Mehr Körper, weniger Text

Mehr Körper, weniger Text

Im Theater spielt die gesprochene Sprache oft eine Hauptrolle. Das Projekt klangkörperklaus unter der Leitung von Emmanuel Baumann stellt den Körper in den Vordergrund. Zu sehen ist das Stück „Werden“ vom 14. bis 16.7.2017 in der TheaterFISTung. Wie funktioniert ein Stück, das auf Körpersprache beruht?

Der Raum ist dunkel und von Musik erfüllt. Menschen liegen und sitzen auf dem Bühnenboden. Die Probe von klangkörperklaus beginnt mit einer Ankommensrunde. Dann stehen die Schauspielerinnen und Schauspieler langsam auf und beginnen auf der Bühne umher zu gehen. Sie denken an Situationen des Tages, die sie in irgendeiner Weise beeinflusst haben und bringen die Stimmung dieser Gegebenheit zum Ausdruck. Der Bühnenboden erwacht durch gewichtig stampfende, trampelnde Füße, andere tänzeln leicht über ihn. Anspannung und Entspannung.

„Man kann auch mit wenig Text eine laute Stimme haben“

Emmanuel führt Regie bei klangkörperklaus. Er studiert Französisch und Spanisch auf Lehramt und macht nebenbei eine Ausbildung zum Theaterpädagogen. „Es gibt viel studentisches Theater, was aber noch gefehlt hat, war eine Gruppe, die sich in Richtung Körper, vielleicht sogar Tanztheater orientiert“, sagt Emmanuel. Die Gruppe möchte zeigen, dass Studierendentheater sich auch in anderen Spielweisen als dem gesprochenen Drama ausdrücken kann.

Auf die Frage, was es mit dem Namen auf sich hat, erwidert er lachend: „Körperklaus wird eigentlich abschätzig benutzt für Leute, die sich nicht richtig bewegen können, rumkaspern. Der Name klangkörperklaus ist eine Mischung aus der Musik, die in dem Stück eine Rolle spielen wird und der Bewegung, dem Körper.“

Kontaktimprovisation: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sollen sich gegenseitig führen. Körperteile finden zueinander: Stirn an Stirn während die Körper am Boden liegen, Rücken an Rücken, Schenkel an Schenkel, Handgelenk an Unterarm, eine Hand fasst an eine Schulter, an den Kopf, an eine andere Hand. Es folgt ein Paartanz der anderen Art. Manche Bewegungen sind schnell, ungebändigt, andere wirken schwer und bedächtig.

Darius studiert Politikwissenschaften und Didaktik. Er spielt bei klangkörperklaus zum ersten Mal Theater und macht bei dem Projekt mit: „Weil Theater befreit. Weil mir die Leute gefallen. Weil wir unser Stück selbst mit unseren Körpern schreiben. Die Körperspannung die man auf der Bühne hat war mir neu, diese Grundspannung, weil man weiß, welche Bewegung man als nächstes macht.”

Das Stück „Werden“ behandelt Entwicklung und Begegnung

Emmanuel hat schon bei einigen Projekten Regie geführt, für das Theaterstück „Werden“ hat er zum ersten Mal auch das Skript geschrieben. Es sei teilweise fertig und wird während dem Probenprozess weitergeschrieben. Emmanuel ist es wichtig, dass noch Platz ist für Ideen der Schauspielerinnen und Schauspieler, die durch Improvisationen eigene Bewegungsabfolgen entwickeln. Wichtig sei eine gute Gruppenatmosphäre, um den Raum zu ebnen für eine kreative Begegnung der Darstellerinnen und Darsteller, sodass ein Ort entstehe, in dem man sich ausprobieren darf.

„In dem Stück geht es einerseits um körperliche Entwicklung und ab einer bestimmten Stelle auch darum, wie werde ich eigentlich zum dem der ich bin und welche Rolle spielen da Mitmenschen“, sagt Emmanuel, „wie entscheidend und wendend manche Begegnungen sein können“.

Das Darstellen von Begegnungen auf nonverbaler Ebene sieht Emmanuel als Chance: „Ich finde das total interessant: zwischenmenschliche Kommunikation. Ein Teil meines Studiums beschäftigt sich mit Linguistik und ich finde Linguistik gerade auch aus einer interaktionaler Sicht sehr spannend. Kommunikation ist nicht nur sprechen, Sätze bilden. Da passiert so viel, vor allem auf der körperlichen Ebene.“

Es geht weniger um Botschaften als um Wirkungen

„Wichtig ist, dass hinter den Bildern eine Stimmung steckt, die zum Zuschauer überschwappen soll“, erklärt Emmanuel. „Ich betrachte die Sequenzen unter dem Aspekt: Kommt da was bei mir an und wenn ja, was?“

Er denke, jeder Zuschauer wird in diesem Stück etwas Anderes sehen, da jeder mit den gezeigten Sequenzen unterschiedliche Erfahrungen verbinde. „In dem Sinne ist das Stück wie ein Spiegel, der den Zuschauer auf die eigenen Erfahrungen zurückblicken lässt. Das heißt ich zeige was, aber der eigentliche Film läuft parallel dazu im Zuschauer, und löst dort im besten Fall Stimmungen und Erinnerungen aus“, sagt Emmanuel.

Laura studiert Liberal Arts and Sciences und hat schon einige Theatererfahrung. Sie findet es schön, dass das Projekt körperbetont ist. Dadurch lerne man viel über sich selbst, über Körpersprache und was man mit seinem Körper machen könne. „Das Thema Ich-Werdung finde ich super spannend. Dieses ‘Du wandelst dich‘ spiegelt sich im Stück, da die Improvisationsszenen jedes Mal neu sind und für uns selbst überraschend ist, was da entsteht.“

Die Probe geht weiter. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sollen ihren Blick für die Bewegungen der anderen öffnen. Es wird sich wild bewegt: Die Darstellerinnen und Darsteller strecken sich, trommeln auf den Boden, hüpfen, ziehen den liegenden Körper mit den Armen nach, springen, schleichen, schnaufen, schwingen die Arme. Die einzige Vorgabe von Emmanuel lautet: Macht die Bewegungen bewusst und mit Spannung.

„Es ist unheimlich schön, dass die Idee solche Früchte trägt, in Form von Leuten, die sich dafür begeistern“, sagt Emmanuel. Was in einer Gruppe entstehen kann, die sich davor teilweise noch gar nicht kannte, bestärke ihn dabei, dass in jedem sein eigenes Potential an Kreativität schlummere: „Jeder hat eine ganz eigene Art sich zu bewegen und eigene Ideen und Sichtweisen. Es ist spannend, wenn die auf eine konstruktive Art auf einander treffen.“ Mit dem Ergebnis dieses kreativen Prozesses wird im Rahmen einer Werkschau vom 14.-16. Juli die Bühne der TheaterFISTung bespielt.

Info

Was:  Die Theatergruppe klangkörperklaus spielt „Werden“ von Emmanuel Baumann

Wo: TheaterFISTung am Fahnenbergplatz, Friedrichstraße 39 (Keller des Rektoratsgebäudes)

Wann: Freitag, Samstag und Sonntag, 14., 15. und 16. Juli 2017, jeweils um 20 Uhr

Eintritt: 5 €, 3 € ermäßigt

VVK: Buchhandlung Ludwig

Mehr Infos zur Werkschau gibt es auf der Facebook-Veranstaltung von klangkörperklaus.

Die Reportage wurde von Nina Kramer im Rahmen des ZfS-Seminars “Online-Journalismus am Beispiel von UniCROSS” erstellt.

Fotos: Teaser von Nina Kramer, Bildergalerie von Emmanuel Baumann
Autoren:
Veröffentlicht am 5. Juli 2017

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