Hallo Frau Alleweldt, Sie sind Professorin an der Berliner Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogik und beschäftigen sich unter anderem mit der Soziologie der Freundschaft. Wie entstehen Freundschaften?
Das ist eine große und wichtige Frage. Ich schaue vor allem aus soziologischer Perspektive darauf und da ist ein wichtiger Aspekt: Welche Gelegenheitsräume gibt es in der Gesellschaft, in denen Menschen regelmäßig aufeinandertreffen und Freundschaften entstehen können?

Wenn man auf den Lebenslauf schaut, fällt einem direkt der Kindergarten oder die Schule ein, wo erste Freundschaften und Begegnungen entstehen. Interessant ist, dass viele lange Freundschaften auf die Schulzeit oder Studienzeit zurückgehen. Das zeigt, dass es gesellschaftliche Bedingungen für das Entstehen von Freundschaften gibt. Zusammengefasst sind das meist Zeiten, in denen es Räume gibt und entsprechend Zeit verfügbar ist, miteinander etwas zu unternehmen. Daraus kann sich dann etwas entwickeln.
Freundschaften entstehen meist nicht von heute auf morgen. Es gibt Studien, die zeigen, dass man eine bestimmte Stundenanzahl miteinander verbracht haben muss, damit eine Form von Vertrautheit entsteht, die uns von Freundschaft sprechen lässt.
Unter anderem zeigt uns die Homophilie-Forschung, dass eine gewisse Ähnlichkeit – Ähnlichkeit der Lebensumstände, ähnliche Interessen – auch dazu beiträgt, dass wir uns miteinander befreunden.
Was unterscheidet Frauen- von Männerfreundschaften?
Das ist die große Frage, die die Freundschaftssoziologie behandelt.
Ohne essentialisieren zu wollen, besteht – wenn wir uns die Alltagsrealität anschauen, die subjektiven Vorstellungen von Freundschaft und die Freundschaftsdiskurse – nach wie vor die Vorstellung, dass sich Frauen- und Männerfreundschaften unterscheiden. In einer Unterscheidungsdimension wird gesagt, dass Frauen eher face-to-face und Männer eher side-by-side Freundschaften führen.
Frauenfreundschaften fokussieren sich auf das Gespräch und die Emotionalität, während Männerfreundschaften eher instrumentalisiert und auf etwas Drittes bezogen sind.
Warum gestalten sich Frauenfreundschaften anders als Männerfreundschaften?
Frauen neigen eher dazu, über sich zu sprechen, das Gespräch zu suchen, die Beziehung als solche in den Vordergrund zu stellen, wodurch eine enge Bindung entsteht. Wir wissen aus Studien, dass Frauen ähnliche Skills wie Therapeutinnen in Gesprächen an den Tag legen. Mit Blick auf die geschlechtsspezifische Sozialisation, sind Männer eher nach außen hin sozialisiert.
Das sind Erklärungsmuster, die man heranziehen kann, die aber sicherlich kein komplettes Bild abgeben, weil wir uns zum Beispiel auch Strukturen anschauen müssen.
Männer waren historisch gesehen eher in öffentlichen Räumen präsent, die es lange für Frauen nicht gab. Frauen mussten sich ein stückweit zurückziehen und im Privaten miteinander in Kontakt treten. Während Männer schon immer sozusagen die große, öffentliche Bühne hatten. Deshalb wird auch erst Anfang des letzten Jahrhunderts in der Literatur der Punkt gesehen, an dem Frauen aus dieser Verborgenheit heraustraten und dadurch auch Frauenfreundschaften sichtbarer wurden.
Früher fanden Frauenfreundschaften weniger Beachtung. Philosophen wie Montaigne betrachteten Frauen gar als unfähig, freundschaftliche Verbindungen einzugehen. Warum wurden Frauenfreundschaften nicht thematisiert?
Einen Grund habe ich schon genannt: Weil es kaum öffentliche Räume für Frauen gab. Das heißt aber nicht, dass es keine Frauenfreundschaften gab. Die gab es, und die gab es auch in besonderer Weise. Sie sind aber kaum in der Literatur dokumentiert.
Wenn wir uns Philosophen oder Soziologen anschauen, die den Grund darin sahen, dass das weibliche Geschlecht zu wenig zum Führen von Freundschaften fähig wäre, dann ist das heute völlig überholt. Frauen wurde schlichtweg die Kompetenz abgesprochen, solche Freundschaften führen zu können.
Das hatte natürlich auch etwas damit zu tun, dass diese Freundschaften teilweise eine politische Dimension hatten. Freundschaft zwischen Frauen kann als eine politische Ressource und ein wirksames Mittel zur Herstellung positiver Geschlechtsidentitäten verstanden werden.
Das Bild von gleichgeschlechtlichen Freundschaften hat sich im Laufe der Zeit aber gewandelt.
Wenn wir uns den Freundschaftsdiskurs heute anschauen, wird in Frauenfreundschaften eher das Ideal gesehen als in Männerfreundschaften. Im Grunde verkörpern Frauenfreundschaften das, was heute zählt: Die Kompetenz, sich miteinander zu verständigen, emotional, empathisch auf den anderen einzugehen.
Wenn wir uns aber die mediale Darstellung anschauen, gibt es immer noch diesen Blick: Frauenfreundschaften, das sind eigentlich Zickenkriege, da spielen Neid und Eifersucht rein. Es gibt immer noch diese andere Seite von Frauenfreundschaften, bei denen hinterfragt wird, ob Frauen überhaupt in der Lage sind, auf Augenhöhe miteinander in Kontakt zu treten.
In der Tendenz werden Frauenfreundschaften heute stärker idealisiert, bei gleichzeitiger Abwertung.
Es gibt diese mediale, klischeehafte Darstellung von Frauenfreundschaften als dramenreich oder als Zickenkrieg. Wie gehen denn Männer und Frauen tatsächlich mit vermeintlicher Konkurrenz oder Konflikten in Freundschaften um?
In meinen Untersuchungen mit Fokus auf Frauenfreundschaften hat sich gezeigt, dass der Umgang mit Konflikten für die interviewten Frauen teilweise schwierig ist. Gerade bei größeren Konflikten erfolgt eher der Rückzug und insgeheim wird danach gehofft, dass sich der Konflikt von selbst erledigt. Das heißt, Konflikte in Freundschaften zu bewältigen, ist zumindest aus den Studien oder aus den Erfahrungen, die ich gemacht habe, nach wie vor ein Thema.
Das zeigt für mich wieder, dass Freundschaften nach wie vor idealisiert werden. In der Form, dass sie als eine freiwillige Sache gesehen werden und mit hohen Erwartungen verbunden sind. Es gibt teilweise aber wenig Skills oder Handwerkszeug, um mit Konflikten umzugehen.
Männerfreundschaften wird eher zugeschrieben – dadurch, dass man sich auf etwas Drittes konzentriert – dass Konflikte weniger besprochen und mehr durch das Tun ausgehandelt werden.
Sie haben von Erwartungen gesprochen, die an Freundschaften gestellt werden. Welche Erwartungen haben denn Frauen an ihre Freundschaften?
Was immer genannt wird, ist: Möglichst viel miteinander zu teilen, sich auf die andere verlassen zu können, in Krisenfällen füreinander da zu sein, sich alles anvertrauen zu können, Verständnis für den jeweils anderen zu haben. Also eine hohe Form von Privatheit, Intimität und in gewisser Weise auch Exklusivität.
Diese These verfolge ich gerade: Da findet – mit dem romantischen Ideal von Freundschaft einhergehend – eine starke Emotionalisierung von Freundschaft statt. Das steht auch mit dem Shift hin zu Frauenfreundschaften im Zusammenhang.
Sie sind in einer Studie der Frage nachgegangen, welche Funktion und Bedeutung Frauenfreundschaften haben. Dazu haben sie Frauen aus verschiedenen Milieus befragt. Wie realistisch sind die Erwartungen, die gestellt werden?
Das hängt von unterschiedlichen Aspekten ab, sicherlich auch von der Dauer der Freundschaft. Letztlich auch von der Möglichkeit, dass die Freundschaft von einem institutionellen Rahmen getragen wird. Wenn man zusammen studiert, arbeitet oder ein Projekt verfolgt, dann lebt man die Freundschaft mehr aus und kann, wenn eine Krise eintritt, darauf vertrauen, dass der oder die andere da ist.
Wenn man 1.000 Kilometer voneinander entfernt wohnt, stellt sich das anders dar.
Ich habe mir das in einer Studie milieubezogen angeschaut mit der These: das Ideal von Freundschaften ist das eine, aber die Umsetzung ist das andere. Sie hängt nicht nur von mir und meinen Privatinteressen ab, sondern ist gesellschaftlich bedingt. Dann kann man schauen, unter welchen Bedingungen werden Frauenfreundschaften geführt und wie unterscheiden sich die Erwartungen. Die einen, die hoch mobil sind, sagen: Ich muss jederzeit meine Freundin anrufen können oder die Möglichkeit haben, in Kontakt zu sein. Wohingegen die lokalorientierte Verkäuferin darauf angewiesen ist, sich wirklich in Präsenz zu treffen, um eine Entlastung aus dem Alltag zu haben.
Da gehen Erwartungen und Vorstellungen auseinander. Genauso wie es Unterschiede darin gibt, wie Freundschaften gelebt werden und welche besondere Funktion sie einnehmen.
Aber diese Erwartungen sind reell und sie bergen ein hohes Enttäuschungspotenzial. Vor allem, wenn zum Beispiel Freundinnen in der Altersgruppe zwischen 25 und 30 Partnerschaften eingehen oder Familie gründen und man selbst vielleicht nicht in dieser Phase ist. Dann spielt man – so hat es eine Interviewpartnerin beschrieben – eben nur die zweite Geige. Das ist schwierig.
Auch andere Frauen schildern diese stückweite Konkurrenz zwischen romantischer Liebesbeziehung und Freundschaft.
Welche Auswirkungen haben enge Frauenfreundschaften auf das Leben von Frauen?
Wie in den Interviews für meine Forschung dargestellt ist das eine Form von sozialer Aufgehobenheit, die eine andere Qualität hat gegenüber Paarbeziehungen. Bei Freundschaften schwingt häufig die Idee und Erwartung mit, dass sie auf Dauer angelegt sind und man befreundet bleibt.
Sie haben die Funktion einer Vertrauensperson, aber auch die Funktion, gesellschaftlich eingebunden zu sein. Zum Beispiel wenn es um das Thema Geburtstag geht und die Frage: „Wen lade ich ein?“
Sie haben auch die Funktion, mit jemand in Austausch und Kontakt zu treten. Gerade wenn es um Entscheidungen, Lebensentscheidungen, geht, sich da auf Augenhöhe zu begegnen.
Die Lebensmodelle der Menschen wandeln sich. Zunehmend hat man den Eindruck, dass Freundschaften an Bedeutung gewinnen. Welche Entwicklung lässt sich bei der Bedeutung von Freundschaften im Vergleich zu der von romantischen Partnerschaften beobachten?
Insgesamt ist Freundschaft sichtbarer geworden im Diskurs. Sicherlich auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft und auch vor dem Hintergrund, dass sich soziale Beziehungen globalisieren. An Bedeutung hat sie in Form von Normativität und Erwartungen an das schöne und gute Leben gewonnen.
Wir haben auch bei den Paarbeziehungen Veränderungen: Die Ehe ist eine Möglichkeit unter vielen. Das heißt, das ist soziologisch gesehen ein Shift hin zur Freundschaft, wenn gesagt wird: Das ist noch eine Beziehungsform, die an Bedeutung gewinnt. Die Frage ist aber immer: Ist das auch auf der auf der Ebene der sozialen Realität abbildbar?
Denn das Alltagsleben ist häufig paar-organisiert. In jüngeren Jahren wird durchaus in WGs und anderen Zusammenhängen freundschaftlich zusammengelebt. Im Bereich der Älteren gibt es Alten-WGs oder andere Formen des Zusammenlebens. Aber inwieweit es die Strukturen hergeben, dass wir unser Alltagsleben freundschaftlich organisieren – mit Freunden wegfahren, den Freund oder die Freundin anrufen statt des Partners oder die Partnerin, gerade wenn Kinder im Spiel sind – muss man sich genau anschauen, ob es da wirklich gesellschaftlich eine Veränderung gibt oder nicht.
Es gibt von dem französischen Philosophen Lagasnerie das Buch „3“ zu Freundschaften, das im Grunde die Bedeutung von Freundschaft gegenüber Paarbeziehungen in der Gesellschaft darstellt. Er sagt, dass das Leben eigentlich so getaktet und so paar-orientiert ist, dass Freundschaft dem nicht nachkommen kann.
Wenn in der sogenannten Rushhour des Lebens womöglich alles zusammenfällt – Karriere, Familie – da zeigt sich schon, dass Freundschaften weniger Bedeutung haben gegenüber den anderen Beziehungen.
Wie ist es, wenn wir die Uni verlassen und ins mittlere Alter kommen? Da liest man immer wieder, dass sich die Zahl der Freundschaften ausdünnt. Ist das wirklich so?
Was man sagen kann, ist, dass sich Freundschaften verändern, wenn zum Beispiel Familien gegründet werden. Dann brechen alte Freundschaften vielleicht weg und neue kommen dazu.
Wie wichtig sind Freundschaften generell für Frauen?
Das ist natürlich subjektiv, wie wichtig einem Freundschaften sind. Grundsätzlich – das zeigen auch meine Untersuchungen – ist es so, dass die Bedeutung von Freundschaft sehr hoch ist. Subjektiv gesehen wird dem eine große Wichtigkeit zugeschrieben, die sich aber nicht unbedingt immer in der eigenen Aktivität widerspiegelt.
Das geht manchmal auseinander. Wir wollen Freundschaften. Doch dann zeigt sich in Interviews, dass gesagt wird: „Heute schaffe ich das nicht mehr. Mir ist das eigentlich alles viel zu viel.“
Ein Blick in die Zukunft: Was glauben Sie, wie könnten sich Frauenfreundschaften zukünftig entwickeln?
Mein Wunsch wäre, dass Freundschaft insgesamt eine größere Rolle spielt in der Gesellschaft. Dass sie nicht nur auf das Gespräch reduziert wird. Dass es auch in irgendeiner Form eine Institutionalisierung von Freundschaft gibt. Beispielsweise dass der Geburtstag mit Freunden und nicht mit dem Partner gefeiert wird oder nicht mit der Familie, sondern mit Freunden zu verreisen.
Dass Freundschaften als gleichrangig zu anderen Beziehungen gesehen werden und damit eine Vielfältigkeit bieten für Menschen, sozial eingebunden zu sein. Dass wir Freundschaft auch als soziale Eingebundenheit gesamtgesellschaftlich sehen, als sozialen Zusammenhalt stiftend und nicht nur als Exklusivität.
uniCROSS beschäftigt sich aktuell mit dem Thema Female* Empowerment, was bedeutet der Begriff für Sie?
Mit Blick auf Frauenfreundschaften heißt Female Empowering für mich, Freundschaftsräume zu öffnen. Frauenfreundschaften sind für mich Beziehungen auf Augenhöhe, die geprägt sind von gegenseitigem Verständnis, dem (Mit-)Teilen von Gefühlen und Gedanken und dem gemeinsamen „Tun“. Freundschaft ist für mich nicht nur ein persönlicher Wert, sondern auch ein Bildungs- und Entwicklungsprozess, in dem sich die Persönlichkeit formt. Durch Freundschaften kann man sich gegenseitig bereichern, fördern und inspirieren. Es entsteht etwas Neues – nicht nur in einem selbst, sondern auch im anderen.



