Hallo Cristina, du promovierst zum Thema sexualisierte Gewalt und Menschenrechte und bist neu eine der Co-Vorsitzenden des Migrant*innenbeirats. Was macht der Migrant*innnenbeirat genau?



Zu sehen ist das Porträtbild einer lächelnden Frau mit langen, welligen, hellbraunen Haaren. Sie steht vor einer hellgrauen Wand und trägt ein weißes Shirt, darüber eine rosa Jacke.
Cristina Valega ist Juristin und hat einen Master in Gender Studies absolviert. Derzeit promoviert sie zum Thema sexualisierte Gewalt und Menschenrechte.

Der Migrant*innenbeirat ist ein Gremium, das die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte hier in Freiburg vertritt. Uns ist es wichtig, die Probleme und Lebensrealitäten von unterschiedlichen Menschen mit Migrationshintergrund zu kennen, sichtbar zu machen und dann auch Vorschläge gegen diese Probleme an die Stadt zu geben.

Wir sind in drei Ausschüssen des Gemeinderats vertreten. Wir können zwar nicht abstimmen, aber wir sind dort präsent, erhalten die Unterlagen und bringen unsere Anliegen ein. Es ist wichtig, dass wir und unsere Perspektiven da sind. Viele von uns dürfen nicht wählen, aber wir wohnen hier und deshalb ist uns es wichtig, gegen Diskriminierung, für Chancengleichheit und gegen Rassismus zu kämpfen.

Wir sind eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen – das ist auch das Thema von Intersektionalität. Wir haben ein unterschiedliches Alter, wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben unterschiedliche Geschlechter. Aber uns allen ist es wichtig, dass unsere Perspektive – die von Migrant*innen – auch eine Rolle in der Stadt spielt.

Was sind deine Schwerpunkt-Themen, die du im Migrant*innenbeirat vertrittst?

Definitiv ist einer dieser Punkte die Verbesserung der Ausländerbehörde. Zum Beispiel sind die Wartezeiten dort sehr lang. Selbst wenn man schon alle Unterlagen vollständig hat, kann es bis zu zwei Jahre dauern, bis man eine Arbeitserlaubnis bekommt.

Das bringt Probleme, weil zum Beispiel das Visum dann schon abgelaufen ist. Dadurch gibt es viel Unsicherheit. Von der Ausländerbehörde hängt es ab, ob wir bleiben können oder nicht. Der bisherige Migrant*innenbeirat hat schon Verbesserungsvorschläge gemacht, einige Sachen haben sich verbessert, aber es fehlt noch viel.

Eine andere Priorität ist die Öffentlichkeitsarbeit. Uns als Migrant*innenbeirat ist es wichtig, dass die Menschen – insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte – wissen, was wir machen. So haben wir auch mehr Legitimität und wir können sicher sein, dass das, was wir machen, auch die Prioritäten der Menschen sind. Wir wollen Projekte nicht nur für Menschen machen, sondern auch gemeinsam mit ihnen gestalten. Mir ist es sehr wichtig, unsere Kommunikationskanäle zu verbessern. Zum Beispiel könnten einige unserer Projekte offener gestaltet sein, damit Menschen, die sich freiwillig engagieren wollen, für ein paar Monate auch teilnehmen können – nicht nur wir als Migrant*innenbeirat.

Ich arbeite auch zum Thema Menschenrechte und zu Frauenrechten. Mir ist es wichtig, eine intersektionale Perspektive auf Antidiskriminierung allgemein und eine kritische Sicht auf Privilegien und Rechte zu fördern. Zum Beispiel würde ich in Zukunft gerne einige Projekte in Schulen über Menschenrechte oder zum Thema Antirassismus machen.

Du hast das Wort Intersektionalität gerade schon erwähnt. Was genau bedeutet Intersektionalität?

Das Konzept der Intersektionalität kommt von Kimberlé Crenshaw, einer Schwarzen Juristin aus den USA. Sie hat gesehen, dass es in den USA einige Fälle von Diskriminierung gab, die die Gerichte aber abgewiesen haben. Schwarze Frauen, denen gekündigt wurde, klagten wegen Diskriminierung. Aber das Gericht sagte: Nein – es gibt andere Frauen, die dort arbeiten. Und es gibt Schwarze Menschen, die dort arbeiten. Das waren aber weiße Frauen und Schwarze Männer. Das Gericht hat die Klagen abgewiesen mit der Begründung, dass es deshalb keine Diskriminierung geben könne.

Kimberlé Crenshaw hat das analysiert und problematisiert und gesagt: Es ist nicht so, dass wir nur eine Dimension im Leben haben. Es gibt verschiedene Dimensionen und sie sind miteinander verbunden. Diese Frauen werden als Frauen benachteiligt, als Schwarze Menschen, aber auch als Schwarze Frauen. Und es ist wichtig, dass wir das auch sehen.

Ich glaube, man kann das in diesem Fall gut verstehen: Es ist nicht nur ein Schwarzer Mensch oder eine Frau, sondern eine Schwarze Frau. Sie ist also in besonderer Weise benachteiligt – und zwar nicht nur in der bloßen Summe, sondern gerade durch diese Verbindung, durch die Intersektion. Es gibt spezifische Konditionen und Erfahrungen in dieser Situation. Das hat einen Einfluss auf das Leiden, auf Ungerechtigkeiten und am Ende beeinflusst das eine Person als Mensch. Deswegen ist dieses Thema für mich wichtig.

Wie würdest du spezifisch einen intersektionalen Feminismus beschreiben?

Ein intersektionaler Feminismus sieht die Rechte von Frauen im Mittelpunkt, macht aber auch gleichzeitig sichtbar, dass Frauen keine homogene Gruppe sind.

Mir ist wichtig, dass wir diese intersektionale Perspektive konsequent einnehmen. Wenn wir sie nicht haben, können wir auch ohne Absicht Menschen ausschließen. Das bedeutet: Wir sind für Menschenrechte und wir wollen die Probleme von allen Frauen sichtbar machen.

Ich finde es effektiver und gerechter, wenn wir bei den Problemen von Frauen anfangen, die zugleich von mehreren Dimensionen der Benachteiligung betroffen sind. Wenn wir von dieser Seite aus anfangen, dann können wir vielleicht einige Prioritäten setzen, die alle betreffen. Beginnen wir jedoch bei Frauen, die in bestimmten Situationen Privilegien haben, dann haben wir das Risiko, andere Frauen unbeabsichtigt auszuschließen.

Auch bei jungen Frauen oder Studentinnen ist diese Perspektive wichtig.

Junge Frauen können auch benachteiligt werden, zum Beispiel wegen ihres Geschlechts und Alters. Ein zentrales Thema ist für mich Bildung und Zugang zu Arbeit, vor allem bei jungen Frauen mit Migrationsgeschichte, die vielleicht Schwierigkeiten mit dem Visum oder der Arbeitserlaubnis haben. Oder sie haben Probleme, weil sie ein Kind haben oder Kinder möchten. Sie brauchen zum Beispiel oft mehr Zeit, um bei der Ausländerbehörde zu sein und sich um die Kinder zu kümmern.

Besonders Care-Arbeit, wie die Betreuung von Kindern oder die Pflege von älteren Menschen, ist ein Thema in der Lebensrealität vieler Frauen. Auch wenn alle Menschen und nicht nur Frauen diese Verantwortung tragen sollten, wissen wir, dass das oft noch nicht so ist.

Auch wenn Frauen wegen einer anderen Religion oder Rassismus diskriminiert werden oder wenn ihre Kinder in der Schule von Rassismus betroffen sind, dann sind das alles Situationen, die sich miteinander verbinden und den Zugang zur Arbeit oder zum Studium erschweren.

Aber nicht nur die Migrationsgeschichte oder die Care-Arbeit ist ein Thema. Was passiert mit Frauen mit Behinderungen? Durch eine Behinderung können weitere Formen der Diskriminierung hinzukommen. Bei Frauen mit Behinderungen sind die Erwartungen und Stereotype noch mal anders. Es gibt zum Beispiel Beauty-Standards und viele Frauen sind da unter Druck. Aber wenn man eine Behinderung hat, zeigen die Studien, sagen viele Frauen: “Wir haben auch diesen Druck, aber wir können nicht in diese Rolle hineinkommen, weil uns die Repräsentation nicht inkludiert”. Deshalb, glaube ich, müssen wir diese Barrieren und mögliche Lösungen aus einer intersektionalen Perspektive betrachten.

Was sind denn Beispiele, wie eine intersektionale Perspektive im Alltag in Freiburg mitgedacht werden kann?

Mir ist sehr wichtig, dass die Stadt Projekte mit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen fördert. Ein Anfang wäre es, mit den Organisationen und den betroffenen Menschen ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel gibt es in Freiburg auch Organisationen von FLINTA* oder muslimischen Frauen. Die Stadt sollte entsprechende Projekte fördern, denn Rassismus ist immer ein Thema für Frauen- und Menschenrechte. Wir müssen das verstehen, um Frauenrechte, Antirassismus und Menschenrechte zu stärken.

Eine intersektionale Perspektive darf kein Randthema bleiben, sondern sollte übergreifend in allen Ausschüssen des Gemeinderats mitgedacht und von der Stadt aktiv vertreten werden.

Was möchtest du Frauen mitgeben, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind? 

Zuerst möchte ich den Frauen, die von intersektionaler Diskriminierung betroffen sind, sagen, dass diese Erfahrungen ungerecht sind und nicht stattfinden sollten. Viele Formen der Diskriminierung sind nicht sichtbar, daher ist es wichtig, dass unsere Gefühle ernst genommen werden. Viele von uns engagieren sich für andere Menschen oder sich selbst und es ist wichtig, dass wir damit weitermachen und diese Kraft weitertragen. Wir sind hier und es ist unser Recht, hier zu sein. Auch wenn uns jemand sagt, dass wir hier keinen Platz haben, sollten wir weiter für eine inklusive Gesellschaft kämpfen.

Ich möchte aber auch alle Menschen ansprechen, nicht nur Frauen, die Mehrfachdiskriminierung erfahren. Ich finde, dass wir alle mehr Empathie für die Erfahrungen anderer Menschen haben sollten, anstatt zu verurteilen. Und wir sollten unsere Stimme stärker machen für andere Menschen, wenn wir sehen, dass sie diskriminiert werden.

Was bedeutet Female* Empowerment für dich? 

Female* Empowerment hat für mich zwei Bedeutungen. Einmal, dass Frauen mehr Gelegenheit haben sollten, in unterschiedlichen Rollen zu sein. Wir sehen noch, wie Frauen an manchen Stellen unterrepräsentiert sind, wie in der Politik, in Wirtschaftskommissionen oder in internationalen Organisationen. Frauen müssen besser vertreten sein.

Und dann noch, dass die Eigenschaften, die traditionell mit Frauen assoziiert sind, zum Beispiel Emotionalität oder Empathie, einen größeren Wert in der Gesellschaft haben sollten. Durch den Feminismus hat sich zwar schon viel verändert, aber Öffentliche Arbeit, Politik oder Rationalität werden in unserer Gesellschaft immer noch viel stärker wertgeschätzt. Für mich wäre es wichtig, wenn andere Aspekte aus dem privaten Raum, wie Care-Arbeit, genauso geschätzt werden. Auch wenn das nicht immer direkt mit Frauen zu tun hat, glaube ich, dass genau das unser System verändern würde.

Warum wir uns im Juli und August dem Thema Female*Empowerment widmen, lest ihr in unserer Einführung

 Alle Beiträge zum Thema findet ihr unter #Female*Empowerment