Neuland: Kolumbien

Neuland: Kolumbien

Jeder der auf Lehramt studiert muss früher oder später ein Praxissemester an einer Schule absolvieren. So auch Kaspar, der im 5. Semester Sport und Spanisch sowie Englisch im 3. Semester studiert. Allerdings hat sich Kaspar entschieden, dieses Praktikum nicht in Deutschland, sondern in Kolumbien zu machen. Annkathrin wollte von ihm wissen, welche Erfahrungen er gemacht hat und wie ihn diese Zeit beeinflusst hat.

Kaspar, du hast dein Praxissemester an der Deutschen Auslandschule in Cali gemacht. Wie kamst du darauf?

Es war schon vor dem Studium ein großes Ziel von mir ein Schulpraxissemester im Ausland zu machen, beziehungsweise wollte ich das Studium mit einem Auslandsaufenthalt verbinden. Allerdings wollte ich das nicht über die üblichen Organisationen wie ERASMUS machen, also nicht im Ausland studieren, sondern während des Auslandsaufenthalts etwas für das Studium machen.

Lateinamerika war für mich Neuland. Ich war vor Studienbeginn ein paar Mal in Spanien, beispielsweise habe ich ein Jahr auf Teneriffa gearbeitet. Allerdings ist ja Spanien im Vergleich zu der ganzen spanischsprachigen Welt relativ klein. Es ist also noch einmal etwas ganz Anderes, wenn man nach Lateinamerika geht. Ich wollte meine Neugier auf dieses Neue direkt vor Ort stillen. Meine Neugier stand eigentlich bei allem im Vordergrund.

Ist denn ein Auslandspraktikum typisch für das Lehramtsstudium?

Das Schulpraxissemester ist für Lehramtsstudenten verpflichtend. Allerdings erst ab dem 5. Semester, weil man davor wahrscheinlich davor noch nicht in der Lage ist, sein Fach kompetent anleiten zu können. Das Schulpraxissemester im Ausland ist nicht der Regelfall. Normalerweise macht man das hier in Freiburg an einem Gymnasium oder an einer berufsbildenden Schule in Baden-Württemberg.

Für Studierende, die eine Fremdsprache oder mehrere studieren, ist es aber sehr interessant ins Ausland zu gehen. Aber man ist selbst verantwortlich für die Organisation. Das bedeutet, man muss sich ein Jahr im Voraus für einen Platz bewerben und auch vorher mit dem Landeslehrerprüfungsamt abstimmen, an welchen Schulen man sich überhaupt bewerben darf.

Zuerst muss man sich selbst darüber klarwerden, was für einen im Vordergrund steht. Ist es die Kultur oder eher die Sprache?

Für einen längeren Aufenthalt in einem fremden Land muss man doch einiges vorbereiten. Was muss man alles beachten?

Man muss zuallererst sehr viel Zeit einplanen, denn auf viele Bewerbungen habe ich erst nach Wochen eine Rückmeldung erhalten. Es kommen viele Sachen auf einen zu, beispielsweise Visabeschaffung oder Flugkosten, Fristen für Stipendien.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst bietet Kurzzeit-Stipendien an. Eine Bewerbung würde ich jedem raten, denn der Bewerbungsablauf ist wirklich sehr einfach. Aber das alles braucht Zeit. Und durch dieses selbstständige Bewerbungsverfahren ist es oft so: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Kolumbien ist ja jetzt nicht gerade das Reiseziel Nummer 1 für viele Menschen. Warum hast du dich dafür entschieden?

Ich habe mich nicht speziell für Kolumbien entschieden, sondern ich habe abgewartet, was für Rückmeldungen ich auf meine Bewerbungen erhalte. Ich habe mehrere Zusagen bekommen und habe mich dann aufgrund der Ausstattung der Schule und dem großen Wert, der dort auf Sport gelegt wird, für Cali entschieden.

Neues Land, neue Schule. Da musste man sich doch bestimmt erst einmal daran gewöhnen. Wie war deine Eingewöhnungsphase in kultureller Hinsicht, aber auch an der neuen Schule?

Die Eingewöhnungsphase hat auf verschiedenen Ebenen stattgefunden. Die Sprache war wie erwartet kein Problem. Das kolumbianische Spanisch versteht man gut. Auch wenn jeder merkt, dass du weder Kolumbianer, noch Spanier bist.

Aber einen Kulturschock gab es tatsächlich, denn ich war mit dieser Großstadt und auch mit dem Verkehrsstil überfordert. Vor allen Dingen fand dieser dann auf dem Sitz neben dem Schulbusfahrer statt, der die Macht des Stärkeren walten ließ. Zebrastreifen und rote Ampeln hat er zum Teil ignoriert. Verkehrsregeln sind dort eher untergeordnet und mehr Richtlinien. Und zum Beispiel werden Schulterblick und die Außenspiegel des Autos nicht genutzt, stattdessen kommunizieren die Autofahrer durch Hupen.

Dieser Schock, also das Negative, hat sich zum Großteil auf den Verkehr bezogen. Die Eingewöhnungsphase hatte aber auch viel Positives, meist verbunden mit Leckereien. Die kolumbianische Küche besteht aus vielen Backwaren oder deftigen Speisen mit fünf verschiedenen Fleischsorten auf einem Teller plus Reis.

Die Eingewöhnungsphase wird einem durch die Mentalität der Menschen einfach gemacht, denn sie sind sehr offen und kommen auf einen zu. Allerdings sind das meist oberflächliche Freundschaften. In Deutschland gibt es eine gewisse Distanz, die in Kolumbien nicht existiert.

Die südländische Mentalität ist wie eine Pfirsich. Weiche Haut, harter Kern. Wir Deutschen sind eher wie eine Kokosnuss. Harte Schale, weicher Kern.

Kolumbien verbindet man ja nicht nur mit positiven Dingen, sondern leider auch mit viel Kriminalität. Hast du davon etwas mitbekommen?

Also ich habe die Kriminalität nicht so direkt erlebt, wie ich es erwartet habe, vielleicht lag das an meinen Sprachkenntnissen. Andere Praktikanten waren der spanischen Sprache noch nicht so mächtig und kamen dann auch in Situationen, in denen sie mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt wurden. Ich will das jetzt nicht alles auf die Sprachkenntnisse schieben, sondern das hat alles bestimmt viel mit Zufall zu tun.

Aber die Kriminalität war als Gefühl präsent. Als ich bei meiner Ankunft von meiner Gastmutter nachts abgeholt wurde, wurden sofort die Türen des Autos verriegelt, auch wurden die roten Ampeln überfahren, damit man nicht anhalten musste. Sie hatte auch ihren Onkel mitgenommen, für den Fall das etwas passieren würde. Es war einfach ein sehr unwohles Gefühl und gerade am Anfang wusste ich die Situation noch nicht genau einzuschätzen, weswegen ich oft ein beklemmendes Gefühl hatte. Allerdings hat sich das im Laufe der Zeit geändert.

Zurück zur Schule. Was für eine Art ist die Deutsche Auslandschule Cali, an der du dein Praxissemester absolviert hast?

Es ist eine Privatschule, die im Monat umgerechnet 500 Euro kostet. Leider ist damit das Klientel von vornherein selektiert und es ist eher die oberste Oberschicht.

Die deutsche Sprache und Kultur ist sehr präsent, beispielsweise war jede Klassentür mit einer deutschen Stadt gekennzeichnet. Also hatte man zum Beispiel Geschichte in Lindau.

Interessant ist, dass eines der Kriterien zwar das Schulgeld ist, allerdings führt der Schuldirektor mit jedem Elternpaar, welches ihr Kind auf die Schule schicken möchte, ein Vorgespräch, um die Beweggründe zu erfahren, warum sie ihr Kind an eine deutsche Auslandsschule schicken. Aber ich habe auch oft die Erfahrung gemacht, dass die Kinder und auch die Eltern sich nicht für die deutsche Sprache interessierten.

Was waren denn dann die Beweggründe, die Kinder auf die Deutsche Auslandsschule zu schicken?

Privatschule, gutes Ansehen, Lage. Da kommen Kriterien ins Spiel, die nichts mit der deutschen Sprache und auch nichts mit der Leistungsanforderung zu tun haben. Die Schüler legen das kolumbianische Abitur ab und das Gemischtsprachige Internationale Abitur. Das ist das höchste Sprungbrett, das man erreichen kann als Schüler, egal in welchem Land. Aber das ist auch mit gewissen Leistungen verbunden, beispielsweise Sprachniveau C1 in Deutsch. Der Anspruch an die Schüler ist sehr hoch, allerdings ja auch gerechtfertigt, da es eine Eliteschule ist.

Du hast ja unter anderem auch Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Wie war denn die Motivation der Schüler diese Sprache zu lernen?

Die Motivation der Schüler war sehr unterschiedlich. Zum Ende der Schullaufbahn werden die Deutschklassen aufgeteilt in Zertifikatsgruppe, in der sich Schüler mit niedrigeren Deutschkenntnissen befinden und in Diplomsgruppe für die Schüler mit sehr guten Deutschkenntnissen. Die Motivation in der Diplomsgruppe war bei manchen sehr groß unter anderem durch einen halbjährigen Aufenthalt in Deutschland und sie waren sehr interessiert an der deutschen Kultur. Auf der anderen Seite war ich viel in der Zertifikatsgruppe und bei denen herrschte eher Totengräberstimmung. Hier fehlte eindeutig die Motivation. Leider war auch nicht mehr viel zu machen, denn sie waren in einem Teufelskreis: „Ich kann zwar kein Deutsch, aber ich muss Prüfungen auf dieser Sprache machen.“

Es ist ja nicht einfach als Praktikant an eine neue Schule zu kommen und auch von den Schülern akzeptiert zu werden. Wie war das Verhältnis zwischen dir und den Schülern?

Die Schüler haben versucht herauszufinden, welche Rolle ich denn einnehme. Also ob ich eher ein Lehrer bin oder doch eher ein Kumpel. Die Frage habe ich mir aber auch gestellt.

Die Schüler haben mich zwar ernst genommen, aber sie wollten auch immer herauskitzeln, wie viel geht, zum Beispiel mit Fragen, wie: Können wir bitte im Unterricht Musik hören. Darauf meinte ich nur: Naja wir sind im Deutschunterricht, dann hören wir deutschen Rap. Das war ganz gut, denn wir haben dann meistens einen Kompromiss gefunden, den sich vielleicht ein Lehrer nicht hätte leisten können, aber ich mir als Praktikant eben schon.

Hast du durch dein Praktikum jetzt aber auch Interesse daran, später einmal an einer Schule im Ausland zu arbeiten?

Also das Interesse war definitiv vor dem Praktikum stärker. Die deutschen Schulen im Ausland waren für mich immer eine Art Zauberlösung, denn ich kann ja deutsch und Sport kann man in vielen Sprachen anleiten. Dadurch habe ich mich ein bisschen auf das Thema eingeschossen und dachte immer nach dem Studium geht es direkt los nach Lateinamerika.

Das ist jetzt nicht mehr so, da ich mich mit der Schul- beziehungsweise Lernphilosophie nicht anfreunden konnte: „Das Ziel ist das Ziel!“ Man lernt also nicht für sich selbst, sondern viel mehr nur dafür, um seine Prüfungen zu bestehen. Diese Art zu Lernen wird an den meisten Schulen praktiziert. Für mich ist aber der Weg das Ziel, weswegen mich nun die Waldorfpädagogik reizt.

Würdest du ein Schulpraxissemester im Ausland weiterempfehlen?

Es ist auf jeden Fall empfehlenswert. Auch für Leute die keine Sprache studieren, ist es sehr interessant mal über den Tellerrand hinauszuschauen und eben auch Sprachkenntnisse zu erwerben oder aufzubessern. Es ist vor allen Dingen eine riesige Chance eine neue Perspektive auf den Lehrerberuf und somit für die Zeit nach dem Studium zu bekommen.

Info

Kaspar hat seine Erfahrungen und Eindrücke von Kolumbien in einem Blog festgehalten: kasparencolombia.wordpress.com

Mehr dazu auf uniCROSS

Alles halb so wild?!

Katalanisch für Anfänger

Lehrer sein – aber wie?

Foto: Annkathrin Pohl
Veröffentlicht am 15. März 2017

Empfohlene Artikel