Hallo Ann-Kristin Reinkenhoff. Du bist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und in deiner Forschung beschäftigst du dich intensiv damit, wie Kleider, Körper und Identität mit gesellschaftlichen Normen zusammenhängen.
Warum sind Frisuren, insbesondere bei Frauen, bis heute ein so ausdrucksstarkes gesellschaftliches Zeichen oder ein Code?

Haare sind etwas, das nahezu alle Menschen gemeinsam haben, unabhängig von sozialem Status oder ökonomischem Kapital. Gerade weil sie leicht und ohne großen Aufwand veränderbar sind, eignen sie sich besonders als Mittel des persönlichen und gesellschaftlichen Ausdrucks. Wie alle körperlichen Merkmale unterliegen auch Haare sozialen Normen, allerdings treffen diese Normierungen weiblich gelesene Körper historisch und bis heute deutlich stärker als männliche.
Die Gründe sind kulturell und historisch gewachsen. In vielen religiösen Traditionen unterliegen Haare klaren Regeln, die sich auffällig häufig an Frauen richten. Zudem sind Haare seit jeher mit kulturellen Bedeutungen und Stereotypen aufgeladen, etwa rotes Haar mit Hexerei oder blondes Haar mit ideologischer Instrumentalisierung im Nationalsozialismus.
Frisuren fungieren somit als visuelle Codes, mit denen Zugehörigkeit, Moral, Geschlecht oder Macht kommuniziert werden.
Warum wird Körperhaar und Kopfhaar von Frauen stärker normiert als das von Männern?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass weibliche Körper insgesamt stärker normiert werden als männliche, auch wenn der Druck auf männlich gelesene Körper in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, etwa durch Fitness- und Schönheitsideale.
Bei Haaren zeigt sich diese Ungleichheit jedoch besonders deutlich, was eng mit Machtverhältnissen verknüpft ist. Haare gelten als etwas, das kontrolliert werden muss, da sie nicht immer tun, was man möchte. Diese Kontrolle wird vor allem von Frauen eingefordert und mit Vorstellungen von Ordnung, Moral und Sittlichkeit verknüpft. Das wird zum Beispiel klar, wenn man bedenkt, dass bis weit in die 1920er Jahre das Tragen von offenen Haaren bei Frauen in der Öffentlichkeit nicht gerne gesehen war. Es stellt sich immer die Frage, wer diese Normen eigentlich festlegt und aus welcher Perspektive, etwa der sogenannte “Male Gaze” bestimmt, was als angemessen gilt.
Warum sind lange Haare noch heute kulturell so stark mit Weiblichkeit und Sexualität aufgeladen und welche historischen Wurzeln hat diese Gleichsetzung?
Es ist wichtig, vorsichtig mit der Suche nach einem einzelnen historischen Ursprung zu sein, da kulturelle Vorstellungen meist aus mehreren Entwicklungen entstehen. Zudem ist die enge Verknüpfung von Haarlänge und Geschlecht eine sehr eurozentrische Perspektive. In vielen Kulturen gelten lange Haare bei Männern ebenso als Schönheitsideal, während kurze Haare bei Frauen völlig akzeptiert sind oder Haare insgesamt weniger an Geschlecht gekoppelt werden.
Aber schon in antiken Darstellungen und biblischen Bildern wurde Haarlänge genutzt, um Geschlecht visuell zu markieren. In Europa lässt sich beobachten, dass spätestens seit dem Mittelalter Haarlänge als geschlechtsdifferenzierendes Merkmal genutzt wurde. Lange Haare galten als Zeichen von Weiblichkeit und wurden zugleich sexualisiert. Haare fungierten als eine Art Erweiterung des weiblichen Körpers, als Ausdrucksmittel jenseits von Kleidung.
Ab dem 19. Jahrhundert verstärkte sich diese Trennung. Frauen wurden mit Oberflächlichkeit und äußerer Erscheinung assoziiert, während Männer sich angeblich nicht mit „Nebensächlichkeiten“ wie Mode oder Frisuren befassen mussten, da sie wichtigere gesellschaftliche Aufgaben hätten.
Popkulturelle Beispiele wie Germany’s Next Topmodel zeigen das deutlich: Der radikale Haarschnitt bei Kandidatinnen wird häufig als traumatisches Ereignis inszeniert, weil kurze Haare noch immer als Bedrohung klassischer Weiblichkeit gelten.
Kurze Haare werden hingegen oft mit Männlichkeit assoziiert. Das hat auch praktische historische Gründe, etwa im Militär, das stark männlich dominiert war. Kurze Haare waren pflegeleichter, hygienischer und funktionaler im Krieg. Diese pragmatischen Gründe wurden später kulturell aufgeladen und normativ verfestigt.
Kann eine Frisur feministisch sein oder entsteht Feminismus erst im Akt der selbstbestimmten Entscheidung?
Ich würde sagen, eine Frisur an sich ist nicht automatisch feministisch. Feminismus entsteht für mich eher im Akt der Entscheidung und in der Selbstbestimmung dahinter. Wenn eine Person sich bewusst für eine bestimmte Frisur entscheidet und diese Entscheidung aus einem Gefühl von Autonomie heraus trifft, kann das durchaus als selbstermächtigender Moment erlebt werden. Ob dieser dann auch als feministisch gelesen wird, hängt stark vom individuellen Kontext und der eigenen Zuschreibung ab. Trotzdem halte ich es für problematisch, Frisuren generell als feministisch oder nicht feministisch zu labeln.
Viel wichtiger finde ich, dass es für alle Menschen legitim sein muss, genau die Frisur zu tragen, die sie tragen möchten. Das äußere Erscheinungsbild sagt nichts darüber aus, wie feministisch jemand denkt oder handelt. Eine langhaarige, sehr feminin gelesene Person kann genauso feministisch sein wie eine Person mit kurzen Haaren oder einem androgynen Look.
Feminismus zeigt sich nicht im Aussehen, sondern in Haltungen, Entscheidungen und politischen Positionierungen.
Als die österreichische Schauspielerin Verena Altenberger 2021 bei den Salzburger Festspielen in „Jedermann“ – dem Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal – mit Kurzhaarfrisur auf der Bühne stand, löste das eine breite öffentliche Debatte aus. Altenberger hatte sich zuvor für eine andere Rolle als Polizeikommissarin die Haare komplett kahl geschnitten. Anschließend wurde sie im Netz massiv angefeindet und erhielt sogar einen zweiseitigen Brief, in dem ihr ein Mann vorwarf, die „gottgewollte Rollenverteilung“ zu stören. So heißt es darin etwa: „Eine Buhlschaft , die nach außen nicht als verführerische Frau wirkt, da sie weibliche Attribute vernachlässigt, soll von der Bühne verschwinden!”
Wie ordnest du solche aktuellen Debatten ein, in denen wie zum Beispiel hier einer Schauspielerin, aufgrund ihrer Kurzhaarfrisur ihre Weiblichkeit abgesprochen wird?
Das lässt tief in den desolaten Zustand unserer Gesellschaft blicken. Prinzipiell ist schon zu unterscheiden, ob es gesellschaftlich akzeptiert ist oder nicht, und inwieweit es sich um extremistische Aussagen handelt, wofür ich hier plädieren würde. Als Person, die seit Jahren kurze Haare trägt, kann ich sagen: Die Anfeindungen sind überschaubar. Ich kann aber auch nicht leugnen, dass es sie gibt.
Ich würde sagen, dass gerade junge Frauen nach wie vor als sexuell begehrenswert und auch sexuell zur Verfügung stehend assoziiert werden. Und die Verknüpfung mit langen Haaren ist so tief verwurzelt, wie wir uns das kaum vorstellen können. Aber das hat man je nach Zeit auch mit anderen körperlichen Attributen wie zum Beispiel Fitness, prallen Brüsten oder der Rasur von Beinen und Achseln.
An den weiblichen Körper werden ganz viele Normen gestellt. Und die Empörung über Verena Altenbergers Frisur ist jetzt eben ein Austritt, vielleicht auch in einen konservativen Raum, aus genau diesen Erwartungen und die schlagen in eine Kerbe, die erst mal für Provokation sorgt. Ob die Provokation berechtigt oder überhaupt beabsichtigt war, bleibt fraglich, zumal sie heute eigentlich keine mehr sein sollte.
Es provoziert nach wie vor, besonders wenn es aus freien Stücken geschieht. Etwas anderes ist es, wenn jemand für eine Rolle eine Patientin während einer Chemotherapie darstellt. Gerade in den 2010er-Jahren war es ein Riesenthema, dass sich Schauspielerinnen aus künstlerischen Gründen die Haare abrasiert haben. Wenn eine Frau jedoch einfach kurze Haare tragen möchte, scheint das oft nicht als ausreichender Grund zu gelten – als bräuchte es stets eine Begründung, warum man Dinge tut.
Dabei stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen politischen Mehrwert haben muss. Nein, man kann einfach die Frisur tragen, auf die man Lust hat. Und wenn sie morgen eine andere ist als heute, ist das ebenso legitim. Auf einer größeren Ebene zeigt sich darin vor allem Verunsicherung: die binäre Vorstellung von Männern mit kurzen und Frauen mit langen Haaren. Und wenn dann jemand aus dieser Kategorie ausbricht, entsteht Erklärungsbedarf. Und das ist was für Verunsicherung sorgt und dann sind die Schreie laut.
In Umbruchs- oder Krisenzeiten schneiden sich Frauen gerne mal die Haare oder ändern die Haarfarbe. Warum?
Radikale Frisurveränderungen werden häufig als sichtbares Zeichen eines persönlichen Umbruchs gelesen. Popkulturell gibt es natürlich diesen Klassiker, sie wurde verlassen und sie färbt sich jetzt die Haare. Ein Klischee, das diverse Romcoms der Zweitausender aufrechterhalten haben. Das Bedürfnis, sich neu zu erfinden, weil das eigene Herz gebrochen wurde, ist sicherlich ein Mythos, der sich hält.
Abseits solcher Mythen können Typveränderungen jedoch sehr unterschiedliche Funktionen erfüllen. Sie können bewusst als Akt der Selbstermächtigung oder als politische Geste eingesetzt werden. Sie können aber auch eine Form von Identifikation sein, um zu signalisieren, dass man einer bestimmten Subkultur angehört. Dass eine ganz klare Identifikation und Abgrenzung möglich wird. Zu sagen: ‚da gehöre ich dazu, aber da gehöre ich nicht dazu und wir erkennen uns daran‘. Das ist ähnlich, wie wenn man eine Person mit einem Band-Shirt sieht, die man gerne hört.
Welche Rolle spielen Frisuren in politischen Protestbewegungen, etwa als Zeichen des Widerstands, Solidarität oder der Abgrenzung?
In heutiger Zeit spielen Frisuren als kollektive Protestzeichen eine geringere Rolle als früher. Das ganze 20. Jahrhundert hat im Grunde verschiedene Frisuren durchlaufen, die fast immer mit Protest zusammenhängen. Viele dieser Haarstile verstanden sich als bewusste Abgrenzung von militärischer Disziplin und Uniformität, etwa im Kontext des Vietnamkriegs.
In der Gegenwart ist diese Form der kollektiven Codierung weniger eindeutig, tritt jedoch weiterhin in individuellen politischen Gesten auf. Ein prominentes Beispiel ist die Schauspielerin Rose McGowan, die sich 2015 öffentlich die Haare abrasierte, um gegen die Objektifizierung weiblicher Körper und den Male Gaze zu protestieren. Die radikale Frisurveränderung wurde dabei explizit als Akt der Selbstermächtigung verstanden, als bewusster Entzug aus normierten Erwartungen an weibliche Attraktivität.
Auch die Designerin Vivienne Westwood nutzte den Akt des Haareabschneidens als politisches Mittel, um Aufmerksamkeit auf den Klimawandel zu lenken.
Wiedererkennungswert spielt sicherlich immer eine große Rolle. Also wenn du eine Person wiedererkennst die eine politische Agenda hat, ist das natürlich ein Vorteil für diese Person. Und das wird auch nach wie vor viel über Frisuren gemacht.
Gerade weil weibliche Haarlänge weiterhin stark normativ aufgeladen ist, eignet sich ihre bewusste Veränderung nach wie vor als wirksames Zeichen des Protests.
Lösen sich traditionelle Schönheitsnormen langsam auf oder entstehen lediglich neue Formen des Drucks?
Traditionelle Normen, wie zum Beispiel, dass Frauen lange Haare und Männer kurze Haare haben, lösen sich meiner Meinung nach teilweise auf. Die Grenzen verschwimmen, nicht zuletzt durch fluidere Geschlechterverständnisse und auch durch rechtliche Rahmenbedingungen. In Deutschland ist es zum Beispiel rechtlich erlaubt, so herumzulaufen, wie man möchte. Gesellschaftlicher Druck und Normen wirken natürlich trotzdem noch stark.
Gleichzeitig glaube ich, dass Menschen heute eher dafür kritisiert werden, wenn sie diskriminieren, also man wird eher „out gecalled“, als es noch vor 15 oder 20 Jahren der Fall war. Ein Beispiel aus den USA ist der Crown Act, der gesetzlich schützt, dass Menschen ihre natürlichen Afrohaare tragen können, ohne diskriminiert zu werden. Das zeigt, dass sich traditionelle Werte aufweichen. Gleichzeitig heißt das aber lange nicht, dass Rassismus oder Sexismus verschwunden sind.
Auch Alter spielt beim Thema Haare eine große Rolle, insbesondere bei Frauen. Kurze Haare werden bei älteren Frauen eher akzeptiert, weil ältere Körper gesellschaftlich weniger stark sexualisiert werden als junge. Diese Beispiele zeigen, dass sich vieles verschiebt, gleichzeitig aber immer noch gesellschaftliche Erwartungen bestehen. Wir sind also noch weit davon entfernt, in einer Welt zu leben, in der es keinen sozialen Druck und keine Normen gibt.
Wie wirken soziale Medien auf unsere Wahrnehmung von Frisuren, Geschlecht und Ausdruck?
Soziale Medien wirken sich auf unsere Wahrnehmung von Frisuren, Geschlecht und Ausdruck aus. Sonst würden wir nicht über Dinge wie Altersbeschränkungen oder Verbote sprechen, weil sie eben Konsequenzen mit sich bringen.
Sie wirken vor allem dadurch, dass sie sehr unmittelbar sind, sehr schnell funktionieren und theoretisch von allen Menschen genutzt werden können. Ob das dann tatsächlich passiert und ob sie wirklich diese demokratisierende Wirkung haben, die ihnen vielleicht ursprünglich zugeschrieben wurde, ist eine andere Frage. Natürlich gibt es dabei auch viele negative Beispiele. Verschiedene Studien zeigen zum Beispiel, dass Schönheitsideale und Normen über soziale Medien besonders junge Menschen stark beeinflussen. Es werden bestimmte Körperbilder, Ästhetiken oder Kleidungsstile besonders sichtbar gemacht, sei es Sportlichkeit, eine bestimmte Mode oder Frisuren, und das kann natürlich Probleme erzeugen. Das ist dann aber eher eine medienpsychologische Frage.
Aus kulturwissenschaftlicher Sicht kann man sagen, dass soziale Medien unseren Alltag massiv verändern. Plötzlich gibt es einen virtuellen Raum, der sehr stark mit dem realen Leben verschmilzt und oft gar nicht mehr davon zu trennen ist. Das wirkt sich natürlich auch auf Phänomene wie Frisuren oder Kleidung aus, weil solche Plattformen Märkte pushen, Trends sichtbar machen und Akzeptanzmechanismen beeinflussen.
Gleichzeitig bieten soziale Medien aber auch Möglichkeiten zur Vernetzung und Kommunikation. Bewegungen wie das Natural Hair Movement, eine soziale und kulturelle Bewegung, die Menschen dazu ermutigt, ihre natürliche afro-texturierte Haarstruktur zu tragen, wären ohne globale digitale Communities kaum denkbar. Erst durch diese Plattformen können solche Themen sichtbar werden und vorangetrieben werden.
Wie können Frisuren gleichzeitig Ausdruck individueller Freiheit sein und trotzdem von gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst werden?
Dass Frisuren einerseits Ausdruck individueller Freiheit sind, gleichzeitig aber stark von sozialen Erwartungen geprägt werden, hängt damit zusammen, dass wir Menschen ziemlich widersprüchlich sind. Wir sind bei weitem nicht so rational, wie wir uns das manchmal vorstellen. Gleichzeitig haben wir sehr unterschiedliche Alltagserfahrungen und Realitätsvorstellungen. Dabei spielt auch Selbstbewusstsein eine große Rolle. Wie zufrieden man mit sich selbst und dem eigenen Leben ist, beeinflusst, wie sehr man Abweichung aushalten kann, also Dinge, die von gesellschaftlichen Normen abweichen. Denn wir haben ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, und ein großer Teil unserer Gesellschaft basiert darauf.
Ähnlich verhält es sich mit dem Geschlecht. Frisuren sind nach wie vor stark geschlechtsidentifizierend, und das kann zu Konflikten führen. Einerseits möchte man dazugehören, andererseits möchte man sich abgrenzen oder ausdrücken. Gleichzeitig will man sich an anderen Orten wieder zugehörig fühlen. Diese Widersprüche sind Teil des Alltags, und jeder muss für sich selbst herausfinden, wie er oder sie damit umgeht.
Insgesamt ist das also hochkompliziert, und vor allem sind wir dabei kaum rational und stringent unterwegs. Frisuren sind deswegen wohl immer ein Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und sozialen Erwartungen.



