Hallo Susanne, du machst Tiktoks zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust und hast jetzt ein Buch über Erinnerungskultur in Deutschland geschrieben. Wie bist du zu dem Thema gekommen?

Ich habe vor fünf Jahren angefangen zum Außenlager in meiner Heimat zu recherchieren. Das war ein großes Außenlager von Dachau, das ziemlich unbekannt ist.

Ich habe angefangen zu recherchieren, weil dort gar nichts so aussieht wie ich mir ein ehemaliges KZ vorgestellt habe. Ich begann dann vor allem in Online- Archiven zu recherchieren und habe gemerkt, dass man viele Informationen frei zugänglich finden kann. Vor allem Dokumente über Gerichtsprotokolle, Infos zu Überlebenden, Lagerdokumente. Diese Informationen wollte ich teilen und Instagram war dafür ein guter Kanal.

Am Anfang habe ich auf dem Insta- Kanal @KZ.Außenlager.Mühldorf nur über diesen Ort gesprochen. Ich habe mich selbst lange nicht gezeigt, sondern einfach nur Fotos, Dokumente und Grafiken geteilt. Bis ich begonnen habe, Videos zu teilen, hat es etwa eineinhalb Jahre gedauert. Dann habe ich regelmäßig Reels gepostet und später kam dann Tiktok dazu. Mit meinem heutigen Kanal @keine.Erinnerungskultur habe ich im September 2022 angefangen.

Deine Tiktok- und Instagram Accounts haben viele Follower. Was war der Grund für dich, über das Thema zu sprechen?

Das war einfach Neugierde und ein Experiment, um zu sehen, was passiert. Dann hat es aber gleich sehr gut funktioniert und so habe ich meinen Fokus stärker auf den Tiktok-Kanal gelegt. Ich habe nicht mehr nur über das Lager meiner Heimat gesprochen, sondern habe breitere Recherchen gemacht.,

Du machst Videos zur Bücherverbrennung, Suiziden in Konzentrationslagern, aber auch zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. Wie schaffst du es, so große und komplexe Themen in so kurzen Videos zu erklären?

Ich glaube, ich kann die großen Themen gut runterbrechen auf einzelne Aspekte. Meistens spreche ich nicht nur über das eine Lager oder über diese eine Opfergruppe, sondern über einzelne Aspekte der Opfergruppe oder einzelne Aspekte des Lagers.

Ich würde zum Beispiel nicht darüber sprechen, wie Häftlinge behandelt wurden, sondern eher „Was haben sie zu essen bekommen“ in einem Video, „Was haben sie für Kleidung getragen“ in einem weiteren Video oder auch „Wie haben Wachhunde der SS zum Leid der Häftlinge beigetragen?“. Ich suche mir Aspekte zu kleineren Themen, die für kurze Videos gut funktionieren.

Man kann in 90 Sekunden sehr viel reinpacken, weil man auch Dokumente einblenden, Audios aus Interviews von historischen Reden einfügen oder kommentieren kann. So kann man in kurzer Zeit viel vermitteln.

Du hast Journalismus studiert. Für historische Themen recherchiert man meistens anders als für journalistische. Es gibt bestimmte Portale und Archive, in denen man historische Dokumente findet. Wie beginnst du die Recherche für ein bestimmtes Thema?

Eine richtig klassische Recherche gibt es nicht. Die Recherchen sehen immer unterschiedlich aus. Trotzdem ist es ganz oft so, dass ich mich erst oberflächlich informiere, weil es einen Übersichtsartikel gibt, zu einem Ereignis oder einer Opfergruppe oder einem Ort. Das kann auch der Wikipedia Artikel sein zu Aspekten, die ich tiefer recherchieren möchte.

Meistens gleiche ich das mit Online-Archiven ab. Was gibt es für originale Dokumente, wie zum Beispiel Gerichtsprotokolle? Das Archivmaterial nutze ich als primäre Quelle. Meistens schaue ich, ob ich Fachartikel über das Thema finde, um meinen roten Faden zu behalten. Das können zum Beispiel Dokumentationen sein.

Bei der Recherche sind immer bestimmte Archive dabei. Wie zum Beispiel die Arolsen Archives, die Sammlung des United States Holocaust Memorial Museum, die Yad Vashem Datenbanken und das Visual History Archive. Darüber hinaus findet man aber auch sehr viel online, wie die Protokolle der Nürnberger Prozesse.

In Museen sehen wir Themen oft groß und komplex aufgearbeitet. Du berichtest in deinen Videos auch über die Schicksale von einzelnen Personen. Du erzählst die Geschichte hinter Fotos und zeigst Mythen auf, wie zum Beispiel, dass sich in Konzentrationslagern mit Seife aus ermordeten Menschen gewaschen werden musste. Hast du, gerade weil du keinen historischen Background hast, einen anderen Blick auf Erinnerungsarbeit und kannst Themen anders vermitteln?

Ich denke schon, dass es ein Vorteil ist. Oft bearbeite ich auch mein eigenes Unwissen. Es ist dann eher so, als würde ich auf eine Recherche von meinem Wohnzimmer aus gehen und schaue mir die Online-Archive an.

Ich versuche meine Gedanken bei der Recherche und ersten Beschäftigung mit dem Thema mit in meine Posts einfließen zu lassen. Ich bin auf meinem Kanal nicht die Museumsmitarbeitende, die Lehrkraft oder die Journalistin. In dem Moment bin ich eine private Person, eine Content Creatorin, die andere mitnimmt und offen mit dem Nichtwissen umgeht. Ich glaube, das hilft eine Augenhöhe herzustellen und das Thema zugänglicher zu machen.

Wie ist es für dich täglich mit dem Thema Holocaust umzugehen?

Ich kann zum Glück jederzeit Pause machen, wenn es zu viel sein sollte. Es gibt Leute, die von so einem Trauma keine Pause machen können, das muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Ich habe ein sehr gutes Umfeld und ziehe viel Motivation daraus, dass ich bei Menschen etwas bewegen kann.

In den Videos, die du auf Social Media veröffentlichst, gibt es Bildmaterial und Informationen zu Opfern, wie zum Beispiel die Häftlingsnummer. Wie entscheidest du, ob du etwas zeigst oder nicht?

Ich versuche so viel zu zeigen, wie irgendwie geht und was auch interessant ist. Bei dem, was ich zeige kommt es sehr aufs Thema an, manchmal habe ich viele Bilder und Dokumente, manchmal weniger. Manchmal kann man Quellen auch nicht zeigen, weil sie zerstört wurden. Aber auch das kann interessant sein für ein Video.

Von der Plattformlogik muss im Video schon sehr viel passieren, damit die Zuschauer nicht gelangweilt sind und weiterswipen.

Eine Grenze ziehe ich, wenn es zum Beispiel um rassistische oder antisemitische Sprache geht, die in manchen Dokumenten zu finden ist. Dokumente, in denen das N-Wort steht oder eine Beschreibung über „jüdische Nasen“, würde ich nicht teilen, oder die Begriffe zumindest einordnen. Wichtig finde ich, dass man so etwas nicht kommentarlos stehen lässt und verbreitet.

Nicht zeigen möchte ich Bilder von nackten Leichenbergen, weil Menschen hier auf nackte Leichen reduziert werden. Ich weiß, dass solche Bilder „funktionieren“, und man sich so daran erinnert. Das ist aber nicht die Art, wie ich glaube, dass Menschen erinnert werden möchten. Ich würde auch nicht wollen, dass meine Vorfahren so im Internet gezeigt werden. Im Video kann man dazu sagen: „Ich könnte euch jetzt solche Bilder zeigen, mache das aber aus diesem und jenem Grund nicht und zeige lieber, wie die Verfolgten vor dem zweiten Weltkrieg aussahen.“

In deinem Buch schreibst du darüber, was dich am deutschen „Erinnerungstheater“, wie du es nennst und dem jährlichen #we Remember stört. Was sollte sich bei der Erinnerungskultur in Deutschland ändern?

Der Hashtag kann gerne bleiben, aber er sollte ergänzt werden. Es sollte nicht nur wiederholt werden, was schon hundertmal erzählt wurde. Erinnerungskultur darf auch ergänzend außerhalb von Gedenktagen stattfinden.

Außerdem sollten wir neue Perspektiven hinzufügen, wie Täterschaft, Tatorte außerhalb der großen Stammlager, Widerstand von Verfolgten, Alltagssolidarität. Erinnerungskultur darf auch mehr eine private Beschäftigung sein, Erinnerung sollte nicht nur von Institutionen und Politikern ausgehen. Auch private Leute sollten an den Gedenktagen Veranstaltungen besuchen, auf Instagram aktiv sein und dem Gedenken somit etwas Neues hinzufügen können, auch wenn es nur das Gedenken ist.

Sollte die Erinnerungskultur digitaler werden, damit sie auch für junge Menschen zugänglicher ist?

Auf jeden Fall. Damit erreicht man nicht nur junge Menschen, es sind einfach alle auf Social Media. Wenn man sich ansieht, wie viele Menschen auf Tiktok sind, auf Instagram und auf Twitch, wie viele Podcast hören, YouTube- Videos schauen, da muss man bei all diesen Kanälen, auch mit diesem Thema vertreten sein. Man möchte immer viele Menschen erreichen und es irritiert mich, dass gerade Gedenkstätten, Institutionen und Museen, keine Strategie dazu haben, ihre Inhalte zu vermitteln.

Wie sollte im Schulunterricht über den Nationalsozialismus und den Holocaust gesprochen werden?

Ich kenne mich mit Lehrplänen nicht aus und weiß nicht, wie flexibel man dort sein kann. Aber auch in den Schulen sollte sich grundsätzlich etwas ändern. Zum Beispiel, dass mehr Zeit für eigene Recherchen vorhanden ist oder man sich mit Tatorten in der Umgebung selbst beschäftigen kann. Lehrkräfte könnten punktuell auf neue Themen hinweisen und Anmerkungen machen.

Wenn im Lehrplan das Thema „Widerstand: weiße Rose und Staufenberg“ steht, sollten Lehrkraft sagen können, „das besprechen wir jetzt und das ist wichtig, aber es gab auch den Widerstand von den Verfolgten und Alltagssolidarität“.

Du hast über die Beschäftigung mit dem Holocaust herausgefunden, dass auch deine Familie aktiv am Nationalsozialismus beteiligt war. Wie kann ich herausfinden, ob auch in der eigenen Familie Menschen mit einer Nazi-Vergangenheit waren?

Wenn man weiß, dass die Familie auf der Täterseite war, kann man eine Anfrage über das Bundesarchiv stellen. Dort kann man nicht selbst recherchieren, aber man kann online einen Antrag stellen, bekommt dann Informationen über die Mitgliedschaft in der NSDAP, der SS, den Stationen in der Wehrmacht etcetera. Wenn die Recherche sehr aufwendig ist, fallen Kosten an. Bis die Informationen kommen, kann es bis zu sechs Monate dauern und das Auswerten dauert dann auch nochmal eine gewisse Zeit.

Wenn die Familie während des Nationalsozialismus aber verfolgt wurde, dann kann man in den Arolsen Archives suchen. Das ist sehr gut digitalisiert. Und auch dort kann man eine Anfrage stellen.