Guten Tag Herr Dr. Hönig, Sie sind Psychologischer Psychotherapeut, Leiter der Konsiliar- und Liaisonpsychosomatik am Universitätsklinikum Ulm und waren 12 Jahre lang Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie, der DGH. Was ist Hypnose eigentlich genau?

Hypnose wird in zweifacher Weise verwendet: Hypnose ist einmal eine Bezeichnung für einen veränderten Bewusstseinszustand, einen Trance-Zustand. Trance ist etwas ganz Natürliches: Manchmal befinden wir uns im Laufe des Tages in diesem Zustand, so wie wir uns unter normalen Bedingungen in unserem alltäglichen Bewusstsein befinden. Der veränderte Bewusstseinszustand sorgt dafür, dass wir ein stärkeres, inneres bildhaftes Erleben haben und dass wir durchgängiger für Emotionen sind. Das bildhafte, assoziative Denken rückt in den Vordergrund, während das nüchterne, rationale zurückreguliert wird.
Das andere ist die Hypnose als Technik. Sie ist eine Art Aufmerksamkeitslenkung mit dem Ziel, uns zunehmend in Trance zu versetzen. Bei diesen Techniken, auch Induktionsformen genannt, wird häufig mit Atmung gearbeitet, wie etwa bei Entspannungsübungen oder bei Meditationen, um den Geist zu beruhigen und einen konzentrierten inneren Aufmerksamkeitszustand zu schaffen.
Welcher Qualifikationen bedarf es, um Hypnose durchführen zu dürfen?
Hypnose dürfen Personen durchführen, die dazu autorisiert sind. Das sind Personen, die einen bestimmten Grundberuf haben, wie Ärzte, Zahnärzte und Psychologen. Diese müssen eine Zusatzqualifikation als ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut aufweisen. Als drittes Kriterium müssen sie eine akkreditierte, curriculare Hypnoseausbildung durchlaufen haben. Die Ausbildung wird in Deutschland vor allem von zwei großen Gesellschaften angeboten: der DGH und der Milton-Erickson-Gesellschaft. Zahnmediziner können die Ausbildung auch bei der Deutschen Gesellschaft für Zahnmedizinische Hypnose machen.
Für wen ist Hypnose geeignet?
Nicht jeder Mensch ist gleich empfänglich für Hypnose. Das Tolle an der Hypnose ist aber, dass für die therapeutischen Effekte, die man mit Hypnotherapie erzielen kann, meiner Erfahrung nach eine leichte bis mittlere Trance-Fähigkeit ausreicht. Bis zu 90 Prozent der Menschen könnten davon profitieren. Bei 10 bis 15 Prozent von diesen reicht ein ‚Schnipp‘ und sie sind ‚somnambul‘, also in einem Zustand tiefer Trance. Das ist bei Hochsuggestiblen, also Menschen, die für fremde Einflussnahme besonders empfänglich sind, der Fall. Nur etwa 10 Prozent sprechen auf Hypnose kaum bis gar nicht an. Bei schweren psychiatrischen Erkrankungen, wie etwa Persönlichkeitsstörungen, muss eine Einschätzung durch fachkundiges Personal erfolgen.
Wie kann man sich den Ablauf einer Hypnotherapie-Einheit vorstellen?
Bei der Hypnotherapie wird zunächst das Problem des Patienten exploriert. Hypnose kann zum Beispiel bei Ängsten, Depressionen und Traumata eingesetzt werden. Dann schaut man nach, welche Ressource oder welches innere Erleben es braucht, um besser damit umgehen zu können. Man sucht dazu eine Episode im Leben, in der etwas Positives erlebt wurde. Wir rufen das wach, gehen damit in eine problematische Situation, stellen fest, dass diese anders erlebbar ist, dass der Patient das durchsteht und dass die Symptome hier nicht auftauchen. Der Patient fühlt sich entsprechend erleichtert.
Wir müssen nicht, wie etwa in der Verhaltenstherapie, die Angst erst einmal erleben und aushalten. In der Hypnose lassen wir etwas Gutes erleben und schauen, ob die bedrohliche Situation noch Macht hat.
Eine sehr effektive Möglichkeit, das neu Gelernte zu vertiefen, ist das sogenannte „Ankern“, das auch in anderen Psychotherapieverfahren fest etabliert ist. Hierbei wird der veränderte innere Erlebniszustand wie Sicherheit, Vertrauen, Mut und dergleichen an einen sinnlichen Eindruck gekoppelt. Häufig wird dafür etwas Haptisches verwendet, zum Beispiel, dass man die Finger übereinanderlegt, oder Daumen und Zeigefinger zusammendrückt. Alternativ kann aber auch an einen farblichen Eindruck geankert werden.
Mit dieser Methode können Patienten in stressigen Situationen, wie zum Beispiel bei Prüfungsängsten, positive Emotionen abrufen und ruhig und gelassen bleiben. In Prüfungen kann man das beispielsweise unauffällig mit der Hand in der Hosentasche machen.
Gibt es außer Ängsten, Depressionen und Traumata weitere Beschwerden, für deren Behandlung Hypnose infrage kommt?
Hypnose ist als Methode auch bei Suchterkrankungen und Raucherentwöhnung geeignet. Sie kann ferner bei medizinisch invasiven Interventionen wie Blutentnahmen unterstützen, selbst bei der Blut-Spritzen-Verletzungsphobie, also der Angst, Blut zu sehen, sowie bei der Angst vor Spritzen und kleineren medizinischen Eingriffen. Sehr geeignet ist Hypnose auch bei Schmerzen.
Gibt es aktuelle wissenschaftliche Studien, die die Wirkung von Hypnose auf Depressionen und Ängste belegen?
Eine aktuelle Non-Inferiority-Studie am Universitätsklinikum Tübingen hat den Einfluss von Hypnose auf Depressionen und Ängste untersucht. In Non-Inferiority-Studien wird nicht geprüft, ob Hypnose überlegen ist, sondern, ob sie genauso gut ist wie andere Therapieformen. Die beiden Studien konnten zeigen, dass die Hypnose zum Beispiel der Verhaltenstherapie nicht unterlegen ist.
Über die Depressionen kann man sagen, dass depressive Menschen häufig Schwierigkeiten mit dem bewussten Gedächtnisabruf haben, vor allem von positiven Erlebnissen. Den Patienten fällt oft nichts ein, was schön war. Wenn die Therapeuten aber indirekt fragen, über innere Bilder, über eine automatische Verarbeitungsroute gehen, dann kommen die Patienten unwillkürlich ins Spüren. Das kann man sehr gut verwenden, wenn Patienten zum Beispiel sagen: „Ich habe schon alles ausprobiert, aber es hat nichts gebracht“ und ihnen absolut nichts Positives einfällt. Und gleicherweise glaube ich, dass es einen anderen Teil in ihnen gibt, der hofft, dass es irgendwann wieder anders sein kann, der hofft, dass es vielleicht mal so wird, wie vor ihrer Erkrankung, als sie mitten im Leben standen, in der sie Freunde hatten, Sozialkontakte.
In den Sitzungen sollen sie einfach mal erzählen, wann sie das schon einmal erlebt haben. Was dann passiert, ist faszinierend. Der Patient sagt dann beispielsweise: „Damals war ich 21 und wir waren gerade in Frankreich unterwegs …“, so, als ob das ganz normal wäre, dass er das erzählt. Eine Information, die sonst völlig blockiert ist, kommt dann einfach heraus.
Das ist ein Beispiel, wie diese suggestive Kraft auf Umwegen unter Umgehung der rationalen Kontrolle Gedächtnisepisoden assoziieren lässt, die dann plötzlich verfügbar sind.
Wie viele Therapiestunden sind nötig, damit Hypnose wirken kann?
Wenn Hypnose wirkt, wirkt sie schnell. Ich habe erlebt, dass bereits ein oder zwei Sitzungen eine Veränderung bewirken. Beispielsweise hatte ich einmal eine Patientin, die bei mündlichen Prüfungen Angst hatte, das Gelernte plötzlich zu vergessen, obwohl sie sehr gut vorbereitet war. Bereits nach einer Sitzung war sie imstande die nächsten Prüfungen ohne dieses Gefühl abzulegen, was sie sehr erstaunt hat. Über die schnellen Erfolge der Hypnose sind auch meine Kollegen am Uniklinikum Ulm immer wieder verblüfft.
Wird die Behandlung mit Hypnose von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen?
Dazu müsste die Hypnose ein sozialrechtlich anerkanntes Verfahren sein, was sie bislang nicht ist. Das heißt, momentan ist die Hypnose eine Selbstzahlerleistung.
Hypnotherapie ist ein eigenständiges Verfahren und gilt als eine wissenschaftlich anerkannte Therapiemethode. Sie ist aber bisher nur für zwei bis drei Krankheitsbilder empirisch hinreichend belegt. Wenn sich die beiden Tübinger Studien zu Depressionen und Ängsten bewahrheiten, kann der Antrag auf eine Zulassung gestellt werden, damit sie von den gesetzlichen Krankenkassen als Leistung übernommen wird – so wie es auch bei der Verhaltenstherapie und zuletzt bei der Systemischen Therapie war.
Wer schon jetzt eine Abrechnung über die Krankenkasse erwirken möchte, der kann sich einen approbierten Verhaltenstherapeuten, Psychoanalytiker oder Tiefenpsychologen suchen, der über eine zusätzliche Ausbildung als Hypnotherapeut verfügt. Dies geht am besten über die Fachgesellschaften, zum Beispiel über die DGH. Auf der Webseite gibt es eine deutschlandweite Postleitzahlen-Suche, wo man die Kolleginnen und Kollegen und ihre Qualifikationen einsehen kann.
Erleben Sie in Ihrem Arbeitsalltag auch Voreingenommenheit gegenüber dieser Form der Behandlung?
Die klinische Hypnose erfreut sich inzwischen einer großen Beliebtheit unter Ärzten. Auch die Patienten, die zu mir kommen, sind ihr gegenüber offen.
Die klinische Hypnose ist etwas sehr Gewährendes. Das Prinzip der Kooperation spielt eine wichtige Rolle. Wir machen den Patienten bei der Hypnose immer nur Angebote, die sie annehmen oder ablehnen können. Wir sagen den Patienten zum Beispiel: „Sie können sich einen Strand vorstellen oder einen Wald. Vielleicht scheint die Sonne und es ist warm oder ein sanfter Regen prasselt auf das Laub. Wellen rauschen im Hintergrund oder es zwitschern Vögel …“
Die Show-Hypnose hingegen dient primär der Unterhaltung. Das hat als solches seine Berechtigung: Man darf sich gern faszinieren an Erstaunlichem. Schwierig wird es – und ich finde das auch zum Teil unverantwortlich –, wie dabei häufig mit Menschen umgegangen wird.
Show-Hypnotiseure erkennen leicht eine Trance- Neigung und können Trancen schnell herbeiführen. Hierbei kommen neben der Nutzung von Erwartungsbildung mitunter auch zusätzliche Elemente zum Tragen, die auch außerhalb hypnotischer Kontexte wirken wie zum Beispiel soziale Kontrolle vor einem unbekannten und oft unüberschaubaren Publikum oder Einschüchterung durch Unterwerfungsrituale.
Kommt es im Rahmen einer Show-Hypnose zu Komplikationen, wie etwa einer Reaktivierung eines erlebten Traumas, sind die meisten dafür jedoch nicht ausgebildet und häufig schnell überfordert, wodurch die Teilnehmenden ungeschützt sind, nicht aufgefangen werden und dadurch Schaden nehmen können. Nicht zuletzt deshalb gehört Hypnose in berufene Hände.
Autorinnen: Christina Moormann, Jorgos Borchert, Luca Schröder. Dieser Beitrag ist im Rahmen des ZfS-Seminars „Online-Journalismus am Beispiel von uniCROSS“ für Studierende entstanden. Seminarleitung, Redaktion: Silvia Cavallucci


