„Für mich ist es ein Lebenselixier, allein sein zu können“, sagt Andreas Urs Sommer. Der Professor lehrt Kulturphilosophie an der Universität Freiburg. Für ihn sei Zeit mit sich selbst kein Mangel, sondern eine Gelegenheit: sich besser kennenlernen, Energie schöpfen und ein Bewusstsein für das eigene Selbst aufbauen.

Begrifflich sei das freiwillige Alleinsein von der Einsamkeit abzugrenzen, betont der Kulturphilosoph. Bis ins 20. Jahrhundert sei die Einsamkeit noch ein Privileg der Gelehrten und Geistlichen gewesen. Heute sei sie negativ konnotiert und mit Ausweglosigkeit und erzwungener Isolation verbunden. Das Alleinsein dagegen sei eine freiwillige Entscheidung.

Mutram Peters kennt diesen Unterschied aus der Praxis. Der Psychologe berät Studierende bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studierendenwerks Freiburg (SWFR). „Der Unterschied zur nicht-freiwilligen Einsamkeit liegt beim freiwilligen Alleinsein in der höher empfundenen Bewältigungsfähigkeit, Gestaltungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit”, sagt er. Wer sich fürs Alleinsein entscheidet, traut sich zu, damit umzugehen.
„Ich kann es auf jeden Fall empfehlen”
Die 22-jährige Studentin Mathilda Saxer und Maxima Duncker, eine 18-jährige Abiturientin, nehmen sich bewusst Zeit für sich allein. Im Video berichten sie, welche Vorteile sie daraus ziehen.
Mathilda und Maxima sehen im Alleinsein eine wertvolle Möglichkeit, sich auf sich selbst einzulassen und Abstand vom hektischen Alltag zu gewinnen. Doch es gibt auch Nachteile.
„Menschen sind Beziehungswesen”
„Die Gefahren und die Chancen liegen sehr eng beieinander”, warnt Sommer. „Die Potenziale der Selbstreflexion und die Gefahren der Selbstzerfleischung sind beide gegeben.” Die allein verbrachte Zeit zeige eben auch die eigenen Grenzen auf. „Menschen sind Beziehungswesen”, so Sommer. Damit sei man immer auch auf andere Menschen angewiesen.
Im Alleinsein sieht Sommer die Gefahr der Selbstkritik, die in Selbstzerfleischung ausufert. „Menschen, die Einsamkeit als große Belastung empfinden, die kein soziales Netzwerk haben, neigen dann auch dazu, sehr hart mit sich selbst zu sein”.
Mit dem Alleinsein umzugehen, lässt sich lernen. „Das positive Empfinden stellt sich mit der Übung ein”, erklärt Peters. „Möglich ist es für die allermeisten Menschen, auch wenn es vielleicht für den einen mehr Übung und Ausdauer braucht als für den anderen, bis man sich allein wohl fühlen kann.” Und Experte Sommer empfiehlt: „Ich würde einfach mal raten, es mit freiwillig gesetztem Alleinsein auszuprobieren.”
Was unternimmst du gerne allein?
Passant*innen in der Freiburger Innenstadt erzählen, wann sie zuletzt Zeit allein verbracht haben. Sie geben Tipps, wie sich allein verbrachte Zeit gestalten lässt und berichten, wie sie sich beim Alleinsein fühlen.
Eine Gemeinschaftsproduktion von Clara Fuchs, Lara Amelie Paul und Eileen Werner im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft. Seminarleitung, Redaktion: Ada Rhode, Andreas Nagel, Philip Thomas, Dirk Fellmoser, Max Keefer.



