Faszination Retro-Trend

Faszination Retro-Trend

Vinyl, Polaroid, Gamecube – wieder auf vermeintlich ausgediente Medien zurückzugreifen wird unter Studierenden immer beliebter. Doch was steckt hinter diesem Gefühl der Nostalgie? Immerhin haben die meisten Studierenden die Blütezeit von Platte und Co. nie erlebt. Drei Analog-Spezialisten erklären, was für sie den Zauber des Retro-Trends ausmacht.

Was ist eigentlich Nostalgie?

Der “Analog-Rebell”

Michael Plagge, Promotionsstudent in Patentrecht an der Uni Freiburg und Fotograf, bezeichnet sich selbst als „Analog-Rebell“, denn er fotografiert ausschließlich analog und erinnert sich gerne an sein erstes Fotoalbum zurück. 

Michael Plagge, Promotionsstudent an der Uni Freiburg fängt gerne ganz besondere Stimmungen auf seinen Bildern ein.

Michael, du hast beim Fotowettbewerb „Connecting creative minds“ der Uni Freiburg mitgemacht. Unter den ausgestellten Fotos war dein Bild das einzig Analoge! Es zeigt eine Nahaufnahme der UB-Fassade in schwarz-weiß. Wie entstand das Foto?

Spontan – wie meine meisten Fotos. Ich hatte meine Kamera dabei und wollte in die UB zum Lernen. Dann habe ich die Spiegelungen gesehen und dachte, das könnte ein gutes Motiv werden – scharfgestellt und ausgelöst. Damals war die Fassade aber auch noch ‚schön‘ …

Warum fotografierst du noch analog?

Auf unseren Smartphones sind sicher 2000+ Fotos, von denen die wenigsten Erinnerungscharakter haben. Beim analogen Fotografieren ist man mit seiner Anzahl von Bildern limitiert. Deshalb muss ich das Motiv auswählen und mitdenken, das heißt, alle Einstellungen selbst vornehmen. Das zwingt mich zum Entschleunigen, denn ich selektiere schon im Kopf. Der zweite Grund ist die Technik und das Sammelfieber: Vieles an den alten Kameras und dem Prozess ist noch rein mechanisch, robuster und einfacher zu reparieren. Für mich ist das Gefühl der analogen Fotografie entscheidend. Ich spüre jeden Schritt beim Erschaffen eines Fotos.

Was ist für dich der wesentliche Unterschied zwischen einem digital entstanden Foto und einem Analog-Foto?

Ein digitales Bild kann sehr klinisch und rein wirken. Ein analoges Bild sieht einfach anders aus. Es lebt. Vielleicht denkt mancher, das ist reines Nostalgiegefasel. Aber jeder, der schon mal aufmerksam analog und digital verglichen hat, weiß, was ich meine. Außerdem sieht man sein Ergebnis erst am Ende des Films, das macht es jedes Mal zu einem spannenden Unterfangen.

Wie verortest du dich zwischen Massenknipsen, Selfiewahn und der Schnelllebigkeit der Digitalisierung?

Mittendrin. Ich genieße natürlich auch die Vorzüge immer besser werdender Handykameras – jederzeit meine analogen Kameras dabei zu haben, geht leider nicht. Bei Instagram und Konsorten bin ich allerdings skeptisch. Die Plattformen bieten enormes Potential für Kreativität, aber genauso viel Potential für Destruktivität der Fotokultur.

7 Tipps von Michael für einen perfekten Einstieg in die analoge Fotografie

  1. Welche Kamera ist die beste?

Michaels analoge Kleinbildkamera von 1977 funktioniert einwandfrei. 

Wer einfach loslegen will, für den ist eine Kleinbildkamera genau das Richtige, denn sie ist handlich und gut ausgerüstet. Suchst du eine Kamera mit einfacher Handhabung, dann ist eine Autofokus-Kompaktkamera sinnvoll. Mit technischen Vorkenntnissen empfiehlt sich eher eine manuelle Messsucher- oder Spiegelreflexkamera. Zu beachten: Sobald man sich dich für eine Marke entschieden hat, ist man aufgrund des passenden Zubehörs oft an diese gebunden. Beim Kauf von analogen Kameras ist es wichtig zu beachten, dass die Kamera eine Batterie hat, die man heute noch nachkaufen kann!

  1. Was für ein Objektiv benötige ich?

Objektive gibt es wie Sand am Meer, somit muss man herausfinden, welches zu einem passt.

Ähnlich wie bei der digitalen Fotografie sollte man wissen, was man fotografieren möchte, denn danach wählt man die passenden Objektive aus. Landschaft, Street, Gruppen, Reportage und Totalen lassen sich prima mit einem 28 oder 35 mm Weitwinkelobjektiv einfangen. Ein Allzweckobjektiv (50 mm) ist besonders gut für kleine Gruppen oder Portraits geeignet. Ein Reiseobjektiv mit verstellbarer Brennweite (28-75 mm) ist flexibel im Einsatz. Dieses ist jedoch weniger lichtstark als eine Festbrennweite (Link zu was ist eine Festbrennweite. Wer ausschließlich Portraits und Detailaufnahmen machen möchte, sollte ein 80-105 mm Objektiv kaufen. Für Fern-, Tier- und Sportaufnahmen sind die > 200 mm Objektive am besten geeignet.

  1. Wie finde ich den passenden Film?

Wer Streetfotografie und den Reportagestyle mag, für den ist ein Schwarz-Weiß-Film eine schöne Option. Für Vintage-Liebhaber*innen und Lifestyle -Fotograf*innen empfiehlt sich ein Farbnegativ-Film. Dabei unterscheiden sich die Filme in Körnung und Farbsättigung, sodass man seinen Lieblingslook nur durch Ausprobieren finden wird.

  1. Wie belichte ich richtig?

Schwarz-Weiß-Filme haben einen ganz besonderen Look und eignen sich gut für Strukturen und Licht-Schatten-Spielen, beispielsweise Michaels Wettbewerbsfoto. Copyright: Michael Plagge.

Wer Schnappschüsse machen will, stellt auf Programmautomatik. Wer den Schritt in den manuellen Modus wagt, musst sich zwangsläufig mit dem Belichtungsdreieck auseinandersetzen. Zudem wichtig: Film liebt Licht, deshalb eher über- statt unterbelichten. Gerade der Farbfilm verträgt mindestens zwei Blendenstufen mehr. 

  1. Wo lasse ich den Film entwickeln?

Die meisten Drogeriemärkte, Fotoläden und Fachlabore entwickeln die Filme. Es empfiehlt sich, die Fotos digitalisieren zu lassen, um die ersten Werke zu begutachten und gegebenenfalls mit einem Bildbearbeitungsprogramm nachzubearbeiten. Außerdem kann man die Negative beantragen oder gleich die Fotos auf Fotopapier entwickeln lassen. Ein eigenes Labor ist erst für Analog-Profis interessant, da man neben Geld auch viel Zeit und Wissen investieren muss.

  1. Gibt es bei der Lagerung der Materialien etwas zu beachten?

Der Film muss dunkel und kühl aufbewahrt werden, beispielsweise im Kühlschrank. Auf Reisen sollten die Filme ins Handgepäck und wenn möglich nicht geröntgt werden, da die Strahlung das Bildmaterial beschädigen kann. Für die entwickelten Negative ist ein Ringbuch mit lichtdichter Verpackung und Baumwollhandschuhe eine smarte Anschaffung. Fettfinger beschädigen nämlich die Substanz auf Dauer.

 Wie kann ich gute Ergebnisse erzielen?

Wer Spaß an neuen Aufgaben hat und die Ergebnisse dann noch festhält, ist auf dem Weg zum Profi.

Eine analoge Kamera speichert keine Daten, somit lohnt es sich Einstellungen zu einer bestimmten Bildsituation schriftlich festzuhalten, damit gute Ergebnisse wiederholt werden und Fehler ausgemerzt werden können. Experimentieren und Notieren, das ist die Devise.

Video: Klang zum Anfassen

Zwischen Audiophilen und Vintage-Hipstern arbeitet Chris Keim in seinem Freiburger Plattenladen. Seine Leidenschaft und den Charme von Vinyl begründet er sowohl technisch als auch haptisch. Aber Analoge Musik fängt nicht erst bei der Schallplatte an: Wolfgang Amrein nimmt im Tonstudio gelegentlich noch analog auf und weiß um die Vorteile bei der Arbeit mit Tonband.

Podcast: Vinyl, Film und die Hintergründe von analogem Medienkonsum in der digitalen Gesellschaft

Dr. Dominik Schrey erklärt im Gespräch mit Max Keefer die analoge Nostalgie. Warum ausgerechnet Schallplatten ins All geschickt werden, ob Vinyl wirklich besser klingt und warum Bücher gar nicht analog sind.

Eine Gemeinschaftsproduktion von Robin Sester (Fotos), Frieder Schaupp, Max Keefer und Saskia Rohleder im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft.

Seminarleitung, Redaktion: Silvia Cavallucci, Karsten Kurowski, Ragna Plaehn.

Fotos: Robin Sester, Wettbewerbsfoto UB: Michael Plagge
Veröffentlicht am 12. September 2019

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