Ingke Günther herausgefunden. Und trotzdem könne man beim Abendbrot „mit wenigen guten Zutaten etwas sehr Gehaltvolles essen“.

Im Schwarzwald kommt zum Beispiel klassischerweise neben Käse vor allem Speck, Schwarz- und Leberwurst auf den Tisch.

Comeback mit großen Qualitäten

Doch diesen Trends und dem Zeitmangel zum Trotz hält und entwickelt sich im deutschsprachigen Raum eine unvergleichbare Brotkultur. Über 3.000 Brotsorten hat der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks bisher gezählt. Besonders die regionale Vielfalt und die jeweils für den Norden und Süden typischen Inhalte wie Roggen und Weizen, fordern Bäckermeister und Lehrlinge immer wieder aufs Neue heraus.

Auch Ingke Günther und ihr Mann haben die Unterschiede der Brotkultur kennengelernt und gesehen: „Je nach Region heißen die Brote anders“. Sehr eindrücklich aber zeigt sich dem Künstlerpaar, wie fest das Abendbrot in unseren Köpfen verankert ist. Denn auch wenn die Zeit eine Veränderung der Essenskultur mit sich gebracht hat, haben wir doch alle eine meist klare Vorstellung davon was das Abendbrot für uns ist.

Abendbrot der Kulturen

Wie sieht das Abendbrot in anderen Ländern dieser Welt aus?

Welche Erinnerungen haben internationale Studierende der Universität Freiburg dazu?

Das verraten uns Simona und Eyal aus dem Studiengang der Medienkulturwissenschaften.

Simona

Abendbrot Simona

Simona isst am liebsten Banitza zum Abendbrot.

Simona fällt gleich ein vergleichbares Gericht ein, welches für sie mit vielen Erinnerungen an die Familie und ihre Heimat Sofia in Bulgarien verbunden ist. Der Banitza ist ein traditionelles Gericht, das wir hier mit einem luftigeren Teig als Börek kennen. Das besondere am Banitza „ist das sichtbar werden der gemeinsamen Kulturgeschichte von Bulgarien und der Türkei. Viele Omas stellen  im Dorf noch heute den Teig selbst her und füllen ihn mit Käse, Ei und Sonnenblumenöl. Man isst ihn im Alltag aber auch zu jedem Feiertag, Geburtstag oder anderen Fest. Es gibt ihn süß mit Kürbis oder salzig mit Spinat gefüllt.“

Simona backt diese Gericht auch in Freiburg, wer es zum Abendbrot nachbacken möchte:

500 g Teig (Strudelteig)

200 g Hartkäse (Schafskäse)

1 Tasse Mehl

500 g Kiselo mlyako (Joghurt)

3 Eier

200 g Sonnenblumenöl

1/2 Teelöffel Natron

Salz

Den Schafskäse würfeln und zu einer Masse verrühren. Das Natron mit dem Joghurt verrühren. Die Eier schaumig schlagen und ein Eigelb aufbewahren, womit der Banitza später bestrichen wird. Käse, Joghurt, eine Prise Salz und Natron-Joghurt dazugeben. Alles gut durchrühren. Jedes Strudelblatt mit Öl bestreichen, einen Teil (ca. 2 EL) der Masse darauf verteilen und locker aufrollen. Dann den Teig mit den Händen vom Rand her zur Mitte drücken, so dass er Falten bekommt.

Die Rollen in eine runde, mit Öl bestrichene, Form geben. Das Eigelb mit etwas Öl und Wasser vermischen und den Banitza damit bestreichen.

Im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad 30-35 Minuten goldbraun backen.

Dazu kann Joghurt oder Kefir gereicht werden.

Eyal

Abendbrot Eyal

Eyal vermisst den selbstgemachten Hummus aus seiner Heimat in Israel.

„Bei uns in Israel isst man oft Hummus“ erzählt Eyal aus Haifa. „Er ist nicht genau wie das Abendbrot, denn wir essen ihn zu keiner bestimmten Zeit. Dennoch ist es sehr typisch und alle in Israel mögen es. Es ist in unserer Kultur ein wichtiger Teil, der aus der arabischen Küche kommt.“

Aber das schönste und wichtigste für Eyal ist: „Wirklich alle essen es gerne und es verbindet – sogar jüdische Familien kommen zu Arabern um Hummus zu essen.“

Persönlich verbindet Eyal den Hummus mit der Erinnerung an seine Familie. Vor allem aber mit seinem Opa. „Wir essen Hummus immer am Meer in einem bestimmten Lokal. Mein Opa liebt es dort. Es ist nicht der beste Hummus, aber das Restaurant ist so toll. Mit Fladenbrot gereicht ist es einfach sehr lecker.“

Und weil Eyal nur noch selten in den Genuss von selbst gemachtem Hummus kommt, vermisst er diesen sehr. Dafür hat er uns aber dieses tolle Rezept weitergegeben. Danke!

200g gekochte Kichererbsen

75g Tahini- Paste

3 EL Olivenöl

1 Knoblauch Zehe groß

1 Zitrone

Salz & Pfeffer

Kann nach Belieben mit Chili, Kreuzkümmel, Petersilie oder Koriander verfeinert werden! Alles in einen Mixer geben und zu einer glatten Masse verrühren. Mit Fladenbrot servieren.

Audio

Eine Gemeinschaftsproduktion von Ben Hochscheit, Lennard Fritze (Foto: Teaser), Maria-Luise Schreck und Eyal Kantor im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft. Foto Studierende: Lena von Andrian.

Seminarleitung, Redaktion: Silvia Cavallucci, Ragna Plaehn, Horst Hildbrand.

Veröffentlicht am 6. September 2016

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