uniFM Halbjahres-Charts: Moses Sumney vs. Perfume Genius

uniFM Halbjahres-Charts: Moses Sumney vs. Perfume Genius

Das einzig Gute an 2020 ist die Musik. Um die besten Platten des bisherigen Jahres zu würdigen, stellen Redakteur*innen zwei ihrer Alben des Halbjahres gegenüber und müssen sich für eines entscheiden. Heute: Jonas Hägele und das Erwachsenwerden.

Moses Sumneys zweites Studioalbum grae erschien am 15. Mai. Am gleichen Tag kam auch Set My Heart on Fire Immediately heraus, das fünfte Album, das Mike Hadreas unter dem Namen Perfume Genius veröffentlichte. Weil die Werke noch viel mehr verbindet als nur ein Erscheinungsdatum, lohnt sich ein genauerer Vergleich.

Mit Themen wie Maskulinität, sexueller Ambivalenz und marginalisierten Formen von Körperlichkeit im Gepäck, nutzen beide Songwriter ihre eigene Coming of Age Story, um ambitionierte Statements auf Albumlänge zu schaffen. Dabei lassen sie etablierte Genregrenzen weit hinter sich. Bei allen Ähnlichkeiten unterscheidet sich der Höreindruck der Alben aber trotzdem stark voneinander. Ein Grund dafür: Sumney und Hadreas übertragen ihre überbordenden Ambitionen auf gegensätzliche Art auf das Format eines Musikalbums.

Bei grae wird diese Ambition schon bei einem Blick auf die Tracklist deutlich, die 20 Titel umfasst. Ähnlich uferlos ist auch die Menge an musikalischen Stilen, die den Hörenden begegnen. Moses Sumney machte zuerst als Kollaborationspartner von Sufjan Stevens von sich reden. Dessen barockartige Interpretation von Indie-Folk bildet so etwas wie ein Fundament von Sumneys musikalischer DNA, vermischt mit den Eckpfeilern schwarzer US-amerikanischer Musikkultur wie R’n’B, Soul und Jazz. Collagenartige elektronische Soundexperimente und Elemente von Spoken-Word Poesie treiben den Klangkosmos von grae dann endgültig in eine experimentelle Richtung.

Abgesehen von Ausnahmen wie der ersten Single “Virile”, verdichtet Sumney seine vielen Ideen nur selten zu wirklich kohärenten Songs. Stattdessen ist grae ein fluides Gesamtwerk, in dem inhaltliche und narrative Motive immer wieder auftauchen. So wie Sumney die Kategorien seiner eigenen Identität hinterfragt – Geschlecht, ethnische Herkunft, Sexualität – scheint grae die Kategorie des Songs als feste musikalische Einheit zu hinterfragen. Oftmals fühlt sich das Album nicht nur genre-, sondern auch formlos an. Leicht verdaulich ist das alles nicht, gerade bei über einer Stunde Laufzeit.

Im direkten Vergleich wirkt Set My Heart on Fire Immediately konventioneller – immerhin hat Mike Hadreas kein Interesse daran, die Kategorie des Songs zu dekonstruieren. Im Gegenteil, die dichten Arrangements einzelner Tracks prägen den Gesamteindruck des Albums. Zusammen mit einer Vielzahl an Studiomusiker*innen schafft Hadreas 13 instrumentale Mikrokosmen, die eher für sich selbst stehen, als in ein übergeordnetes klangliches Konzept zu passen. Die barockartige Ballade “Moonbend” wartet etwa mit Querflöte und klassischer Gitarre auf. “Describe” verbindet dagegen Shoegaze und Americana zu einem erdigen Gemisch, das düsterer und druckvoller klingt, als man es bisher von Perfume Genius kannte.

Bei so radikalen stilistischen Sprüngen machen die wiederkehrenden inhaltlichen Motive auch Set My Heart on Fire Immediately zu einem kohärenten Album. Hadreas‘ Texte leben davon, anhand so universaler Themen wie Sehnsucht, Verwundbarkeit und Sex einen Konflikt zwischen träumerischer Ekstase und dem sinnlichen Potential des menschlichen Körpers auszuhandeln. Dabei ist seine detailverliebte und persönliche Art des Storytellings weniger fragmentarisch als die von Moses Sumney.

Während Set My Heart on Fire Immediately also eine Sammlung dicht arrangierter, in sich abgeschlossener Songs geworden ist, lebt grae als fluides Gesamtwerk gerade von seiner fehlenden Abgeschlossenheit. Aber macht das eines der Alben besser als das andere? An sich hat Moses Sumney das konsequentere und mutigere Werk geschaffen. Allerdings klaffen konzeptueller Anspruch und Hörgenuss bei grae doch etwas auseinander. Das Album kann sich schnell ermüdend anfühlen, und auch nach mehreren Durchläufen bleiben nur wenige Momente wirklich hängen. Auf Set My Heart on Fire Immediately findet Mike Hadreas dagegen zu einer perfekten Balance aus inhaltlicher Schwere und musikalischer Leichtigkeit – die konventionellere Form seiner Songs lassen die Texte nur noch pointierter wirken.

Es mag widersinnig erscheinen, einen Sieger zu küren im Vergleich zweier Alben, die beide auf ihre Art Multiplizität zelebrieren. Aber ich habe die Regeln nicht gemacht. Set My Heart on Fire Immediately ist das bessere Album.

von Jonas Hägele

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Veröffentlicht am 20. Juli 2020

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