Hallo Herr Kornmeier, hallo Herr Bauer. Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) wurde vor 75 Jahren vom Psychologen und Arzt Prof. Hans Bender gegründet und beschäftigt sich mit sogenannten außergewöhnlichen Phänomenen und paranormalen Erfahrungen. Warum beschäftigt sich das Institut mit diesen Themen?

Zwei Männer mit grauen Haaren stehen nebeneinander vor einem großen, voll gefüllten Bücherregal. Beide tragen Brillen. Der Mann links trägt ein dunkles Hemd und Jeans, der Mann rechts ein hellblaues Oberteil.
Eberhard Bauer (li) ist Psychologe, Vorstandsmitglied und stellvertretender Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, dem er bereits seit über 50 Jahren angehört. Jürgen Kornmeier hat Biologie und Mathematik studiert, ist Neurowissenschaftler und seit 2022 Leiter des IGPP.

Jürgen Kornmeier: Menschen machen außergewöhnliche Erfahrungen. Das können Spukphänomene oder Klarträume sein, es kann passieren, dass jemand in der Nacht von einer Freundin träumt und am nächsten Tag ruft sie an – mit solchen Sachen beschäftigen wir uns hier.

Solche Phänomene nennen wir außergewöhnliche Erfahrungen. Das Institut hat 1998 und 2025 zwei repräsentative Umfragen gemacht und dabei haben wir festgestellt, dass etwa 75 Prozent der deutschsprachigen Normalbevölkerung mindestens einmal im Leben eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht hat.

Der Gründer des Instituts, Prof. Hans Bender, hat sich für diese Phänomene interessiert und sich gefragt: Ist es Zufall? Einbildung? Oder gibt es da irgendetwas an Kommunikation oder Informationsfluss, den wir mit den bisherigen Erklärungsmodellen unserer Welt noch nicht verstehen?

Wie erforschen Sie diese Phänomene?

Eberhard Bauer: Wir haben drei Schwerpunkte im Institut: Forschung, Beratung und Information. Unsere Forschung deckt pluridisziplinär den Umgang mit außergewöhnlichen Erfahrungen ab, wie etwa durch Laborexperimente oder die Rezeption des Paranormalen in der Kulturgeschichte. Wir legen den Akzent auf die Entwicklung der parapsychologischen Forschung in Deutschland der Nachkriegszeit seit 1950.

Jürgen Kornmeier: Der Anspruch der Information als ein Schwerpunkt liegt darin, die interessierte Öffentlichkeit zu informieren – darüber, was die Wissenschaft zu diesen Phänomenen zu sagen hat und welche Literatur es gibt. Dafür haben wir eine Kooperation mit der UB. Unsere Forschungsbibliothek umfasst momentan mehr als sechzigtausend Bände und ist europaweit vermutlich die größte Bibliothek dieser Art.

Eberhard Bauer: Eine weitere Aufgabe des Instituts ist der beratende Umgang mit den außergewöhnlichen Phänomenen. Denn unabhängig davon, wie die wissenschaftliche Evidenz aussieht, gibt es Menschen, die solche Erfahrungen machen. Das Institut hat also eine Funktion, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die ganzen Phänomene naturwissenschaftlich – vor dem Hintergrund dessen, was wir zu wissen glauben – normal oder nicht außergewöhnlich sind. In jedem Falle bleibt ein Beratungsanspruch übrig.

Warum braucht es eine Beratung für Menschen, die diese Phänomene erleben?

Jürgen Kornmeier: Wenn Menschen außergewöhnliche Erfahrungen machen, kann das faszinierend sein. Es kann aber auch belastend und stigmatisierend sein. Es kann dazu führen, dass sie nachts nicht mehr schlafen können, wenn es die ganze Nacht poltert oder sie Stimmen hören.

Auch gibt es sogenannte Berater*innen, die den Menschen vielleicht gar nicht helfen wollen, sondern etwa falsche Heilsversprechungen machen. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Menschen an uns wenden können.

In der Beratung bekommen Betroffene eine Art Erste Hilfe. Wir machen keine Therapien hier im Haus, aber gegebenenfalls leiten wir die Menschen bei Bedarf weiter. In erster Linie versuchen wir aber zu verstehen, was die Menschen bedrückt, und wir versuchen, ihnen zu helfen, die Erfahrungen in ihren Lebensalltag einzuordnen. Daraus erklärt sich auch der Begriff der Psychohygiene in unserem Institutsnamen.

Wer kommt zu Ihnen in die Beratung?

Jürgen Kornmeier: Ein erheblicher Teil der Leute, die sich bei uns melden, ist aufgrund von psychischen Problemen belastet. Diese Probleme projizieren sie in die unterschiedlichsten Erfahrungen hinein, und das kann die Menschen auf verschiedenste Weise belasten.

Die Erfahrungen können das ganze Spektrum von Wahrträumen bis zu Poltergeistphänomenen umfassen. Dann gibt es eine besondere Gruppe von Menschen, die sich von ihren Erfahrungen – etwa von Erdstrahlen – beeinflusst fühlen und die sozusagen am Rande der Psychose oder der psychischen Auffälligkeit stehen.

Eine unserer Aufgaben ist es, eine gewisse Sortierung vorzunehmen und zu überlegen, wo man etwas entmystifizieren kann und wem man eine sachgerechte Therapie empfiehlt.

Es gibt viele Motivationen, aus denen sich Menschen an uns wenden. Für uns am uninteressantesten sind solche, die von uns nur eine Bestätigung oder ein Zertifikat für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten wollen, etwa, um damit ein Geschäftsmodell aufzumachen. Spannender wird es bei allen, denen man unterstellen kann, dass sie tatsächlich in ihrer subjektiven Wirklichkeit außergewöhnliche Erlebnisse haben.

Was sind mögliche Ursachen für außergewöhnliche Erfahrungen?

Jürgen Kornmeier: Eine Ursache kann sein, dass man einer Wahrnehmungstäuschung unterliegt. Die Bilder, die wir über die Welt im Kopf haben, sind zum großen Teil Konstrukte, also ein mentales Kino. Wie stark diese Bilder mit der Wirklichkeit übereinstimmen, ist eine große Frage.

Unsere Sinnesorgane haben nur einen sehr beschränkten Zugang zu der Information um uns herum. So sieht die Honigbiene ein Rot, das für uns nicht sichtbar ist, oder die Stubenfliege sieht im Kino eine Diashow, während wir ein Bewegtbild sehen, da die Fliege eine bessere zeitliche visuelle Auflösung hat. Es ist Teil unserer Aufgabe, da genauer hinzuschauen.

Natürlich gibt es Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, und die wären in der Psychiatrie dann besser aufgehoben als bei uns. Es gibt aber Fälle, die schwer einzusortieren sind. Eine Beobachtung, die wir häufig machen, ist, dass Menschen außergewöhnliche Erfahrungen machen, wenn sie in außergewöhnlichen Lebenssituationen sind. Das können traumatische Erlebnisse, Todesfälle oder Missbrauch sein.

Es gibt aber einen wissenschaftsphilosophischen Aspekt, der ganz schnell praktische Konsequenzen haben kann. Man kann sich fragen, ob all diese Phänomene auf Wahrnehmungstäuschungen oder psychiatrische Erkrankungen zurückzuführen sind oder ob tatsächlich ein Körnchen Wahrheit darin steckt. Ich habe keine Antwort darauf.

Wenn jemand grundsätzlich davon ausgeht, dass alles nur Einbildung ist, dann setzt man doch voraus, dass man die Welt schon verstanden hat. Die Frage ist, ob die Wissenschaft schon so weit ist, um andere Ursachen auszuschließen. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir solche Phänomene noch nicht kategorisch ausschließen können und immer vom „Körnchen der Wahrheit“ ausgehen sollten. Ansonsten kann es sein, dass wir Menschen fälschlicherweise in die Psychiatrie schicken, obwohl der Ursprung woanders läge.

Im IGPP wird nicht nur beraten und informiert, sondern auch geforscht. Wie verhält sich die Wissenschaft zu Grenzgebieten wie den außergewöhnlichen Phänomenen, deren Ursachen also noch nicht geklärt sind?

Jürgen Kornmeier: Das sind natürlich hochprovokante Themen. Wenn jemand kommt und erzählt, er habe eine telepathische Nachricht aus den USA bekommen, dann stellt sich die Frage: Wie kommt die Information von da drüben hierher? Und da gibt es bei den ganzen Informationen, die das Institut gesammelt hat, wirklich spektakuläre Geschichten. Die erste Frage ist immer, was der ontologische Wahrheitsgehalt dieser Geschichten ist und ob es einen Kern gibt, den man ernst nehmen kann – und wie sich das erklären lässt.

Die gegenwärtig akzeptierten und auch erfolgreichen Erklärungsmodelle aus den Naturwissenschaften können solche außergewöhnlichen Phänomene bisher nicht erklären. Das ist eine große Herausforderung, die von vielen schlichtweg ignoriert wird. Aber wenn man annimmt, dass bei all diesen Berichten ein Körnchen Wahrheit ist – 75 Prozent der Bevölkerung ist ja keine kleine Zahl –, dann ist das eine hochspannende Thematik.

Eberhard Bauer: Das IGPP steht in einer langen Kette von Umgangsformen mit dem Außergewöhnlichen. Wir sind, zumindest in Deutschland, in der einzigartigen Situation, dass wir hier Themen untersuchen können, die von den orthodoxen Wissenschaften nicht untersucht werden.

Wie reagieren andere Wissenschaftler*innen auf Ihr ungewöhnliches Forschungsgebiet?

Eberhard Bauer: Die Phänomene, mit denen wir uns beschäftigen, befinden sich in einer Kontroverse des Pro und Kontra. Sie haben immer mit weltanschaulichen Grundannahmen zu tun, die dem Diskurs unterliegen. Es gibt bei manchen Vertreter*innen der sehr erfolgreichen Naturwissenschaften einen gewissen Dogmatismus, indem man sagt: „Wir haben die Welt quasi verstanden.“ Aber es gibt eben Themen, die einem bestimmten monolithischen Anspruch nicht gehorchen, wie beispielsweise der Frage, was menschliches Bewusstsein bedeutet. Es gibt Anomalien, die nicht in ein dogmatisches Weltbild hineinpassen.

Jürgen Kornmeier: Ich würde meine Antwort zweiteilen – einmal phänomenologisch und dann konzeptionell. Phänomenologisch insofern, als dass es tatsächlich heute noch vorkommt, dass Wissenschaftler*innen, die sich für Grenzgebietsthemen interessieren, als unseriös deklariert werden. Als ich selbst Doktorand war, hat mein Doktorvater gesagt: „Rede nicht öffentlich über das Thema Bewusstsein, das kann karriereschädlich sein.“ In dieser Zeit war es tatsächlich politisch inkorrekt, sich öffentlich Gedanken über das Bewusstsein zu machen. Denn damals hat die Neurowissenschaft klar gesagt, dass das Bewusstsein etwas für die Philosophen ist, und wer versucht, das neurowissenschaftlich zu untersuchen, der ist unseriös.

Zur konzeptionellen Antwort: In der Gesellschaft der Wissenschaftler*innen kann man eine Zweiteilung vornehmen. Also: Erstmal sind alle Erklärungen und Errungenschaften der Wissenschaft im Prinzip epistemische Modelle der Welt. Nun kann man die Wissenschaftler*innen einteilen in solche, denen das bewusst ist, und solche, die glauben, dass sie die Welt schon verstanden haben.

Mein Gefühl ist: Je angewandter der Forschungsbereich ist, wie beispielsweise in der Medizin, desto größer sind die Vorbehalte gegenüber den Grenzgebieten. Je theoretischer der Bereich ist, wie etwa extraterrestrische Physik, desto bewusster ist man sich, wie wenig wir verstanden haben. Denn da liegt der Modellcharakter unseres Wissens jeden Tag bei der Arbeit klar auf dem Tisch. In dem Bereich findet man erfahrungsgemäß mehr Menschen, die sich für Grenzgebiete interessieren und in der Hinsicht offener sind.

Gibt es einen Konsens im Institut in Bezug auf die Einstellung gegenüber außergewöhnlichen Phänomenen bei der Forschung?

Jürgen Kornmeier: In unserem Institut gibt es kein Glaubensbekenntnis, das man ablegen muss, um hier zu arbeiten. Was aber ganz zentral ist, ist, dass unsere Methoden nach dem Kodex der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der DFG, wissenschaftlich sind. Alles andere ist persönliche Weltanschauung, und da sind wir offen. Da freuen wir uns, wenn es lebhafte Diskussionen gibt.

Eberhard Bauer: Wir haben verschiedene Disziplinen im Haus, und natürlich geht ein Neurobiologe anders an solche Phänomene heran als eine Experimentalphysikerin. Wir haben verschiedene pluridisziplinäre Einbettungsversuche, und die Art und Weise, wie man mit diesen Erfahrungen umgeht, inwieweit man diese ins Labor hineinbringt und inwieweit man damit forscht, ist unterschiedlich.

Unsere Mitarbeiter*innen reflektieren über die Voraussetzungen, unter denen sie auf die Phänomene blicken. Dabei gehört eine historische und kulturgeschichtliche Reflexion genauso dazu wie Laborexperimente. Die Schwierigkeit ist immer, wie die Phänomene in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und inwieweit man seine eigene Einstellung dazu relativieren kann.

Hat sich Ihre eigene Einstellung oder Ihre persönliche Weltanschauung im Laufe Ihrer Arbeit verändert?

Jürgen Kornmeier: Ich glaube, je älter man wird und je mehr Erfahrungen man sammelt, desto mehr erkennt man – wenn man Glück hat – komplexe Zusammenhänge. Mein wissenschaftliches Leben hat zu großen Teilen in diesem Institut stattgefunden, und das, besonders die hier praktizierte Interdisziplinarität, hat mich natürlich geprägt.

Eberhard Bauer: Zu Beginn meiner Studienzeit war Herr Bender ein sehr populärer Psychologieprofessor. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zu diesem Thema noch keine weltanschauliche Bindung. Aber ich hatte gehört, dass dieser Professor über Themen spricht, die sonst im akademischen Diskurs kaum eine Rolle spielten. Ich war einfach neugierig.

Bis heute bin ich völlig agnostisch und offen, wohin uns die Erkenntnis führt, aber meine weltanschauliche Fixation hing nie davon ab, was die Parapsychologie sagt. Im Gegenteil: Je mehr ich mit Menschen zu tun hatte und das ganze Spektrum der Spukfälle und okkulten Phänomene untersucht habe, desto mehr habe ich bemerkt, dass außergewöhnliche Phänomene eine existentielle Bedeutung für Menschen haben. Diese Phänomene zu verstehen, ohne sie auf meine persönliche Einstellung zu beziehen, ist immer meine primäre Motivation geblieben.

Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene feiert sein 75-jähriges Bestehen noch bis Dezember 2025 mit einer Vortragsreihe, die sich an ein Laienpublikum richtet. Die Vorträge finden hybrid immer dienstagsabends von 18 bis 19.30 Uhr im Parlatorium der UB und online statt.