Corona-Pandemie, Eskalation der Krise in Afghanistan, Erdbeben in der Türkei und Nordwest-Syrien, der russische Angriff auf die Ukraine, der Angriff auf Israel, der Krieg in Gaza – in den letzten Jahren gab es viele schlechte Nachrichten. Schon immer gab es Krisen in der Welt, aber in den letzten Jahren, besonders durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine, sind Krisen auch näher an Europa herangerückt. Durch den erhöhten Konsum von Sozialen Medien und Nachrichten zu jedem beliebigen Zeitpunkt, steigt die Frequenz, in der wir negative Nachrichten zugespielt bekommen. 

Das allgemeine Interesse an Nachrichten ist trotz allem bis 2026 stabil geblieben, aber leicht rückläufig, wie der Reuters Institute Digital News Report 2026 für Deutschland zeigt. Dabei geben 72 Prozent der erwachsenen Internetnutzer*innen an, gelegentlich aktiv Nachrichten zu vermeiden, 15 Prozent versuchen diese sogar oft zu vermeiden. Auch eine Langzeitstudie der Universität Mainz von 2024 zeigt, dass zwar das Vertrauen in die Medien stabil geblieben ist, gleichzeitig aber die Medienverdrossenheit der Menschen in Deutschland steigt. 

Obwohl es vielen Menschen so vorkommt, als würde die Welt durch verschiedene Krisen in den letzten Jahren zunehmend schlechter werden, geht es der Menschheit in vielen Bereichen besser als jemals zuvor. Davon gehen aber, wie der Gapminder-Test von Hans Rosling zeigt, die wenigsten Menschen aus. Im Gapminder-Test beantworten Menschen Fragen aus Bereichen wie Armut auf der Welt, Lebenserwartungen, Bildung und Klimawandel, die zeigen sollen, wie es um die Welt steht.

Eine Frage lautet beispielweise, wie viel Prozent der Mädchen in einkommensschwachen Ländern die Grundschule beenden: A: 20 Prozent, B: 40 Prozent, C: 60 Prozent. Die richtige Antwort ist C und wurde nur von 7 Prozent der 12.000 Befragten richtig beantwortet. Meist bewerteten die Befragten die Situation viel negativer als sie ist. Im Schnitt beantworteten sie nur 2 von 12 Fragen richtig, obwohl selbst durch Zufall mindestens 4 Fragen richtig beantwortet werden müssten. Obwohl wir jeden Tag so viele Nachrichten konsumieren, wissen wir offenbar wenig über unsere Welt und gehen von einem sehr viel schlechteren Zustand aus. 

Dauerstress durch negative Nachrichten 

Die Dauerbelastung durch negative Nachrichten wirkt sich negativ auf unsere Gesundheit aus. In ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ beschreibt die Autorin und Neurowissenschaftlerin Maren Urner, dass die aktuelle – häufig ungefilterte – Informationsflut wie eine Sucht wirke, mit entsprechenden Folgen für unser Gehirn und unsere Psyche. 

Was immer das Gehirn gerade tue, beeinflusse die Wahrnehmung im nächsten Moment. Die jeweils aktuelle Hirnaktivität und neuen Erfahrungen beeinflussen sich unaufhörlich gegenseitig und auch wie wir die Welt wahrnehmen und wie neue Erfahrungen verarbeitet werden. Umgekehrt bestimme die vollständige Sammlung aller bisher gemachten Erfahrungen die aktuelle Gehirnaktivität. So prägen negative Nachrichten unsere jetzige und zukünftige Sichtweise auf die Welt. 

Die regelrechte Bombardierung unserer Wahrnehmung durch Nachrichten sorge nicht nur dafür, dass wir ein zu negatives Weltbild haben, sondern habe auch weitreichende psychische Folgen, schreibt Maren Urner. Eine dauerhafte Konfrontation mit negativen Nachrichten könne zu Dauer- oder chronischem Stress führen, der unseren Körper überfordere und weitreichende Folgen haben kann: Stress stört den Hormonhaushalt, schwächt das Immunsystem, kann zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen und dadurch zu Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und am Ende nicht selten zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen. 

Erlernte Hilflosigkeit und schwache Selbstwirksamkeit

Auf dem Bild sieht man eine männlich gelesene Person mit einer Brille und einem blauen Pullover der in die Kamera lächelt.
Benjamin Fuchs ist ein deutscher Journalist, der bis vor kurzem Redakteur bei Perspective Daily war, ein Magazin für konstruktivem Journalismus. Aktuell ist er im Bonn Institute Leiter für journalistische Trainings zu konstruktivem und lösungsorientiertem Journalismus.

Der negative Einfluss auf körperliche und mentale Gesundheit werde außerdem durch die „erlernte Hilflosigkeit“ verstärkt. Benjamin Fuchs, der beim „Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog“ für journalistische Tainings verantwortlich ist, beschreibt diese als Konsequenz davon, „sich immer wieder mit negativen Nachrichten auseinanderzusetzten“ und dem daraus resultierenden Gefühl, hilflos zu sein und der „schlechten“ Welt nichts entgegensetzen zu können.

Dies habe nicht nur Auswirkungen auf unsere individuelle Gesundheit, sondern auch auf unser demokratisches Zusammenleben. „Wenn Menschen sich wegen der vielen negativen Nachrichten aus der öffentlichen Debatte zurückziehen, dann geht auch die Gemeinschaft verloren und das Gefühl, zusammen etwas bewegen zu können, zusammen Politik zu machen und sich zusammen zum Wohle aller einzusetzen“, sagt Fuchs.  

Auf dem Bild sieht man eine männlich gelesene Person mit einem weißen Polo-Hemd die in die Kamera schaut. Er trägt eine Brille und steht vor einer Weltkarte.
Prof. Dr. theol. Klaus Baumann ist Lehrstuhlinhaber für Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit an der Universität Freiburg. Außerdem ist er Priester des Erzbistums Freiburg und Psychotherapeut.

Das sieht auch der Theologe und Psychotherapeut Prof. Klaus Baumann von der Uni Freiburg so: „Der stundenlange Konsum von Medien schwächt bei vielen das Gefühl von Selbstwirksamkeit.“ Viele negative Nachrichten stellen das Funktionieren der Welt, wie es mit ihr weitergeht und was wir tun können in Frage.

Der Einschnitt durch die Krisen zeige, dass wir uns in den letzten Jahren zu sehr in falscher Sicherheit gewogen hätten. Baumann zitiert den Individualpsychologen Alfred Adler, der bereits vor hundert Jahren betonte, wie schädlich es für junge Menschen sei, verwöhnt zu werden. Baumann vergleicht diese Verwöhntheit mit vielen Jahren unkomplizierten Lebens, welche die erlernte Hilflosigkeit nur weiter verstärke. „Ich sehe in den Massenmedien aktuell einen Nachholbedarf, vermehrt Perspektive und Hoffnung zu schaffen“, sagt Baumann. 

Bad news are good news?

Wie Maren Urner in ihrem Buch schreibt, haben gerade Journalist*innen ein besonders negatives Bild der Welt und sorgen dafür, dass sich unser sowieso schon negatives Weltbild noch weiter verschlechtert.  

„Bad news are good news“ ist eine Redewendung im Journalismus. Der Journalismus – als „vierte Macht“ im Staat – berichte vor allem über Probleme, Skandale und Schandtaten, gern auch schnell von Krisen, schreibt Autorin Urner in ihrem Buch von 2019. 

Wann genau eine Krise eigentlich beginne, sei für viele Medien erst einmal nicht wichtig, Hauptsache es werde über die Situation als eine Krise berichtet. Die Ursache dafür liege zum einen in dem Hang, dass Menschen sich mehr für schlechtere Nachrichten und Krisen interessieren als für gute Neuigkeiten. 

Die Tendenz, dem Negativen mehr Beachtung zu schenken, führt Maren Urner in ihrem Buch „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ auf unser Steinzeitgehirn zurück. Das Steinzeitgehirn sorge durch einen „Negativitäts-Bias“ dafür, dass wir wesentlich stärker auf Negatives als auf Positives reagieren. In Zeiten von Säbelzahntigern und Mammuts sei es wichtig gewesen, dass die Menschen keine schlechte Nachricht verpassten – schließlich konnte eine verpasste Warnung das Leben kosten. Auch wenn schon lange keine Gefahr mehr von Säbelzahntigern ausgehe, funktioniere unser Gehirn im 21. Jahrhundert noch sehr ähnlich, wie das unserer Vorfahren.

Außerdem konzentriere sich der Journalismus auf das, was schlecht läuft, um seiner Wächterfunktion gerecht zu werden. Er solle die Mächtigen in Schach halten und an ihre Verantwortung erinnern und informieren, damit Bürger aktiv an der Gesellschaft teilhaben können. 

Neue Perspektive für den Journalismus 

„Journalist*innen haben ihre eigenen Prägungen und sind selbst viel auf Social Media unterwegs, wo oft Impulse für ihre Berichterstattung entstehen“, sagt Benjamin Fuchs vom Bonn Institute. Da in den Sozialen Medien der Algorithmus stark negativ gesteuert sei, können auch Journalist*innen in einen Kreislauf von Negativität geraten. Die Wahrnehmung der Realität, wie Medien sie spiegeln, und wie Menschen sie selbst erleben, klaffe dadurch oft auseinander. 

„Da hilft es, sich den Input von den Menschen zu holen, für die man arbeitet. Journalist*innen sind kein Spiegel der Gesellschaft. Sie sind in der Regel akademisch gebildet, politisch eher Mitte-links verortet, kommen eher aus wirtschaftlich sicheren Verhältnissen. Dadurch ist das Blickfeld verengt“, sagt Fuchs.

Auch Klaus Baumann wünscht sich von Journalist*innen, dass sie mehr Distanz zu ihrer eigenen Position einnehmen: Sie sollten sich fragen, ob sie tatsächlich bereit seien zu einer Diskussion, die möglicherweise in eine Richtung gehe, die ihnen vielleicht nicht gefalle. „Ich glaube, es ist für Journalist*innen eine Frage ihres Ethos, wie sie tatsächlich bereit sind unterschiedlichste Argumente zu hören und zu gewichten und nicht nur die Bestätigung der eigenen Position zu erwarten“, sagt Baumann.

Wenn sich Menschen bedrängt fühlen oder in der Berichterstattung der Medien nicht mehr wiederfinden entstehe eine Abwehrhaltung, die nicht mehr geprägt sei von innerer Freiheit. Solche Frustrationen würden viele Menschen dann ans äußere Parteienspektrum drängen und die Medienverdrossenheit steigern. 

Keine Good News, sondern kritisch über Lösungen berichten 

„Im Selbstverständnis des konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus geht es nicht darum „good news“ zu verbreiten, sondern darum, kritisch über Probleme, aber auch deren Lösungen zu berichten,“ sagt Benjamin Fuchs. Es gehe darum, einen Journalismus zu schaffen, der Leser*innen eine Perspektive bietet, um so der Nachrichtenmüdigkeit der Menschen entgegenzuwirken. 

„Wir tragen in Workshops diesen Ansatz zu konstruktivem Journalismus weiter und haben auch einen Bereich, der sich mit der Dialogfunktion des Journalismus befasst. Aufgabe des Journalismus ist es auch, den öffentlichen Dialog zu organisieren“, sagt Fuchs. Das Ziel sei es, die Menschen nicht nur mit Nachrichten zu versorgen, sondern auch den Austausch untereinander zu ermöglichen. So könne Gemeinschaft und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit entstehen. 

„Wir sagen nicht, dass der traditionelle Journalismus alles falsch macht. Vieles, was der Journalismus heutzutage macht, ist auch im Sinne des konstruktiven Journalismus wichtig und gut, wie etwa das Aufdecken von Missständen, die Wächterfunktion und die Menschen über relevante Entwicklungen zu informieren“, sagt Fuchs. 

Konstruktiver Journalismus sei eine Erweiterung von gutem Journalismus, dem die Frage „Was jetzt?“ hinzugefügt werde. Also was kommt jetzt? Was kann man tun? „Wichtig ist aber, dass wir nicht unkritisch darüber berichten. Der Lösungsjournalismus etwa sucht konkret nach Auswegen und Möglichkeiten, aber es ist immer wichtig, die Lösungen, die man darstellt oder über die man berichtet, abzuklopfen: funktioniert sie, ist sie übertragbar?“

„Journalismus sollte nicht aktivistisch handeln“, sagt Benjamin Fuchs. Es sei auch nicht die Aufgabe, etwa selbst bestimmte Lösungsansätze zu erarbeiten. Vielmehr sei zentral, zu recherchieren wo bestimmte Probleme bereits gelöst seien oder wo Wissenschaftler*innen bereits hilfreiche Forschung leisten. Weil Journalismus auch immer von Politikern und Politiker*innen konsumiert werde, könnten gute Lösungsansätze auch wieder ihren Weg in die Politik finden. Journalismus solle Perspektiven der Leser*innen sichtbar machen und den Dialog zwischen Politik und Leser*innen ermöglichen.

Außerdem achte der konstruktive Journalismus auf eine möglichst große Perspektivenvielfalt. Im Idealfall sollten unterschiedliche Blickwinkel aufgezeigt werden, Journalist*innen sich ihrer eigenen Haltung bewusst werden und Stimmen zu Wort kommen lassen, die in der öffentlichen Debatte fehlen.

Der konstruktive Journalismus wolle so letztlich gesellschaftliche Teilhabe der Menschen und damit die Demokratie stärken. Dazu könne beispielsweise auch gehören, sich in Vereinen zu engagieren. 

„In unserer Gesellschaft braucht es Leute, die fähig sind durchzuhalten, die Ideen haben, die sie mit anderen teilen können. Es braucht einen Teamspirit, in dem man sich aufeinander verlassen kann“, sagt Theologe und Psychotherapeut Klaus Baumann. Wenn sich Menschen für soziale oder ökologische Dinge in unserer Gesellschaft einsetzen, gehen sie meist gestärkt aus diesen Erfahrungen hervor und bekommen eine lösungsorientiertere Perspektive. 

Nicht überfordern lassen von negativen Nachrichten und hilflos werden 

 „Sigmund Freud hat gesagt, dass der Mensch wegen des Unbewussten nicht Herr im eigenen Hause sei“, sagt Baumann. Er meinte damit, dass das Unbewusste uns beeinflusse und meint damit auch den unterschwelligen Einfluss der Medien und negativen Nachrichten.

Mehr „Herr im eigenen Haus zu sein“ bedeute, mehr selbstbestimmt zu leben, sich selbstbestimmt als Nutzer der Medien zu erweisen und nicht umgekehrt von diesen bestimmt zu werden. Diese Perspektive könne aus der erlernten Hilflosigkeit herausführen. Etwas anderes sei das bei depressiven Symptomen, da müsse man sich um Hilfe kümmern. 

Wenn man aber durch die Medien einen Zwang erlebe, dann sei das ein Alarmsignal. Baumann rät: „Mach was. Lass dich nicht beherrschen. Beherrsche es lieber selbst.”