Hallo Frau Prof. Lemke, Sie sind Amerikanistin und Professorin am Englischen Seminar der Uni Freiburg und beschäftigen sich unter anderem mit politischen und kulturellen Entwicklungen in den USA. Wie sehen Sie die aktuelle Lage in den USA?

Zu sehen ist eine weiblich gelesene Person, mit Brille, lockigen braunen Haaren und einer blauen Bluse. Im Hintergrund sieht man Fotos, auf denen ein Meer und Wolken am Himmel zu sehen sind.
Prof. Sieglinde Lemke ist Amerikanistin und war bereits Gastprofessorin an der Harvard University. Ihre Forschungsinteressen sind u.a. der US-amerikanische Modernismus, Gender Studies und Cultural Class Studies.

In den letzten Wochen und Monaten lag der Fokus in den USA auf außenpolitischen Entwicklungen: Seit Monaten hat vor allem der Irankrieg nicht nur die Weltpolitik in Aufruhr gebracht. Dadurch konnte Trump von innenpolitischen Problemen ablenken. Mit den Midterms, den im November 2026 anstehenden Zwischenwahlen, gerät die US-amerikanische Innenpolitik jedoch wieder in den Fokus.

Trumps Zustimmungswerte sind so tief im Keller wie noch nie. Nach Umfragen des CNN sind 77 Prozent der Amerikaner*innen unzufrieden mit der Wirtschaftslage. Der Begriff “Affordability”, also die Tatsache, dass viele US-Amerikaner*innen sich die Grundbedürfnisse des Lebens nicht mehr leisten können, ist im letzten Jahr virulent geworden. Für die Midterms wird die ökonomische Situation entscheidend sein.

Außerdem gibt es in der republikanischen Partei große innerparteiliche Konflikte, zum Beispiel zwischen den Anhänger*innen der MAGA-Bewegung, christlichen Fundamentalisten und gemäßigten Konservativen. All das bedeutet jedoch nicht, dass die Republikaner zwangsläufig verlieren werden, denn es gibt auch andere Entwicklungen, die ihren erneuten Sieg begünstigen. Zum Beispiel, dass sie sich schon seit längerer Zeit ihre Wahlkreise so zuschneiden, dass ihnen ein Wahlsieg in bestimmten Counties so gut wie sicher ist. Das wäre aber eine Art Wahlmanipulation oder sogar Betrug. Was Trump bei den vorletzten US-Bundeswahlen ja übrigens den Demokraten vorgeworfen hat.

Die Zeitung “The Washington Post” hat bereits nach 100 Tagen in Trumps 2. Amtszeit 492 Falschaussagen identifiziert, die der Präsident getätigt hatte. In einer Statistik, die Trumps Falschaussagen über den Zeitraum seiner ersten Präsidentschaft verfolgt, wird von über 30.000 falschen oder irreführenden Aussagen gesprochen. Falschinformationen gehören seit Jahren zu Trumps Kommunikationsstil.

Wie bewerten Sie die Rolle von Falschaussagen in Trumps Rhetorik und politischer Strategie?

Es geht hier nicht nur um das Individuum Trump, das Falschaussagen tätigt. Das Gegenüber zu irritieren, sich selbst andauernd zu widersprechen und am Ende seine eigenen Interessen durchzusetzen, ist eine Strategie, die in der Post-Factual-Era von dieser Regierung flächendeckend eingesetzt wird. Auch die sozialen Medien spielen eine große Rolle, um eine zunehmend anti-intellektuelle Gesinnung zu verbreiten. Dieser Trend ist schon seit einigen Jahren zu beobachten.

Sie haben einen „anti-intellektuellen Trend“ angesprochen. Sehen Sie eine Verbindung zwischen einem wachsenden anti-intellektuellen Trend, Trumps Rhetorik und einem generellen Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Expertise in den USA?

Ja, und diese Entwicklung ist enorm gefährlich. Der heutige US-Vizepräsident J. D. Vance hat bereits 2021 auf der National Conservatism Conference eine Rede mit dem Titel „The Universities Are the Enemy“ gehalten und Universitäten damit explizit zum Feind erklärt. Die wissenschaftspolitische Ausrichtung der Trump-Regierung folgt diesem strategischen Irrationalismus. Dem können letztlich nur Rationalität und Vernunft Einhalt gebieten.

Genau darin sehe ich die Rolle der Universitäten weltweit: Sie sind Institutionen, die der Rationalität verpflichtet sind und fakten- und evidenzbasiertes Wissen generieren, das im besten Fall zum Wohl der Gesellschaft beiträgt. Wenn Universitäten jedoch unter politischen Druck geraten und ihnen die finanziellen Mittel entzogen werden, können sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. Dann verliert auch die Vernunft.

Wie gefährdet ist die Wissenschaft, besonders die Freiheit der Wissenschaft, unter der Trump-Regierung?

Das ist ein Stück weit eine Frage des Maßstabs: Mit welchem anderen Land vergleicht man die Situation? Unabhängig davon ist die Entwicklung in den USA jedoch katastrophal. Einer großen Zahl an Wissenschaftler*innen wurden die Forschungsgelder entzogen. Viele können deshalb ihre bisherige wissenschaftliche Tätigkeit nicht mehr ausführen. Die Trump-Regierung hat insbesondere die Bereiche der Klimaforschung, der Krebsforschung und der Genderforschung unterminiert und somit den wissenschaftlichen Fortschritt in diesen Disziplinen in den USA weit zurückgeworfen.

Die betroffenen Wissenschaftler*innen gehen oft ins Ausland. Das heißt, hier in Freiburg bekommen wir auch eine wachsende Zahl an Kolleg*innen, die nicht mehr in den USA leben und forschen möchten und können. Es gibt am FRIAS das „At Risk Scholars“-Netzwerk oder auch das „Global Fellowship Program“ das amerikanischen Wissenschaftler*innen die Möglichkeit gibt, an der Uni Freiburg ihre Forschung weiter fortzusetzen.

Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn die politische Führung Zweifel an Fakten und überprüfbarem Wissen sät?

Ein Staat, der die Wissenschaft und das Prinzip der Objektivität und Falsifizierbarkeit nicht anerkennt, ist per Definition nicht demokratisch, sondern ein autoritäres oder faschistoides System. Eine staatliche Ablehnung der Wissenschaft ist nicht mit den Grundwerten einer Demokratie vereinbar. Ohne wissenschaftlich überprüfbare Fakten sind wir der Willkür von Privatmeinungen ausgesetzt.

Welche Rolle spielen dabei Bereiche wie die Gender-Studies, aber auch DEI, also „Diversity, Equity und Inclusion“, gegen die sich die Trump-Ideologie ja bekanntlich richtet?

Die DEI-Thematik steht im Zentrum eines seit über zehn Jahren andauernden staatlichen Kulturkampfes. Die Trumpisten wollen vermeintlich linke Werte wie Diversität und Inklusion bekämpfen.

Ein Dekret, das Trump am ersten Arbeitstag seiner zweiten Amtszeit unterzeichnet hat, lautet „Defending Women from Gender Ideology Extremism and Restoring Biological Truth to the Federal Government“. Nach der gängigen Lehrmeinung in den Gender Studies gilt das menschliche Geschlecht aber als gesellschaftlich konstruiert. Was als männlich oder weiblich gelesen wird, basiert also auf kulturellen Denkmustern. Das biologische Geschlecht ist eben nicht fix. Das trumpsche Wertesystem möchte aber, entgegen den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte, das Rad zu gängigen Ansichten der 1950er-Jahre zurückdrehen.

Wenn Diversität nicht als Wert und als Grundpfeiler der Demokratie anerkannt wird, verfestigen sich historisch gewachsene Machtverhältnisse. Diejenigen, die traditionell über den größten Einfluss verfügten – und das waren nun einmal vor allem weiße Männer –, behalten diesen Einfluss. Der Kampf gegen Diversity, Equity and Inclusion läuft damit darauf hinaus, sogenannte Minderheiten weiterhin zu benachteiligen und von gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen. Diese Ausgrenzung zeigt sich beispielsweise im aggressiven Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE gegen Migrant*innen. Sie zeigt sich ebenso in der Einschränkung der Selbstbestimmung von Frauen, nachdem der Oberste Gerichtshof den verfassungsrechtlichen Schutz des Rechts auf Abtreibung aufgehoben hat.

Sie haben den Begriff des „Kulturkampfes” genannt. Sehen Sie diesen in Bezug auf Universitäten als eine eher symbolische Rhetorik oder gibt es bereits spürbare Veränderungen an amerikanischen Universitäten?

Vielen Universitäten wurden bereits massiv Gelder gestrichen. Das Paradebeispiel ist die Harvard University, wo ich früher selbst unterrichtet habe, der mittlerweile mehr als zwei Milliarden Dollar entzogen wurden.

Harvards Präsident versucht, Trump die Stirn zu bieten – im Gegensatz zu einigen anderen Universitätspräsident*innen, die sich das nicht trauen. Durch die fehlenden Gelder können bestimmte Positionen nicht nachbesetzt werden und die Regierung hat einen Einfluss auf die Forschungsförderung. Sie mischt sich somit in wissenschaftspolitische Fragen ein, wie zum Beispiel in Peer-Review-Verfahren.

Das ist undemokratisch und führt zu einer Polarisierung der Hochschullandschaft: Auf der einen Seite stehen Universitäten, die sich der Politik der Trump-Regierung widersetzen, auf der anderen diejenigen, die dem politischen Druck nachgeben und sich anpassen. Diese Spaltung ist strategisch gewollt, denn sie soll die Hochschulen und letztlich die gesamte Gesellschaft weiter nach rechts verschieben und auf die Ideologie der Trump-Regierung ausrichten.

Welche Auswirkungen haben diese strukturellen Veränderungen und diese Polarisierungen im Zuge von Trumps Politik auf das Leben auf dem Campus an amerikanischen Universitäten, besonders auch im Hinblick auf Minderheiten?

Diese Veränderungen und die zunehmende Polarisierung verunsichern die Menschen. Sie machen Angst, fördern den Rückzug und schüren zugleich Wut. Dadurch verschärfen sich psychische Belastungen und es entsteht ein gesellschaftliches Klima der Traurigkeit, Ohnmacht und Resignation. Ich glaube, dass dies nicht nur eine Begleiterscheinung ist, sondern durchaus politisch gewollt.

Denn Menschen, die sich ohnmächtig und gebrochen fühlen, lassen sich leichter manipulieren. Wie gefährlich eine schweigende und resignierte Gesellschaft werden kann, hat sich im Faschismus gezeigt: Wenn Bürger*innen den Mut und das Interesse verlieren, sich einzumischen und Widerstand zu leisten, schwächt das die demokratische Opposition und ebnet autokratischen Strukturen den Weg.

Was macht Ihnen als Wissenschaftlerin am meisten Sorgen, wenn Sie sich die Lage in den USA anschauen?

Ich möchte das aus der Perspektive einer Geisteswissenschaftlerin beantworten. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert gibt es eine Entwicklung, in der sich Gesellschaften zunehmend von religiösen Dogmen und rigiden Vorgaben befreit haben. Sie hatte zwar Höhen und Tiefen, setzte sich aber bis in die Gegenwart fort. Nun besteht die Gefahr, dass sie sich umkehrt. Wenn die Entwicklung in den USA auf Deutschland und andere Länder übergreift, könnten sich antiaufklärerische und antidemokratische Kräfte weltweit durchsetzen. Ein solcher Backlash würde zusammen mit dem sogenannten „Democratic Backsliding“, also dem Abbau demokratischer Strukturen, traditionellen Geschlechterbildern und reaktionären Wertvorstellungen erneut die Oberhand geben.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit das nicht passiert?

Auch wenn es vielleicht Zweckoptimismus ist: Wir dürfen unsere Hoffnung nicht verlieren, denn Fatalismus ist der Sargnagel der Demokratie. Ich bin mit Blick auf die Midterms durchaus zuversichtlich. Es treten neue politische, junge Persönlichkeiten hervor, und auch der Wahlsieg Zohran Mamdamis zum Bürgermeister von New York gibt Anlass zur Hoffnung. Zudem könnten einige bislang von den Republikanern gehaltene Senatssitze an die Demokraten oder an parteilose Kandidaten fallen. Die Wahlen im November könnten durchaus einen Wendepunkt markieren.