Album der Woche: Betterov – Viertel vor Irgendwas

Album der Woche: Betterov – Viertel vor Irgendwas

Aufgewachsen mitten im Thüringer Niemandsland, zum Studium nach Berlin, an der Popakademie vom zukünftigen Produzenten erwischt und jetzt die Debut-EP: Die bisherige Vita von Betterov liest sich wie der feuchte Traum aller aufstrebenden Künstler*innen. Nach den Singles „Dynamit“ und „Angst“ kam am 20. März die EP Viertel vor Irgendwas. Betterov singt vom Scheitern und Verschanzen, von der Flucht in die Fremdbestimmtheit und der Selbstbefreiung aus der Isolation.

Produziert wurde Viertel vor Irgendwas von Tim Tautorat, der sonst für seine Arbeit mit Faber oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Deutschpop-Baum pflückt. Der Vergleich mit den genannten Künstlern liegt natürlich nahe: Popmusik mit Indie-Anleihen, ein bisschen die Gesellschaft ankreiden und, natürlich, die einnehmend tiefe Stimme. Doch anders als seine Vorgänger muss sich Betterov nicht auf seiner  Stimmlage ausruhen, die Songs bekommen ihre Tiefe auch abseits von Tonfrequenzen. Der studierte Schauspieler baut in intime Texte subtile Kommentare zu Produktion, Liberalismus und Ausgrenzung ein. In „Das Tor geht Auf“ malt er die Eröffnungsszene von Metropolis mit Worten nach, verpackt Kapitalismuskritik in der eigenen romantischen Sehnsucht.

Klanglich ist Viertel vor Irgendwas eine Ode an Dark Wave und Post-Punk der späten Siebziger, mit einem Schuss Neue Deutsche Welle. Damit macht Betterov musikalisch nicht viel neu, aber auch keinen Hehl daraus:  mit angedeuteter Verbeugung werden mehrfach die Smiths zitiert.

“Falls ich irgendwo unter die Räder komm

Möcht ich neben dir bestattet sein”

Betterov – Irrenanstalt

“And if a double-decker bus Crashes into us

To die by your side Is such a heavenly way to die” 

The Smiths – There is a light that never goes out

Die Zitate sind aber kein unmotivierter Fingerzeig: Die Verweise bereichern den Inhalt, sodass Betterovs Musik trotz allen Referenzen nie zu nostalgischem Kitsch verkommt. Das liegt zum einen an den Arrangements, vor allem aber am fokussierten Songwriting, das sich thematisch konsequent zwischen Isolation und befreitem Rausch bewegt. Mit „Viertel vor Irgendwas“ klaut uns Betterov einen Blumenstrauß aus Songs vom Friedhof seiner musikalischen Vorbilder und Mitstreiter zusammen und haucht ihnen neues Leben ein.

von Max Keefer

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Veröffentlicht am 24. März 2020

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