Hallo Ann-Kristin Reinkenhoff, du bist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft an der Uni Freiburg. In deiner Promotion beschäftigst du dich vor allem mit privatem Kleidungsbesitz, Kleiderschränken und Nachhaltigkeit. Kann man das heutige Phänomen, dass sich viele Menschen sehr ähnlich kleiden, als eine Art „Uniformierung“ bezeichnen?

Porträt einer lächelnden Person mit weißer Bluse, rundem Brillengestell, Haarband, kurzem Haar und Septum-Piercing vor neutralem Hintergrund.
Ann-Kristin Reinkenhoff ist Empirische Kulturwissenschaftlerin. Ihre Forschungsinteressen sind u.a. Kleiderschränke, globaler Secondhand- und Alttextilhandel und Konsumforschung.

Es gibt einen Unterschied zwischen Uniformierungen und Uniformität. Die Uniformierung hat einen Prozesscharakter, also etwas, das sich entwickelt, und die Uniformität ist beständig. In Westeuropa kommt dieses Phänomen der Uniformität ursprünglich aus dem Militär, wir kennen dieses also schon sehr lange. Wenn man von einem weiten Uniformbegriff ausgeht, ist dieser sicherlich in unsere Alltagsstruktur übergegangen. Es ist zu erkennen, dass gerade unter Jugendlichen eine gewisse Uniformierung stattfindet.

Uniformierung ist ein klassisches Phänomen in der Modetheorie. Dabei gibt es einen Zweiklang aus Abgrenzung und Einheitlichkeit: Also entweder um dazuzugehören, oder um sich klar abzugrenzen. Das fand vor allem im 20. Jahrhundert viel subkultureller statt, wie beispielsweise in Großbritannien mit den Punks oder den Teddy Boys. Jetzt sind die Subkulturen nicht mehr so präsent, wie sie es im 20. Jahrhundert war.

Gleichzeitig leben wir politisch in einer Welt, in der Individualität und individuelle Freiheit besonders hochgehängt werden.

Wie bewertest du die Aussage, die viel im Internet diskutiert wird, dass persönlicher Stil „tot“ sei?

Die Subkultur war eine Spezialform der kollektiven Abgrenzung, eine Zusammenfindung von Menschen, die sich gemeinsam distanzieren. Es gab immer schon eine breite Masse, die nicht auffallen wollte und gut in der Einheitlichkeit untergehen konnte. Seit „Fast Fashion“, also seit den 1980ern aufwärts, haben wir einen viel größeren Zugriff auf die gleichen Kleidungsstücke, weil Kleidungsstücke in viel größeren Mengen produziert werden.

Trotzdem findet in einem Kleiderschrank eine individuelle Zusammensetzung statt. Wir kaufen vielleicht alle die gleiche Hose, diese trifft aber auf ganz andere Kleidungsstücke in unserem Kleiderschrank, sodass eine gewisse Individualität vorhanden ist.

Woher kommen Trends überhaupt und wo lassen sich Studierende heute inspirieren?

Der Trendbegriff ist schwierig zu definieren, deswegen verwende ich „die Mode“ oder „die Moden“. Wenn wir von Modetrends sprechen, meinen wir in der Regel Dinge, die sich auf Kleidung beziehen. Mode ist immer inhärent, dass sie sich bewegt und sich wandelt. Die einzige Konstante, die Mode hat, ist, dass sie immer wieder Veränderungen braucht. Das sehen wir gerade an Y2K. Ein Stil, den es bereits vor ziemlich genau 20 gab und der jetzt wiederkommt bzw. wieder gekommen ist, in abgewandelter und veränderter Form, aber klar erkennbar ist.

Dass sich Modezyklen immer wiederholen, ist jahrhundertealt, weil irgendwann das Rad nicht mehr ganz neu erfunden werden kann. Das gilt für heute genauso wie vor 200 Jahren. Bei Y2K ist es vielleicht dieser Wunsch nach Nostalgie, nach einer Zeit, die vermeintlich einfacher oder weniger schnelllebig war.

Trends können aus ganz verschiedenen Quellen entstehen und weitergegeben werden: Durch Markenpräsenz, durch Influencer*innen, durch „Trickle-Across“, also durch Klassen hindurch, oder durch „Trickle-Down“, also von Promis nach unten – ähnlich wie früher von Adeligen an andere Personen am Hof.
Diese Prinzipien sind heute wie früher sehr ähnlich, können aber einen vielfältigeren Ursprung haben.

Social Media spielt auch bei der Mode eine große Rolle. Es hat eine viel größere Reichweite als Modezeitschriften, Radio und Fernsehen jemals haben konnten und ist individuell auf die Nutzer*innen zugeschnitten. Gerade diese Zugeschnittenheit auf eine Person oder Altersgruppe ist ausschlaggebend für die Entwicklung deren Moden.

Machen sich Menschen durch die Inspiration im Internet weniger Gedanken über ihren Stil und ihren Aussagewunsch, als die Subkulturen früher?

Wir glorifizieren die Subkulturen ein bisschen. Sie waren natürlich sehr präsent, aber ich wäre vorsichtig damit, alle Modezyklen als politisch einzuordnen. Ich will Menschen nicht unterstellen, unpolitisch zu sein, nur weil sie sich an Trends orientieren. Sie sind vielleicht weniger expressiv und der Wunsch, weniger aufzufallen, ist gerade präsenter.

Welche Auswirkungen haben dabei die Massenproduktion und der rapide Trendzyklus, die wir heute in der Modebranche erleben?

Der Trendzyklus ist keine neue Erscheinung. Wir hatten auch einen Modewandel im 18. Jahrhundert, natürlich deutlich langsamer. Trotzdem passiert es, dass sich innerhalb von ein, zwei Jahren die Silhouette völlig ändert. Im 18. Jahrhundert zum Beispiel wurden die Röcke breiter und wieder deutlich schmaler. Sie wurden umgeändert, komplett umgeschneidert, die Textilien, die Materialien, wurden weiterverwendet. Das haben wir heute natürlich in einer völlig anderen Dimension.

Heute ist Kleidung viel zugänglicher und es ist einfacher, schnell zu konsumieren. Wir müssen nicht einmal das Haus verlassen, um uns etwas Neues zu beschaffen oder um es wieder loszuwerden. Wenn allerdings mangelnde Qualität, fehlende Recyclingfähigkeit und Ähnliches hinzukommen, sind wir fernab davon, diesen Kreislauf im Modesystem zu schließen. Aus ökologischer Sicht ist das ein Problem.

Aber wer setzt diese Marke, wann viel, zu viel ist und wann viel genau richtig ist oder wie wenig richtig ist? Und wer beantwortet die Fragen: Wieviel brauchen wir wirklich? Wieviel nutzen wir regelmäßig?

Gleichzeitig ist Kleidung nicht nur Konsummittel, sondern auch ein identitätsstiftendes Merkmal in unserem Alltag.

Auf der anderen Seite hat auch der Trend des Secondhand-Shoppings an Attraktivität gewonnen. Welche Auswirkungen hat das?

Das hat Auswirkungen in zweierlei Hinsicht: Zum einen reagieren Modemarken auf diese Trends und produzieren neu in der Vintage- oder Retro-Ästhetik. Es wird ein Markt geschaffen, den Secondhand nicht bedienen kann, zumindest nicht in der Masse oder in der Größenauswahl. Gleichzeitig ist Secondhand-Mode natürlich erstmal rein theoretisch ein Kleidungsstück, das nicht neu produziert werden muss. Das ist nachhaltiger, als etwas Neues zu kaufen. Nichtsdestotrotz kommen viele Kleidungsstücke in den privaten Besitz und die Frage ist: Was ziehe ich davon wirklich an?

Abgesehen von der Nachhaltigkeitsdebatte ist natürlich das Wiederauflebenlassen von bereits produzierter Kleidung etwas, was die Secondhand-Branche absolut ankurbelt, aber das hält die Modekonzerne nicht davon ab, neu zu produzieren.

Könnte man sagen, dass Personen, die vor allem Secondhand kaufen, in ihrem Stil individueller sind als Personen, die vor allem neue Sachen kaufen?

Wenn wir Y2K als Beispiel nehmen, wobei sicherlich viele Menschen Thrift oder Secondhand tragen werden, dann streben viele eine sehr ähnliche Ästhetik an. Damit geht nicht automatisch eine größere Individualität einher.

Die Wege, wie sie zu diesen Kleidungsstücken kommen, sind bei Secondhand ungleich länger als sie online zu bestellen oder im Laden zu kaufen, da man oft mehr Zeit investieren muss, um Sachen zu finden, die einem gefallen. Der Wunsch nach Zugehörigkeiten und einer bestimmten Mode zu entsprechen, ist erstmal der gleiche.

Gibt es heute noch das Prinzip der Kleiderordnung oder haben soziale Vorschriften, wie sich Menschen zu kleiden haben, an Bedeutung verloren?

Offiziell sagen wir immer, Kleidervorschriften sind abgeschafft – offiziell im Sinne von: Sie werden von einer höheren Stelle vorgeschrieben. Es gibt aber Ausnahmen, denn es gibt immer noch Events, vor allem in ökonomisch besser gestellten Gruppen, bei denen Kleiderordnungen wichtig sind, wie etwa im Englischen beim Black-Tie-Event.

Beim Black-Tie-Event wird gefordert, dass sich Menschen nach einer bestimmten Vorstellung kleiden. Dabei geht in der Regel auch eine totale Heteronormativität einher – für Frauen heißt es Abendkleid oder Cocktail-Dress und für den Herrn Smoking mit Krawatte oder Fliege.

Das löst sich aktuell noch nicht auf. Im Zusammenhang mit dem Rechtsruck sehen wir wieder ganz klar einen Wunsch nach diesen Regeln.

Gleichzeitig gibt es in den letzten Jahrzehnten eine Auflösung oder Aufweichung dieser Vorgaben. Das hat in den USA mit dem Casual Friday angefangen. In Bürobetrieben, in Kanzleien und Co., wo es einen sehr strikten Dresscode gab, wurde gesagt: Freitags vor dem Wochenende könnt ihr auch mal ohne Krawatte kommen oder ohne Jackett.

Ein paar Formen informeller Kleidungsordnungen haben sich noch gehalten. Es gibt gewisse gesellschaftliche Erwartungen, wie man auf Hochzeiten, auf Beerdigungen, also in sehr ritualisierten und genormten Gegebenheiten, zu erscheinen hat. So auch in der Oper oder im Theater, wobei hier die Erwartungen immer mehr aufweichen. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise der CSD, bei dem alle anziehen sollen, was sie wollen. Deswegen würde ich sagen, dass es die Kleiderordnung offiziell kaum noch gibt.

Inwiefern bewegen wir uns aber doch wieder Richtung Kleiderordnung?

Inoffiziell haben wir die Kleiderordnung teilweise stärker als je zuvor, weil es eben diesen starken gesellschaftlichen Druck gibt. Historisch betrachtet ist es eine Errungenschaft, dass Personen das anziehen können, was sie als richtig empfinden und was sich gut anfühlt – vor allem für Frauen oder queere Personen. Zum Beispiel trägt Frau Hose, was jetzt völlig normal ist, aber weit bis ins 20. Jahrhundert hinein überhaupt keine Selbstverständlichkeit war.

Nicht darüber nachdenken zu müssen, was man anzieht, hat den Menschen aber auch Sicherheit gegeben. Man konnte sich darauf verlassen, in bestimmten Räumen niemals falsch aufzutreten. Dies fällt durch die Auflockerung der gesellschaftlichen Erwartungen weg.

Wohin werden sich Moden in Zukunft weiterentwickeln?

In jedem Jahrzehnt gab es ein Nicht-mehr-Identifizieren mit einem bestimmten Modestil. In den 1970ern waren zum Beispiel Schulterpolster angesagt, in den 1980ern die Leggings und so weiter. In den 1990ern und frühen 2000ern haben sich diese klaren Umschwünge zwischen verschiedenen Moden aufgelöst.

Ich denke, dass es eher so weitergehen wird mit den weniger konkreten Modedefinitionen innerhalb eines Jahrzehnts. Ich kann mir vorstellen, dass es immer wieder Mikrotrends geben wird, die sich ablösen, und dass Secondhand weiterhin eine große Rolle spielen wird. Solange man aber weiter an kapitalistischen Wirtschaftsweisen festhält, bin ich eher skeptisch, dass die Textil- und Kleidungsindustrie nachhaltiger wird.