Hallo Frau Steinmacher, Sie promovieren an der Musikhochschule Freiburg zum Thema „Musik und Wohlbefinden bei Amateurmusizierenden“ und sind Leiterin der Geschäftsstelle des Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik (FZM). Menschen hören aus vielerlei Gründen Musik. Wie hängt das Hören von Musik mit unseren Emotionen zusammen?

Musik hat die Fähigkeit, Emotionen in uns auszulösen. In der Forschung unterscheidet man grob zwischen perceived emotions und felt emotions.
Dabei geht es um die Frage, welche Emotionen ich in der Musik wahrnehmen kann und welche Emotionen ich auch fühle. Das kann, muss aber nicht immer kongruent sein: Ich kann Emotionen wahrnehmen, fühle sie aber nicht, oder ich nehme Emotionen wahr und fühle sie auch. Man kann fast sagen, dass das eine ganz besondere Gabe oder Eigenart der Musik ist und auch einer der wichtigsten oder meistgenannten Gründe, wieso wir Musik hören: Weil sie Emotionen in uns auslöst und genutzt wird, um Emotionen zu regulieren.
Die Emotionsregulation ist in Studien eigentlich immer auf Platz 1 der Gründe, die für das Hören von Musik genannt werden. Musik hilft uns – oder hat zumindest die Fähigkeit – emotionale Zustände auszulösen, aufrechtzuerhalten oder generell zu verändern. Das geschieht über ganz verschiedene Mechanismen.
Es gibt ein spannendes Modell, das acht Mechanismen benennt, wie Musik
Emotionen auslösen kann: Das BRECVEMA-Modell von Juslin und Västfjäll.
Das „B“ steht für brain stem reflex, das sind Hirnstammreflexe. Damit ist gemeint, dass man auf bestimmte akustische Charakteristika der Musik reagiert, wenn sehr laute Musik erklingt, wenn ein plötzlicher Wechsel kommt oder auf einmal Stille herrscht und wir damit gar nicht rechnen. Dann kann es dazu kommen, dass wir beispielsweise zusammenzucken oder wir kurz Gänsehaut bekommen.
Das „R“ steht für rhythmic entrainment, also Rhythmisierung. Dies meint, dass wir mit dem Rhythmus mitgehen, indem wir anfangen mit dem Fuß zu wippen, uns zu bewegen oder sich auch unser Herzschlag an den Rhythmus anpasst. Das löst wiederum körperliche Prozesse aus, die dazu führen, dass gewisse Emotionen hervorgerufen werden – auch, dass wir uns wohlfühlen.
Das „E“ steht für evaluative conditioning und verweist auf bestimmte Situationen, die eine gewisse emotionale Bedeutung haben. Wenn diese mit Musik gepaart werden, kommt dadurch auch der Musik eine emotionale Bedeutung zu.
Das „C“ steht für contagion, womit gemeint ist, dass wir Emotionen in der Musik nachahmen. Wenn Musik sehr traurig oder sehr verzweifelt klingt, dann können wir diese Verzweiflung auch in uns nachspüren.
Das „V“ steht für visual imagery, was meint, dass man Bilder im Kopf hat, wenn man
Musik hört. Ich glaube, das kann jede*r gut nachvollziehen. Ein ganz plakatives Beispiel ist die symphonische Dichtung „Die Moldau“: In dem Stück hört man sehr gut, wo die Stromschnellen sind oder wenn der Fluss an einer Szenerie vorbeifließt, wo Menschen tanzen. Das wird durch die Musik gut dargestellt und erzeugt gewisse Bilder, die wiederum Emotionen auslösen.
Das „E“ steht für episodic memory, also Erinnerungen, die mit der Musik verknüpft sind. Hierin liegt ein sehr starker Grund, wieso Musik Emotionen auslöst.
Das „M“ steht für musical expectancy und meint, dass man gewisse Erwartungen hat, wie die Musik weitergeht. Diese Erwartungen treten entweder ein oder werden verletzt und lösen dadurch Emotionen aus.
Das „A“ steht für aesthetic judgement, also das ästhetische Urteil, das man gegenüber der gehörten Musik fällt. Hier stellen sich Fragen wie: Mag ich diese Musik? Spricht mich diese Musik an? Habe ich dadurch gewisse ästhetische Emotionen wie beispielsweise Bewunderung? Fühle ich mich durch diese Musik besonders friedlich oder habe ich andere ästhetische Emotionen beim Hören?
Es ist ein Modell, das schön zusammenfasst, welche möglichen zugrundeliegenden Mechanismen es gibt, durch die Musik Emotionen in uns auslösen kann.
Gleichzeitig passiert natürlich auch ganz viel in unserem Gehirn, wenn wir Musik hören.
Welche Erkenntnisse gibt es in der Neuropsychologie darüber, was das Hören von Musik im menschlichen Gehirn bewirkt?
Das Hören von Musik bewirkt viel. Im Gehirn ist alles miteinander verwoben, aber wenn wir von Emotionen sprechen – oder in diesem Zusammenhang auch von Wohlbefinden –, dann gibt es zwei Strukturen, die in der Forschung gut beleuchtet sind und zu denen es zahlreiche Erkenntnisse gibt.
Das ist einmal das limbische System, eine Struktur, die sehr alt ist und tief im Gehirn liegt. Es gibt gewisse Strukturen, die durch Musik getriggert werden können und die dann bewirken, dass wir uns gut fühlen oder dass wir uns nicht so gut fühlen. Wenn wir Musik hören, die wir nicht mögen, die Angst in uns auslöst oder dissonant klingt, dann werden verstärkt Strukturen angeregt wie zum Beispiel die Amygdala. Sie ist eine Struktur, die bei bedeutsamen Emotionen – positiv wie negativ – aktiv ist oder auch, wenn wir Angst verspüren. Bei dissonanten Klängen kann man eine erhöhte Aktivität in der Amygdala nachweisen.
Auf der anderen Seite gibt es das Belohnungssystem, das eng mit dem limbischen System verknüpft ist. Der Neurotransmitter Dopamin – der sehr wichtig ist, wenn es darum geht, dass wir uns gut fühlen – spiel hier eine wichtige Rolle. Dieser Neurotransmitter wird zum Beispiel bei genussvollem Essen ausgeschüttet, wenn man Drogen nimmt oder bei sexuellen Aktivitäten – und bei Musik, die wir selbst als angenehm beurteilen.
Es gibt noch weitere Strukturen, aber das limbische System und das
Belohnungssystem sind zwei Strukturen, die gut untersucht sind. Dabei zeigt sich, dass Musik einen Einfluss auf unser Gehirn hat und Strukturen angesprochen werden, die für das emotionale Empfinden wichtig sind.
Welche musikpsychologischen Ansätze gibt es, um mit Musikhören positiv auf das Wohlbefinden einzuwirken?
Musikpsychologie ist ein weit gefasster Begriff. Im Kontext der Musiktherapie wird bei der rezeptiven Musiktherapie das Hören von Musik genutzt, um Erinnerungen oder gewisse Assoziationen in den Patient*innen hervorzurufen oder auch um die Patient*innen in gewisse Situationen zurückzuversetzen, um dann in dieser Situation mit den Patient*innen zu arbeiten. Außerdem wird sehr viel mit Entspannungsmusik gearbeitet.
In der Forschung gibt es noch einen Ansatz, der zwar schon gut untersucht wurde, aber bei dem die Erkenntnisse, vor allem was die klinische Anwendung betrifft, noch weiter vertieft werden können. Man spricht vom ISO-Prinzip. Diesem liegt folgende Überlegung zugrunde: Höre ich Musik, die meinem aktuellen emotionalen Zustand entspricht oder höre ich Musik, die diesem emotionalen Zustand widerspricht. Letzteres wäre das sogenannte kompensatorische Prinzip.
Das ISO-Prinzip vereint diese beiden Ansätze: Das Hören von Musik kann mir helfen, indem ich erst einmal Musik höre, die meinem emotionalen Zustand entspricht. Das hat zur Folge, dass ich mich durch die Musik verstanden fühle. Vielleicht bin ich gerade in einem negativen Zustand, dann höre ich Musik, die diesen negativen Zustand untermalt und fühle mich durch die Musik verstanden – mir wird vielleicht Trost gespendet, jedenfalls habe ich keine Abwehrreaktion. Dann versucht man graduell durch die Musik den emotionalen Zustand so zu beeinflussen, dass man zu einem gewünschten Zustand kommt. Hier sind wir wieder beim Thema Emotionsregulation.
Dabei ist es sehr wichtig, dass Musik verwendet wird, die keine negativen
Assoziationen in uns auslöst. Auch positive Lieder, die mit einem negativen Kontext gepaart sind, können in der Folge negative Emotionen auslösen. Deshalb muss man schauen, ob positive Musik wirklich wertungsfrei ist, ob sie ihren Zweck erfüllt – auch musikalisch – und ob sie vom Patienten akzeptiert wird. Dann kann man versuchen graduell den Zustand zu verändern.
Welche musikalischen Eigenschaften wie Rhythmus, Tempo oder Lautstärke sind geeignet, einen positiven Effekt auf unser Wohlbefinden zu haben?
Rhythmus, Tempo, Lautstärke aber auch Tonart, Melodik, Harmonik, Klangfarbe und Tonumfang können sich vielfältig auf unser Wohlbefinden auswirken. Es gibt viele musikalische Eigenschaften, die Musik haben kann. Um eine Aussage darüber treffen zu können, wie diese das Wohlbefinden steigern, muss man zuerst differenzieren, was es bedeutet, das Wohlbefinden zu steigern.
Beispielsweise spricht man im Kontext der Emotionsregulation von verschiedenen Mechanismen, wie Emotionen reguliert werden können, wie etwa, dass Musik Trost spenden kann. Das kann das Wohlbefinden stärken. Musik kann aber auch genommen werden, um sich upzuliften. Man spricht dann von energizing. Sie kann auch dem entertainment dienlich sein, um etwa einen guten Zustand aufrechtzuerhalten. Ein anderer Mechanismus ist mental work, der meint, dass ich es durch die Musik schaffe, meinen Gefühlen auf den Grund zu gehen.
All das kann dazu beitragen, dass ich mich wohlfühle. Dabei ist natürlich jede Musik anders gestaltet. Wenn wir von der typischen positiven Gute-Laune-Musik ausgehen, finden sich dort häufig schnelle Rhythmen, eine Dur-Tonart – also ein Tongeschlecht, das als offen, fröhlich oder hell empfunden wird –, eine einfache Harmonik und Melodieführung sowie eher ein höherer Tonumfang. Das kann alles zum Wohlbefinden beitragen, aber die Frage ist immer, in welchem Kontext ich mich gerade befinde.
Wie wirkt traurige Musik auf unser Wohlbefinden?
Traurige Musik ist ein großes und spannendes Forschungsfeld, weil traurige Musik nicht immer traurig macht. Besonders im Bereich der klassischen Musik gibt es viel theatralische oder melancholische Musik und man wird nicht immer traurig dadurch, wenn man sie hört. Man ist vielleicht berührt, verfällt ein bisschen in Nostalgie, aber eher in eine positive Nostalgie.
Diese Musik ist wieder ganz anders gestaltet: Traurige Musik steht eher in Moll, ist langsam, hat eher ein ruhiges Tempo und eine vergleichsweise leise Dynamik im Gegensatz zur Uplifting-Musik. Neben Nostalgie wird bei trauriger Musik häufig ein gewisser Frieden und Zärtlichkeit erlebt. Auch das sind wiederum alles Zustände, die dem Wohlbefinden zuträglich sein können. Deshalb ist es schwierig, plakativ zu sagen, welche Musik für das Wohlbefinden gut ist, weil verschiedene Musik – ob sie fröhlich, traurig oder melancholisch gestaltet ist – trotzdem einen friedvollen Zustand in einem hervorrufen kann.
Bei trauriger Musik – um nochmal auf das BRECVEMA-Modell zurückzukommen – geht es auch viel um ästhetische Bewertung, denn traurige Musik ist ja trotzdem schön. Deswegen hören wir auch viel traurige Musik. Deswegen hören wir uns die Nocturnes von Chopin an oder ein Requiem von Mozart, weinen vielleicht dabei, haben gewisse Emotionen, haben Gänsehaut – in der Musikpsychologie spricht man von chills, die man verspürt, wenn man von Musik tief berührt wird.
Wie Musik wirkt, ist ein äußerst individuelles Feld, wobei man von einem Dreieck ausgehen kann: Es gibt die Person mit ihrer Persönlichkeit, ihren persönlichen Präferenzen, ihrer Geschichte, die sie durchlebt hat und mit sich trägt. Dann gibt es die Situation, in der sich diese Person gerade befindet und zuletzt die Musik an sich. Dieses Dreieck muss gut zusammenwirken, was in verschiedenen Situationen unterschiedlich ausfallen wird, je nachdem wie ich gerade drauf bin und was ich brauche, um mich wohlzufühlen. Das kann man nicht pauschal beantworten.
Man spricht auch von adaptiven und maladaptiven Funktionen von Musik. Adaptive Funktionen von Musik sind all jene Umgangsweisen mit Musik, die dazu führen, dass ich mich gut fühle. Maladaptive Funktionen sind eher Umgangsweisen, die dazu führen, dass ich mein Unwohlsein verstärke, zum Beispiel durch Grübeln und soziale Isolation.
Letzteres kann man bei Depressionen beobachten. Man hat einen hohen Aufmerksamkeitsfokus auf negative, traurige Schemata und dadurch auch eine erhöhte responsiveness, also Reaktionsfähigkeit auf diese negativen, traurigen Inhalte. Wenn man in einem solchen Teufelskreis steckt, kann das durch traurige Musik untermauert werden.
Hier greift wieder das ISO-Prinzip: Ich bin traurig, deshalb suche ich mir eher traurige Musik. Durch diese traurige Musik werde ich in meinem traurigen Denken bestätigt und bin auf weiteren traurigen Inhalt fokussiert. Wenn ich immer in diesem Schema bleibe, ist es eine Abwärtsspirale. Deswegen muss man versuchen irgendwann wieder auszubrechen, weil dieses maladaptive Musikhören sonst negative Effekte haben kann.
Kann man seine Stimmung im Alltag durch Musik gezielt aufhellen?
Wichtig sind das Ziel und der Kontext, in dem ich meine Stimmung heben möchte. Das Allerwichtigste ist dann, dass man sich Musik heraussucht, die man gerne in diesem Kontext hören möchte und die einem gerade hilft. Wenn in Studien mit Musik gearbeitet wird, stellen die Forschenden entweder Musik bereit oder die Probanden bringen ihre eigene Musik mit. Dabei beobachtet man, dass die Effekte immer stärker sind, wenn die Probanden ihre eigene Musik hören. Deswegen wird in der Musiktherapie auch versucht, die Musik mit dem Patienten gemeinsam auszusuchen. Es ist sinnvoll, sich auf den eigenen Musikgeschmack und die selbstgewählte Musik zu verlassen. Man muss für sich selbst herausfinden, was einem gerade guttut, welchen Zustand man anstrebt und welche Musik den aktuellen Zustand untermauern kann, damit man anschließend bereit ist, zu dem gewünschten Zustand überzugehen.
Da musikalischer Geschmack individuell unterschiedlich ist, kann man nicht pauschal sagen: ‚Hör dieses Lied und jenes Lied, dann geht es dir besser‘. Die einen sind Metalfans und hören Metal, wenn sie gute Laune haben wollen. Die anderen sind Hip-Hop-Fans oder mögen Jazz und hören dann eher etwas in dieser Richtung. Wenn man eine Gute-Laune-Playlist hat mit Liedern, die man mit guten Erinnerungen verbindet und man die Musik gerne mag, dann kann das helfen, in eine bessere Stimmung zu kommen. Natürlich könnte man empfehlen, am besten etwas mit einem schnellen Rhythmus in Dur zu hören, was Bewegung in einem auslöst, aber was das dann konkret ist, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Dafür kann es auch hilfreich sein, sich mit anderen darüber auszutauschen, was diese hören.
Zum Wohlbefinden gehört letztlich sehr viel. Das eudaimonische Wohlbefinden meint, dass man seine Potenziale ausschöpft und dass man wächst. Das hedonische Wohlbefinden meint, dass man gute Momente erlebt, Genuss verspürt und Freude am Leben hat.
Es gibt viele Arten und Weisen, wie man sein Wohlbefinden mit Musik steigern kann: Man kann sich selbst Gedanken machen, was einem gefällt, man kann mit anderen in Kontakt kommen und diese fragen, welche Musik sie gerne hören, man kann sich über Musik austauschen und so den eigenen Musikgeschmack und musikalischen Horizont erweitern.



