Hallo Frau Sennefelder, Sie sind Dozentin am Institut für Medienkulturwissenschaften und beschäftigen sich unter anderem mit Comic, Film und Social Media. Schwerpunktthemen sind medialisierte Mutterschaft, Ökofeminismus, Posthumanismus und vor allem auch die Selbstinszenierung in den Sozialen Medien. Die sogenannten „Tradwives“ sind gerade ein größerer Trend auf Social Media?

Zu sehen ist eine lächelnde Frau im weißen T-Shirt, mit langen braunen Haaren. Im Hintergrund sieht man ein orange-braunes Stadthaus.
Dr. Anna Sennefelder ist Medienkulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit medialisierter Mutterschaft.

Ja, aktuell gibt es den besonders populären und kontrovers diskutierten Trend der “Tradwives”. Der Begriff setzt sich zusammen aus “traditional” und “wife” und ist eigentlich selbsterklärend.

Dabei ist das aber nur ein Phänomen von vielen, das ich dem Megathema Mutterschaft zuordnen würde. Am Institut für Medienkulturwissenschaften haben wir uns in einem Master-Seminar zum Thema “Medialisierte Mutterschaft” unter anderem auch mit den vielen neuen Begrifflichkeiten befasst, die in diesem Kontext auftauchen, wie etwa ”vanilla moms” oder “sad beige moms” – auch die “Tradwives” funktionieren zunächst einmal als vermeintlich eindeutiges Label.

Vor allem aber stelle ich in meiner Forschung fest, dass es zur Zeit einen großen transmedialen Boom von extrem unterschiedlichen Mutterschaftserzählungen gibt. Um diese gegenwärtige Entwicklung zu analysieren, habe ich, gemeinsam mit meiner Kollegin, Dr. Anna-Maria Post von der Universität Konstanz, Neue Deutsche Literaturwissenschaften, gerade Anschubmittel für ein größeres Forschungsprojekt zum Thema „Mutterschaft und Krise“ eingeworben.“

Was genau versteht man unter dem Begriff „Tradwives“?

„Tradwives“ sind Frauen, vor allem in den USA, aber zunehmend auch in Deutschland und der Schweiz, die sich zurück in die traditionelle Hausfrauenrolle begeben und das demonstrativ als positives neues Rollenbild – oder neues altes Rollenbild – verkaufen. Verkaufen im wahrsten Sinne, denn viele Tradwives sind erfolgreiche Influencerinnen mit eigenem Youtube Kanal beziehungsweise einer großen Social Media Präsenz.

Allerdings gibt es auch „Tradwives“, die sich als solche bezeichnen und damit kein Geld verdienen, also kein Influencing oder Marketing betreiben, sondern das tatsächlich nur privat ausagieren, aus voller Überzeugung, in dieser häuslichen Hierarchie ihre identitäre Bestimmung zu finden.

Dabei handelt es sich häufig, aber nicht ausschließlich, um hochgestylte Frauen im Stil der 50er Jahre – also mit entsprechend knielangen, hüftbetonten Kleidern, aufwendig toupiertem Haar und Make-Up – manche sind ästhetisch aber auch am Supermodel-Look der 90er orientiert. Gemeinsam ist allen, dass sie nach eigener Aussage gänzlich darin aufgehen, ihrem Gatten das Mahl zu kochen und sich den ganzen Tag ausschließlich um Haus, Kind und Garten zu kümmern.

Man könnte das erstmal ironisch verbuchen, was auch viel gemacht wird, und denken, dass das nur einer von vielen Social-Media-Hypes ist.

Das Problematische daran ist, dass die Frauen tatsächlich wieder die Unterwerfung gegenüber dem Mann propagieren und ein Machtgefälle affirmieren, das auf den altbekannten heteronormativen Stereotypen basiert, nach welchen das Geschlecht mit eindeutigen und unveränderlichen Rollen und Aufgaben korreliert.

Die “Tradwives” sagen etwa dezidiert, sie wollen auch kein eigenes Geld verdienen, das sei dem Mann überlassen, was natürlich paradox ist, da viele der “Influencer-Tradwives” ja auch ökonomisch erfolgreich sind.

Solche Paradoxien sind zwar nicht neu in der Social Media Welt, ich halte aber gerade diejenigen rund um die “Tradwives” für sehr problematisch, weil das Narrativ der freiwilligen Rückkehr an den Herd sehr leicht in rechtskonservative Propaganda kippen kann, etwa wenn die reichweitenstarke Hausfrau eben nicht nur Sauerteig-Tipps gibt, sondern auch erzkonservative Wertvorstellungen verkauft.

Content Creator*innen wie Hannah Neeleman von “Ballerina Farm” oder Nara Smith haben eine große Followerschaft und verdienen dadurch viel Geld. Glauben Sie, dass diese Darstellung der perfekten Hausfrau und Mutter nur eine Fassade ist?

Ich glaube, es ist eine perfekt gemachte Fassade, gerade bei Nara Smith, deren Auftritte bis ins letzte Detail gescriptet sind, vom aufwendigen Styling, über ihre wohltemperierte monotone Stimme, bis hin zu den Produkten, die sie platziert.

Gerade ihre auffällig sanfte, unaufgeregt Stimme wird gerne persifliert, wie zum Beispiel von Hazel Brugger, die dann im selben Tonfall und mit Lockenwicklern im Haar erklärt, dass sie einen Dachs im Garten gefangen hat, um mit dessen Haaren einen Pinsel zu basteln, mit dem sie dann etwas glasiert.

Aber ich denke, es ist schon mehr als eine bloße Fassade. Diese Selbstinszenierung in den sozialen Medien macht ja nicht nur etwas mit der Person, die vielleicht wirklich nur strategisch handelt und eine Rolle spielt, sondern natürlich auch immer mit den Rezipient*innen. Und wenn diese Art des Aufgehens in der Unterwerfung gegenüber dem Ehemann zur Fassade gehört, die viele nachahmen, dann halte ich das für einen mindestens kontroversen Trend, weil eben suggeriert wird, dass die totale finanzielle Abhängigkeit etwas Erstrebenswertes sei.

Nach mehreren Wellen der Frauenrechtsbewegungen ist eine solche Darstellung von traditionellen Rollenbildern doch eher verwunderlich.

Leider haben wir insgesamt einen sehr starken paneuropäischen, rechtskonservativen Backlash und es ist traurig, dass jemand wie Nara Smith gleichzeitig mit Nick Fuentes in den Medien Aufmerksamkeit generiert. Fuentes, ein rechtskonservativer US-Podcaster, hat ja kürzlich das berühmte Credo der Second Wave Feminismus pervertiert, mit der Aussage “Your body, my (our) choice”.

Die maximale Misogynie wird also wieder salonfähig und gleichzeitig gibt es sehr viele Frauen, die auch diese extreme Haltung affirmieren. Die sagen: “Ja, das ist richtig so. Wir müssen uns dem Mann unterwerfen, das ist unsere eigentliche Rolle”, was sicherlich damit zusammenhängt, dass es vielen einfacher erscheint, in eine festgelegte Rolle zu schlüpfen, anstatt den alltäglichen Kampf um gleichberechtigte Care- und Erwerbsarbeit zu führen, der aber so wichtig ist.

Sind Ihnen auch Gegenbewegungen bekannt, die diesen Trend kritisieren?

Bei der „Tradwife“-Bewegung kann ich noch nicht sagen, ob es richtige Kritik gibt. Es gibt auf jeden Fall ein ironisches Konterkarieren und das ist schon mal erfreulich. Das ist eigentlich immer ein erstes positives Anzeichen.

Und natürlich gibt es im gegenwärtigen queer-feministischen Diskurs eine kritische Einordnung von solchen Phänomenen. Aber generell ist es vor allem eine Social Media Kompetenz, die allen, im Besonderen aber den Digital Natives, momentan noch fehlt, die wiederum das Fundament für sachliche konstruktive Kritik an problematischen Innehalten und Inszenierungen wie den “Tradwives” bilden müsste.

Man muss selbst mehr verstehen, warum funktioniert ein Konzept gerade so gut und inwiefern ist das vielleicht politisch fragwürdig? Welche realen Konsequenzen können folgen und will ich diese mittragen?

Wie denken Sie, würden sich die “Tradwives” zum Begriff “Female Empowerment” positionieren?

Leider würden sie wahrscheinlich alle behaupten, dass sie da an vorderster Front mitkämpfen. Und es ist natürlich auch nicht so einfach, man darf niemanden seine Selbstverwirklichung von außen einfach absprechen. Wenn jemand sagt: ”Ich bin gerne zu 100 Prozent Hausfrau, ich möchte kein eigenes Geld verdienen, ich möchte gerne nur die Kinder versorgen”, dann ist das ja jedem selbst überlassen.

Das Problem ist nur, dass gerade dann diese Frauen bekanntlich oft in Altersarmut landen. Es gibt bereits sogenannte “Aussteiger-Tradwives”, die auch auf Social-Media warnen und sagen “Ich war eine Tradwife und nach zehn Jahren keinerlei Erwerbsarbeit stehe ich jetzt beim Sozialamt.”

Aber es ist eben ein schmaler Grat zwischen berechtigtem Selbstentwurf und dessen Zurschaustellung und gefährlich rechtskonservativen Botschaften.

Welche Entwicklungen bei der Darstellung von Mutterschaft in den sozialen Medien erwarten Sie in den nächsten Jahren zu sehen?

Ich hoffe, dass es eine größere, kritische Bewegung geben wird. Es gibt ja auch erfolgreiche Frauen in der Finanzwelt, wie etwa Madame Moneypenny und weitere, die sich dazu äußern, warum es wichtig ist, als Frau eigenes Geld zu verdienen, ganz unabhängig vom Selbstentwurf und Rollenbild.

Schön wäre es außerdem, wenn noch weitere lustige Formate entstehen, die die ideologischen Untiefen der Tradwives ausloten. Grundsätzlich aber denke ich, dass sich die Verhandlung von Mutterschaft, Care- und Sorgetätigkeiten in den Sozialen Medien in den kommenden Jahren noch sehr intensivieren wird.

Warum wir uns im Juli dem Thema Female*Empowerment widmen, lest ihr in unserer Einführung

 Alle Beiträge zum Thema findet ihr unter #Female*Empowerment