Hallo Frau Kaiser, Sie vertreten aktuell die Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uni Freiburg. Die CDU und SPD möchten ein Verbot Sozialer Medien für Kinder unter 14 Jahren einführen – in Australien sind Soziale Medien bereits für Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Warum kommt die Idee eines Verbots gerade jetzt auf?

Ein wichtiges Schlagwort ist die Digitalisierung, gerade wenn es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht. Kinder und Jugendliche leben und erleben sich in digitalen Lebenswelten. Diese bieten viele Chancen, aber eben auch viele Risiken. Und deswegen hat man sich in den letzten Jahren viel damit beschäftigt, wie sich die Sozialen Medien auf die Gesundheit, vor allem auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken und wo wir eingreifen müssen.
Wie wirkt sich die Nutzung Sozialer Medien denn auf Kinder und Jugendliche aus?
Es gibt es eine Reihe von Studien, die sich damit beschäftigen, wie sich Soziale Medien im Hinblick auf Identitätsentwicklung sowie Selbstregulation auswirken. Auch wie sich Kinder selbst schützen können oder von Erwachsenen geschützt werden können, wird untersucht.
Es ist aber schwer, pauschal zu sagen, wie sich die Nutzung auswirkt. Es gibt eine Reihe von positiven Aspekten, wie zum Beispiel die Erleichterung bei der Informationssuche und Hilfesuche. Aber es gibt eben auch Risiken. Zu den Risiken gehören beispielsweise Selbstwertprobleme, etwa auch im Kontext von Körperbildstörungen und dazugehörigen Probleme mit dem Essen. Diese entstehen etwa durch ständige Vergleiche mit idealisierten Bildern, die Unzufriedenheit, Angst und depressive Symptome auslösen können;
Es gibt auch Hinweise auf die Verkürzung der Schlafdauer und eine verminderte Schlafqualität von Kindern und Jugendlichen dadurch, dass abends noch Zeit mit Sozialen Medien verbracht wird und sich so nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des Schlafes verändert.
Diskutiert wird auch über Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme durch das Schauen kurzer Videos und wie sich das auf die kognitiven Kapazitäten und Ressourcen der Kinder und Jugendlichen auswirkt.
Die Vermutung, dass Kinder durch das Schauen von Inhalten in den Sozialen Medien in eine Abwärtsspirale rutschen, sich also die negativen Aspekte weiter verstärken, muss noch genauer untersucht werden.
Das hat ganz viel mit der Belohnungsverarbeitung zu tun, die eng mit dem Konsum Sozialer Medien verbunden ist, und mit der Diskussion darüber, ob Plattformen so gestaltet sind, dass gezielt Mechanismen angesprochen werden, die wir als belohnend empfinden, und wir deshalb immer mehr konsumieren möchten.
Warum soll ein Verbot gerade für diese Altersgruppen erfolgen?
Kinder und Jugendliche sind eine vulnerable Gruppe und deshalb besonders schützenwert. Junge Menschen sind noch in der Entwicklung, in einer Phase, in der sich die Selbstregulation, Identität und soziale Kompetenzen ausbilden. Wir wissen auch, dass sich der digitale Lebensraum sehr stark darauf auswirkt, wie Kinder und Jugendliche Freundschaften gestalten und aufbauen. Das muss für den digitalen Raum mitgedacht werden.
Wer trägt die Verantwortung für die Folgen der Nutzung Sozialer Medien?
Am Ende die gesamte Gesellschaft. Also jeder, der irgendwie involviert ist, bis hin zu den Plattformen. Die Folgen der Sozialen-Medien-Nutzung, wie etwa auf die psychische Gesundheit, wirken sich natürlich auch auf das Gesundheitssystem aus.
Die jungen Menschen von heute sind die Erwachsenen von morgen. Das alles hat gesamtgesellschaftliche Implikationen.
Wie kann sich ein Social-Media-Verbot positiv auf die Kinder und Jugendlichen auswirken?
Die Zugangsbeschränkungen verhindern, vermeiden und reduzieren alles, was es an Risiken im digitalen Lebensraum gibt. Zum Beispiel Mobbing im digitalen Raum: Wir schneiden das damit sozusagen ab. Theoretisch kann man mit einem Verbot Kinder und Jugendliche vor den ganzen genannten negativen Auswirkungen schützen. Aber wollen wir das wirklich und wenn ja, ab welchem Alter?
Kann sich ein Verbot auch negativ auswirken?
Wenn man Soziale Medien bis in ein hohes Jugendalter hinein verbietet, kann man erst spät ansetzen, was die Medienkompetenz und Erlebbarkeit positiver Aspekte angeht. Dazu gehören Recherche von Informationen, kreativer Austausch, Identitätsbildung und das Training sozialer Kompetenzen.
Als wie zielführend schätzen Sie ein Verbot der Sozialen Medien ein?
Für mich passt statt „Verbot“ eher der Begriff „sinnvolle Regulierung“, um auch dem Rechnung zu tragen, dass es positive Aspekte wie Lern- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu Sozialen Medien im digitalen Raum gibt. Und dieser digitale Raum muss in der modernen Welt mitgedacht werden. Medienkompetenz ist zum Beispiel etwas, dass sich im beruflichen Alltag später positiv auswirkt.
Die Frage ist, ob ein Verbot genau das bringt, was wir möchten. Wenn man auf Positionspapiere schaut, gehen die Diskussionen auch in diese Richtung: Ist Verbot wirklich das Richtige oder an der Stelle der richtige Terminus? Wenn wir Verbot als Altersgrenze definieren, dann ist es sinnvoll, eine Altersgrenze festzulegen. Wo genau die liegt, hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Entwicklungsstand des Kindes. Da sind wir an einem Punkt, an dem es noch ganz viel Dialog braucht und sich Leute mit verschiedenen Hintergründen an einen Tisch setzen müssen.
Um die positiven Aspekte zu fördern, müssen wir uns fragen, ab wann man einem Kind oder Jugendlichen die Mediennutzung eigenverantwortlich übertragen kann und was sie dafür mitbringen müssen. Im Hinblick auf Prävention ist zu überlegen, wann und wie man das Thema, zum Beispiel in der Schule oder zuhause, einführt, damit Kinder und Jugendliche gut gestärkt in die Mediennutzung einsteigen können.
Auch eine kritische Übergangsphase einzuführen und zu prüfen ist sinnvoll: Wenn das Altersgrenzen-Verbot aufhört, gibt es dann eine vulnerable Übergangsphase? Wie könnte man diese gestalten? Was können die Plattformen tun? Stichwort: Altersverifikationen oder Einschränkungen in der Nutzung und Bildschirmzeit.
Ab wann soll das Verbot durchgesetzt werden?
Wann wir mit einer Durchsetzung des Verbots rechnen können, ist gerade noch schwer abzusehen. Das hängt von ganz vielen laufenden Diskussionen und damit auch von ganz vielen Personen und Perspektiven ab, die es abzuwägen gilt. Eine bessere Datengrundlage ist immer gut und wünschenswert, aber meiner Meinung nach wäre es sinnvoll, bald Entscheidungen zu treffen, die im Verlauf kontinuierlich hinsichtlich der erwünschten Effekte evaluiert werden müssen.
Was kann jetzt schon getan werden, um Kinder und Jugendliche zu schützen?
Sinnvoll ist auf jeden Fall, dass relevante Bezugspersonen im Austausch mit den Kindern und Jugendlichen sind. Dass sie die Nutzung co-regulieren, mitdenken, mitsprechen und die digitale Lebenswelt einen nicht für sich isoliert betrachteten hohen Stellenwert bekommt, sondern mit der realen Lebenswelt verankert wird.
Es gibt schon lange Empfehlungen zur Mediennutzung, zum Beispiel ab welchem Alter welche Bildschirmzeiten angemessen sind, die als Orientierung herangezogen werden können. Auch sollte in Schulen und zuhause viel über Medien gesprochen werden, auch darüber welche Chancen und Risiken sich aus der Nutzung Sozialer Medien ergeben. Wichtig ist auch darauf zu achten, wie sich vielleicht das Körperbild oder die Stimmung eines Kindes verändert. Dabei bedeutend ist es aber, im Gespräch zu sein und eine Form von geschütztem Rahmen zu geben.



