Die Vorfreude war im Spiegelzeit deutlich zu spüren, draußen prasselte Regen auf das Zeltdach und eine besondere Magie lag in der Luft: Musik, Lichterketten und Zirkuszelte schufen ein nostalgisches, berührendes Ambiente. Genau diese Stimmung ist es, die das ZMF in den Abendstunden so unverwechselbar macht – ein Ort, der Menschen zusammenführt, berührt und inspiriert.
Bridgewater, geboren 1950 in Memphis, prägte die Jazzwelt seit den 1970er-Jahren – unter anderem als Sängerin der Thad Jones/Mel Lewis Big Band und mit zahlreichen gefeierten Alben. Auch als Theaterschauspielerin erlangte sie internationale Anerkennung. Doch die Künstlerin ist nicht nur Interpretin, sondern auch Aktivistin: Ihr gestriger Auftritt war eine Hommage an die weiblichen Stimmen im Jazz und zugleich ein politisches Zeichen.
Gemeinsam mit ihrer rein weiblich besetzten Band – Carmen Staaf (Piano), Rosa Brunello (Bass) und Shirazette Tinnin (Drums) – trat sie im bestuhlten Spiegelzelt auf. Die Besucher*innen hatten es bei einsetzendem Platzregen gerade noch rechtzeitig ins Trockene geschafft. Zwar war das Konzert gut besucht, auf den Seitenrängen blieben jedoch einige Reihen frei. Bridgewater betrat die Bühne im geblümten Kleid, rosa Federboa, markanter Brille und Hut – eine Erscheinung mit Stil und Charisma. Ihre energiegeladene Präsenz, spontane Tanzeinlagen und humorvolle Zwischenbemerkungen machten deutlich: Diese Frau lebt für die Bühne.
Das Repertoire des Abends war bewusst gewählt und stand unter dem Motto „Respect“. Mit Songs von Nina Simone, Roberta Flack und Abbey Lincoln ehrte sie nicht nur ihre musikalischen Vorbilder, sondern wandte sich zugleich gegen gesellschaftliche Missstände. „I’m angry of what’s happening in my country“, sagte sie mit Blick auf die politische Lage in den USA. Besonders mit dem Song Throw It Away (Abbey Lincoln) setzte sie ein Zeichen gegen narzisstische Tendenzen in Politik und Gesellschaft. Bei I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free (Billy Taylor/Dick Dallas) ließ sie das Publikum die Zeile „You can never lose a thing, if it belongs to you“ mitsingen – eine poetische Erinnerung daran, dass echte Freiheit und Würde unantastbar sind.
Bridgewaters Stimme: kraftvoll, klar, unverwechselbar. Mit 75 Jahren wirkt sie wie am Höhepunkt ihrer Ausdruckskraft. Die Grand Dame ist eine Meisterin ihres Fachs. Im Publikum sah man wiederholt Menschen ungläubig den Kopf schütteln. Szenenapplaus bei fast jedem Song zeugte von der tiefen Wirkung ihrer Darbietung.
Die Band brillierte mit einfühlsamen, technisch exzellenten Soli – besonders Carmen Staaf, die mit einer Hand das Keyboard und mit der anderen den Klavierflügel spielte, Rosa Brunello mit ihrem Wechselspiel aus Bassgitarre und Kontrabass sowie Shirazette Tinnin mit einem mitreißenden Schlagzeugsolo kurz vor Konzertende. Bridgewater bekannte liebevoll: „I love these ladies – they have a lot to say on their instruments.“
Zum Finale gab es Standing Ovations. Selten erlebt man solch ein Zusammenspiel aus musikalischer Meisterschaft, Haltung und Charisma. Die Zugabe sang Dee Dee Bridgewater mit ihrem kleinen Hund unter dem Arm, bevor sie sich mit den Worten „God bless you all“ und „Protect our democracy“ vom Publikum verabschiedete.



