Die Macht der vernetzten Vielen

Die Macht der vernetzten Vielen

Eine neunjährige Schottin prangert in einem Fotoblog das Mittagessen an  ihrer Schule an und wird weltweit bekannt. Eine Koreanerin lässt ihren Hund ein Häufchen in der U-Bahn setzen und wird fortan im Netz unter dem Namen „Dog Shit Girl“ kritisiert. Über Fake-News, Skandale und den Wahlkampf hat Sarah mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gesprochen.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Freiburger Horizonte des Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) sprach Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen, zum Thema “Die Skandalgesellschaft. Vom Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter”.

Herr Pörksen, Sie sagen, dass in der heutigen Zeit jeder zum Sender geworden ist. Was genau meinen Sie damit?

Das bedeutet, dass wir alle heute die publizistischen Möglichkeiten haben uns barrierefrei, ohne durch mächtige Gatekeeper reguliert zu werden, an die Öffentlichkeit zu wenden. Das ist letztlich eine gute Nachricht. Aber auch Skandale werden so heute nicht mehr nur durch mächtige Massenmedien initiiert und gesetzt, sondern können auch von Einzelnen, die ein Empörungsangebot  unterbreiten, präsentiert werden.

Das bedeutet Kontrollverlust?

Das kann einen Kontrollverlust für den Einzelnen bedeuten, der auf einmal an den Pranger gestellt wird, der sich auf einmal mit Vorwürfen konfrontiert sieht.

Stichwort Fake-News. Es gibt unterschiedliche Versuche dem entgegen zu wirken, sei es durch polizeiliche Ermittlungen oder Programme wie Hoaxmaps, die falsche Nachrichten geographisch und zeitlich ordnen und diese durch Meldungen in etablierten Medien widerlegen. Sehen Sie darin eine Möglichkeit dem Problem tatsächlich entgegenzuwirken?

Für mich ist diese Fake-News-Debatte irgendwie schief gelaufen. Wir brauchen keine Wahrheitspolizei, wir brauchen auch kein Wahrheitsministerium, kein Zentrum in der Politik, das entscheidet, was ist richtig und was ist falsch. Wahrheit entsteht in einer Demokratie als Resultat der Debatte und des Diskurses. Aber wir müssen alle als Nutzer unterscheiden lernen und auch als diejenigen, die zu Sendern geworden sind, was ist verbreitungswürdige, glaubwürdige, relevante Information und was nicht. In dieser Fake-News-Debatte steckt eine gigantische Bildungsherausforderung. Wir müssen in den Schulen lernen, wie wir medienmündig werden können.

Im Hinblick auf den Wahlkampf, der in Deutschland bevorsteht, wird aktuell, vor allem in Bezug auf Trump, über Social-Bots und andere Dienste diskutiert. Sehen Sie die Situation in Deutschland vergleichbar mit der in den USA?

Nein, ich sehe sie nicht vergleichbar. Wir haben keinen Politiker vom Typus eines Donald Trump, es gibt eine andere politische Kultur, das Privatleben von Politikern ist sehr viel stärker tabu, das heißt, wir werden keine Schlammschlacht wie in den USA erleben.

Aber eine Meinungsbeeinflussung über Social Media wird dennoch stattfinden.

Ja, es wird natürlich Fake-News geben, es wird Desinformationskampagnen geben, das ganz gewiss, aber diese Dimension von Schmutzkampagne, die kann ich mir nicht vorstellen.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Diensten, wie die der britische Firma Cambridge Analytica, die zusätzlich zu demographischen Merkmalen von Usern auch Psychogramme einbindet, um Meinungen zu manipulieren?

Also man muss ja genau sehen, was diese Firma tatsächlich zum Wahlsieg von Donald Trump beigetragen hat. Auf jeden Fall sind es Marketing-Genies, die am Werk sind. Sie machen große Teile der Öffentlichkeit glauben, dass sie uns alle so geschickt manipulieren, dass wir gar nicht anders können, als in diese oder jene Richtung zu wählen, für den Brexit zu stimmen, oder was auch immer. Ich denke, es gibt nicht die eine Ursache und es ist nicht so, dass Massen einer Art Digitalzauber unterliegen, der Menschen dazu bringt Donald Trump zu wählen. Das sind sehr vielschichtige und unterschiedliche Ursachen. Die Schwäche der Gegenkandidatin, tatsächliche Fehler, das Gefühl des Deklassiert- und Abgehängtseins bei Teilen der Wählerschaft.

Sie sagen, dass es neben der vierten Gewalt des Journalismus nun eine fünfte Gewalt gibt. Was verstehen Sie darunter?

Das sind die vernetzten Vielen. Das sind wir alle, die wir posten, kommentieren, die wir Medienkritik betreiben, etwas enthüllen, etwas darstellen, etwas recherchieren, die wir Meinungskorrektur betreiben. Diese fünfte Gewalt ist neben die vierte Gewalt des klassischen Journalismus getreten und beide Gewalten müssen sich zueinander verhalten.

Impliziert das automatisch eine Schwächung des Journalismus?

Der Journalismus ist wesentlich geschwächt, weil er einer Refinanzierungskrise ausgesetzt ist. Wie kann man mit seriös recherchierter, kostenintensiv recherchierter Information Geld verdienen, ausreichend Geld, um gute, starke Redaktionen zu finanzieren? Auf diese Frage fehlt noch eine robuste Antwort.

Dennoch ist der Journalismus wichtiger denn je.

Absolut. Der Journalismus ist eine hochrelevante Instanz, um Themen von allgemeiner Relevanz, faktenorientiert auf die Agenda zu setzen.

Professor Pörksen bei den “Freiburger Horizonten” in der Aula der Uni Freiburg.

Info

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Freiburger Horizonte” am Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) werden Themen gesellschaftlicher Relevanz aufgegriffen und die vielfältigen Wechselwirkungen und Verbindungen zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufgezeigt. Der nächste Vortrag von Sandra Lavenex zum Thema „Die Asylpolitik der EU – Hat Europa versagt?“ findet am 26. April 2017 statt. Weitere Informationen unter www.frias.uni-freiburg.de

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Der Medienwandel im digitalen Zeitalter, Krisen- und Reputationsmanagement, Kommunikationsmodelle und Kommunikationstheorien, Inszenierungsstile in Politik und Medien und die Dynamik von Skandalen als Spiegel aktueller Wertedebatten. Weitere Informationen zur Person unter www.uni-tuebingen.de.

Bernhard Pörksens Vortrag zur fünften Gewalt bei der re:publica 2015 kann unter www.re-publica.com angesehen werden.

Der Vortrag “Die Skandalgesellschaft. Vom Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter” von Bernhard Pörksen im Rahmen der “Freiburger Horizonte” wurde von der SWR-Teleakademie aufgezeichnet und wird dort am 19. Feburar gesendet. Zur Website der Teleakademie geht es hier.

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Grafik/Foto: Sarah Posselt-Böhm
Veröffentlicht am 16. Februar 2017

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