Als Angela Merkel den Großen Saal des Freiburger Stadttheaters betritt, bricht Beifall aus. Sie lächelt und winkt dem Publikum zu. „So, dann werde ich Ihnen mal vorlesen“, sagt sie kurz. Merkels trockene Art amüsiert die knapp 900 Gäste. Sie kennen Merkel als abwartende Politikerin. In der Vergangenheit wurde ihr nicht ohne Grund vorgeworfen, zu zögerlich zu sein und Probleme auszusitzen.
Das sei schon in ihrer Kindheit so gewesen, berichtet Merkel: Als Schülerin im Schwimmunterricht haderte sie die gesamte Schulstunde damit, vom Dreimeterbrett zu springen. Absichtlich stellte sie sich als letzte an. Nach einer gefühlten Ewigkeit dann ihr Entschluss: Sie könne sich doch nicht vor ihren Mitschülern lächerlich machen? Also sprang sie ins Wasser. Eine Eigenart, der ihren Politikstil prägen würde.
Willkür und Druck
Dass die DDR ihre Bürger*innen aufmerksam beobachtete und sogar im großen Stil beschattete, diese Erfahrung musste Angela Merkel während ihres Abiturs machen: Geplant war, das Gedicht „Mopsleben“ von Christian Morgenstern zum Abgang vorzutragen. Darin ist die Rede von auf Mauern sitzenden Hunden, die eine bunte Welt außerhalb der Mauer betrachten – eine Mahnung, nicht zum Mops auf der Mauer zu werden.
Abgerundet werden sollte Merkels Darbietung mit einer Gesangseinlage der Sozialistischen Internationalen – und zwar auf Englisch. Ihr Vater hielt das für eine absolut fantastische Idee, resümiert Merkel ironisch. Allerdings applaudierte nach dem Auftritt der Gruppe in der Schule niemand. Stattdessen „lautes Schweigen“.
Der Auftritt würde Folgen haben. In den kommenden Tagen und Wochen wurde Merkels Abschlussklasse kollektiv ausgegrenzt und angeprangert. Sogar die Stasi schaltete sich ein und verhörte alle Schüler der Klasse, berichtet Merkel im Freiburger Theater.
Die Drahtzieher, darunter auch Merkel, befragte das Ministerium nicht. Das löste bei Merkel ein beklemmendes Gefühl aus, berichtet sie. Wochenlang wurden sie und ihre Schlussklasse in der Schwebe gehalten. Schließlich initiierte Merkels Vater über Kirchenjuristen eine Lösung des Konflikts. Und Merkel sowie ihre Klassenkameraden wurden bloß öffentlich gerügt.
„Irgendwas mit Frauen“
In der CDU machte Angela Merkel schnell Karriere. Sie verkörperte drei Eigenschaften, die in der CDU eher selten waren: Sie war eine Frau, jung und aus dem Osten. In einem Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl fragte dieser die junge Politikerin, wie gut sie sich mit Frauen verstehe. Verdutzt antwortete Merkel: „Ich verstehe mich mit Frauen so gut wie mit Männern.“ Das reichte 1991 offenbar aus, um Angela Merkel zur Ministerin in Kohls Kabinett zu machen.
Merkel begriff in dieser Situation nicht einmal, dass es sich dabei um eine Art Bewerbungsgespräch handelte. Erst Monate später erfuhr sie vom designierten Verkehrsminister Günther Krause, dass es sich hierbei um ihre Ernennung zur Bundesministerin für Frauen und Jugend handelte. „Ich habe von Kohl gehört, dass du Ministerin wirst. Irgendwas mit Frauen,“ habe Krause gesagt.
Die Gäste im Freiburger Theater wollten die ehemalige Bundeskanzlerin vor allem als Mensch und weniger als Staatsfrau kennenlernen. Wie viel Merkel von sich preisgab, da gingen die Meinungen der Zuschauer*innen auseinander. Ein Merkel-typischer Mittelweg also?
Die Machos in der Politik
Dass mit Frauen in der Politik anders umgegangen wurde als mit Männern, wurde Angela Merkel erneut bei der Bundestagswahl 2005 bewusst: Merkels Union lag einen Prozentpunkt vor der SPD des amtierenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder.
Faktisch hatte Merkel die Wahl gewonnen. Die einzig mögliche Regierungskoalition war ein Bündnis aus Union und SPD. Eigentlich schien alles bereitet, aber Schröder wehrte sich mit Händen und Füßen. In der legendären Elefantenrunde nach der Wahl im September sagte Schröder: „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden? Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen.“
„Wahnsinn“ dachte Merkel sich in diesem Moment. Ob Schröder einen Mann in dieser Situation wohl auch so behandelt hätte? Das Ende des Lieds war eine Große Koalition aus Union und SPD. Und Angela Merkel wurde zur ersten deutschen Bundeskanzlerin. „Die Kirche blieb im Dorf“, schließt sie.



