Hallo Frau Spahn, Sie sind Ärztin und Musikerin und haben vor 20 Jahren zusammen mit Prof. Dr. Richter den Aufbau des Freiburger Instituts für Musikermedizin begonnen. Was ist eigentlich Musikermedizin?

Auf dem Bild ist eine weiblich gelesene Person zu sehen, die brauch schulterlange Haare hat, die roten Lippenstift, große goldene Ohrringe und eine auffällige Halskette trägt.
Prof. Dr. Dr. Claudia Spahn ist Professorin für Musikermedizin und leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Bernhard Richter das Freiburger Institut für Musikermedizin (fim).

Die Musikermedizin kümmert sich um die gesundheitlichen Belange von Musikerinnen und Musikern. Dazu gehören sowohl die Instrumentalist*innen als auch die Sänger*innen.

Da Musikerinnen und Musiker alle möglichen gesundheitlichen Fragen und Beschwerden haben können, handelt es sich um ein breites Fachgebiet. In der Musikermedizin arbeiten wir auf der Grundlage dessen, was man aus den verschiedenen Fachgebieten der Medizin weiß, ergänzt um die spezielle Perspektive des Musikerseins.

Das gesamte Fach heißt Musikphysiologie und Musikermedizin und umfasst inhaltlich auch die gesunde Ausführung des Musizierens und warum Musizieren für unsere Gesundheit gut ist.

Was war die Idee hinter der Gründung eines eigenen Institutes für diesen Bereich?

Die Idee kam damals von der Rektorin der Musikhochschule Freiburg, Prof. Mirjam Nastasi, die selbst Flötistin ist und ursprünglich aus Holland kam. Sie hatte damals angeregt, dass man sich professionell darum kümmert, wie es den Studierenden an der Musikhochschule gesundheitlich geht. Ihr Interesse war, dass man sowohl Lehrangebote zur Prävention anbietet als auch eine Anlaufstelle für spezifische gesundheitliche Probleme einrichtet, bei der Ärzte, die auch Musiker sind, sich so gut auskennen, dass sie Musikerinnen und Musiker gut beraten können.

Schnell wurde klar, dass zwar Lehre an der Musikhochschule möglich ist, aber dort keine Behandlung erfolgen kann. Der damalige Kanzler Klimanski hat sich um eine Kooperation der Musikhochschule Freiburg mit der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg und dem Universitätsklinikum bemüht. So kam dieses Joint Venture zustande, aus dem das Freiburger Institut für Musikermedizin entstanden ist.

Braucht man als Mitarbeitende*r der Institution eine doppelte Qualifikation, im Bereich der Musik und der Medizin, um diesen doppelten Blick zu haben?

In der Musikermedizin schon. Zur Musikermedizin gehören zwar verschiedene Fachbereiche, aber es ist wichtig, dass man ebenfalls musikalische Kompetenzen hat, weil man ansonsten dieses Spezifikum in der Behandlung nicht gut bedienen kann. Dabei muss man nicht unbedingt Profimusiker*in sein. Essentiell ist jedoch, dass man Ahnung davon hat, wie Musizieren funktioniert und was Musikersein bedeutet.

Aber wenn man zum Beispiel für Instrumentalist*innen zuständig ist, muss man natürlich nicht alle Instrumente selbst gespielt und gelernt haben. Aber man muss ein grundlegendes Verständnis für die unterschiedlichen Instrumente haben und auch darüber, wie Orchester oder andere musikalische Berufsfelder sowohl im Amateur- als auch im Profibereich funktionieren und organisiert sind.

Der Stimme ist in der Medizin mit der Phoniatrie ein eigenes Fachgebiet gewidmet. Es bedarf jedoch der Musikermedizin, in der die Bedürfnisse von Amateur- und Profisänger*innen vor dem Hintergrund ihrer musikalischen Dimension kompetent diagnostiziert und behandelt werden.

Die Musikphysiologie stellt einen Teilbereich der Musikermedizin dar und beschäftigt sich mit den körperlichen und psychologischen Vorgängen beim Musizieren. Wie sieht es dort mit der Qualifikation aus?

In der Musikphysiologie ist eine therapeutische Qualifikation nicht unbedingt notwendig, da es hier um Lehre, Forschung und Wissenstransfer geht. Wir am Freiburger Institut für Musikermedizin haben den innovativen Schritt gemacht, zu sagen, dass man nicht Ärztin oder Arzt sein oder einen therapeutischen Beruf haben muss, um im Bereich Musikphysiologie tätig zu sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Patient*innen dann verstanden fühlen, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber über eine musikalische Expertise verfügt. Man kann dann auf einer anderen Verständnisebene miteinander kommunizieren.

Was macht das Freiburger Institut für Musikermedizin eigentlich genau?

Wir haben vier Aufgabenbereiche im fim. Die Lehre ist hauptsächlich an der Musikhochschule im Fach Musikphysiologie angesiedelt, aber auch bei den Medizinstudierenden. Dann haben wir den großen Bereich Forschung, der ganz divers ist mit vielen verschiedenen Themen. Der dritte Bereich ist die Patientenversorgung, die hier in der Ambulanz erfolgt.

Sehr wichtig ist auch der Bereich Wissenstransfer, unsere vierte Säule. Wir halten viele Vorträge und führen Veranstaltungen durch, um sichtbar zu machen, was wir erforschen und entdecken. Außerdem haben wir viele Kooperationen mit umliegenden Institutionen – auch im Bereich der Amateurmusik. Unsere gesellschaftliche Aufgabe besteht darin, die gesundheitsfördernde Wirkung des Musizierens zu vertreten.

Welche Personengruppen konsultieren mit welchen Beschwerden Ihre Sprechstunde?

Zu uns kommen Amateur- und Profimusiker*innen aller Altersgruppen als Sänger*innen verschiedener Genres und Musiker*innen mit ganz unterschiedlichen Instrumenten sowohl aus dem klassischen Bereich als auch aus den Bereichen Rock, Pop oder Musical. Manchmal kommen auch Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrpersonen, aber auch Menschen nach der Pensionierung – unsere älteste Patientin war 97.

Bei Sänger*innen begegnen uns dabei häufig Stimmkrisen oder Einschränkungen durch Infekte. Es kommen aber auch viele Lehrkräfte mit Problemen der Sprechstimme. Bei den Instrumentalist*innen liegen oft Überlastungssyndrome mit Schmerzen vor. Wir behandeln aber auch Probleme im psychologischen Bereich wie zum Beispiel Auftrittsangst.

Die ursprüngliche Idee von Frau Prof. Nastasi bezog sich auf Musikstudierende. Jetzt ist die Ambulanz eine offene Ambulanz für alle, die sich Unterstützung wünschen. Die Musikstudierenden machen aber weiterhin einen wichtigen Teil aus.

Während das Masterhauptfach Musikphysiologie besonders für Musikstudierende vorgesehen ist, kann der Minor Musikphysiologie auch mit einem nicht musikspezifischen Bachelor- oder Humanmedizinstudium kombiniert werden. Welche Vorteile hat dieses Nebenfach für Studierende der Universität Freiburg?

Für Medizinstudierende gibt es im zweiten und dritten Semester das Mentorenprogramm, bei dem wir von Anfang an dabei waren. Dort sammeln sich musikaktive, musikbegeisterte Medizinstudierende, die an der Verbindung von Musik und Medizin interessiert sind. Neben der fachlichen Kombination, kommt hier auch das interinstitutionelle Zusammenspiel und das zwischenmenschliche Miteinander zum Tragen.

Für die Studierenden der Universität und der Musikhochschule Freiburg besteht außerdem das Angebot, dass sie ihre Nebenfächer im Bachelorstudium an beiden Institutionen studieren können. Hier ist auch die Musikphysiologie ein mögliches Nebenfach.

Wenn Sie auf die letzten 20 Jahre des fim zurückschauen, gab es Momente, die besonders herausfordernd waren?

Die ersten Jahre waren sehr herausfordernd. Weil man nicht immer alle Personen von Anfang an mitnehmen kann, braucht es Zeit, bis Menschen Vertrauen entwickeln und verstehen, warum es sinnvoll ist, so ein neues Fach und Angebot einzuführen.

Und welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Corona-Pandemie war eine schwierige Zeit, für das fim aber ein riesiger Gamechanger. Wir schrieben auf, wie man mit dem Virus beim Musizieren, Singen, Instrumentalspiel sowie in allen anderen Bereichen umgehen kann, was es damit auf sich hat und was der aktuelle Erkenntnisstand ist. Wir nannten das Risikoeinschätzung.

Am Anfang waren das etwa fünf Seiten, auf denen einfach nur stand, was man alles nicht weiß. Am Ende waren es 60 Seiten, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Mit diesem Wissen fungierte das fim als Beratungsstelle zur Risikoeinschätzung und Beantwortung von Fragen zur Prävention von Ansteckung beim gemeinsamen Musizieren.

Dass dies alles möglich war, lag auch an der ganz besonderen Kooperation mit der Uniklinik. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg hat am fim eine Beratungsstelle eingerichtet, die Prof. Dr. Bernhard Richter zusammen mit mir und zwei Mitarbeiterinnen geführt hat. Dadurch erfuhr das fim viel Aufmerksamkeit, Anerkennung und die Relevanz des Instituts und seiner Arbeit trat sehr deutlich zutage.

Dadurch hat das Institut auch einen Personalzuwachs erfahren. Viele Personen arbeiten hier im fim seit Jahren sehr engagiert, gut und kreativ, in einem positiven Miteinander. Gerade die tägliche praktische Arbeit ist wichtig. Da gibt es jeden Tag kleine Highlights.

So ein Highlight war auch das Symposium zum 20-jährigen Bestehen, das Anfang Mai 2026 stattgefunden hat. Es war aus verschiedenen Gründen positiv: Erstmal muss man 20 Jahre feiern können, das allein ist nicht selbstverständlich. Dann ist es schön, dass so viele Leute gekommen sind und insbesondere, dass Musiker*innen als Dank für das fim ein Festkonzert gestaltet haben.

Auch die Bilanz, dass wir inzwischen sehr gut anerkannt, bedeutsam und groß geworden sind, ist sehr erfreulich. Wir haben neue Angebote für junge Leute geschaffen, die hoffentlich von uns profitieren. Natürlich gibt es auch den ganz persönlichen Aspekt, dass Prof. Richter und ich es als Leitung geschafft haben, 20 Jahre lang gemeinschaftlich so etwas aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Welche zukünftigen Aufgabenfelder sehen Sie für das fim?

Es gilt zunächst, die noch jüngeren etablierten Formate zu verfestigen und das fim weiterhin dynamisch zu gestalten. Generell sehe ich es als unsere wichtige Aufgabe an, ein Sprachrohr für die Bedeutung von Musikkultur zu sein: Dass bei den Schwierigkeiten von Geldknappheit und Priorisierung, die Kultur nicht als ein luxuriöses Add-on gesehen wird. Gerade weil Musizieren gesundheitsförderlich ist, sollte die Kultur mehr ins Zentrum gerückt werden.

Sie sind Medizinerin, Musikerin und haben in beiden Bereichen promoviert. Was war Ihre persönliche Motivation zur Gründung des fim?

Da ist der Spruch wichtig, dass man sein Leben nach vorne lebt und rückwärts versteht. Mein beruflicher Werdegang sieht vielleicht geplant aus, war er so aber nicht. Ich habe parallel Medizin und Musik studiert.

Das Fach Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, in dem ich Fachärztin bin, hat mich in der Medizin schon früh interessiert, ebenso habe ich sehr intensiv seit meiner Kindheit musiziert. Dass beide Bereiche Musik und Medizin einmal unter dem Dach der Musikphysiologie und Musikermedizin zusammenkommen würden, hatte ich nicht erwartet.

Die Erkenntnis, dass es ein enges Zusammenspiel zwischen Körper und Psyche gibt, wird in den Vorlesungen und Seminaren des fim immer wieder erwähnt. Ist das auch ihre persönliche Erkenntnis aus 20 Jahren fim?

Absolut. Ich glaube, dass wir ein sehr gutes evidenzbasiertes Wissen darüber haben, dass die Trennung zwischen Seele, Körper und Geist, die man höchstens didaktisch vornehmen kann, in der Realität nicht greift, insbesondere beim Musizieren. Es handelt sich um einen ganzheitlichen Vorgang, der einen in allen Bereichen – körperlich, psychisch, kognitiv und sozial – ergreift. Musizieren ist sozusagen ein psychosomatisches Paradigma.

Wir haben in der Musikphysiologie und Musikermedizin die Gelegenheit, dieses psychosomatische Paradigma weiter hochzuhalten. Ich denke, es gibt eine große Sehnsucht unter den Menschen danach, dass sich Körper und Seele wirklich verbinden.

Was wünschen Sie sich persönlich für das fim?

Ich wünsche mir, dass das fim mit seinen Mitarbeitenden weiter besteht und für Patient*innen, Studierende, Kolleg*innen aus Musik und Medizin und für die Gesellschaft positive Impulse setzen kann. Persönlich wünsche ich mir, dass das, was ich mit auf den Weg bringen konnte, weiterhin Früchte tragen wird.