1. We Were Liars – E. Lockhart

Cadence ist eine Sinclair: reich, attraktiv, einflussreich und eine Lügnerin. Jeden Sommer verbringt sie mit ihrer Familie, Demokraten aus dem alten Geldadel, auf einer Privatinsel mit luxuriösen Häusern, Hauspersonal und einem riesigen Tennisplatz. Ihre Zeit ist unbeschwert und ohne jegliche Probleme. Aber im Sommer vor zwei Jahren ist etwas passiert, an das sich Cadence nicht mehr erinnern kann. Als sie zurückkehrt, scheint keiner ihr erzählen zu wollen, was passiert ist, denn alles scheint gut, solange gelogen wird.

„We Were Liars“ ist ein Buch über patriarchale Familienstrukturen, Macht, Geld und die Frage, wie viel ein Mensch besitzen darf. Der Schreibstil ist poetisch und voller Metaphern. Die Charaktere wirken absichtlich unsympathisch und der Plot Twist kommt unerwartet. Wer gerne Serien mag, kann sich die Verfilmung des Buchs nach dem Lesen ansehen.

Romina Toniatti

2. Gabriel – George Sand

Gabriel wird als Frau geboren, aber als Mann erzogen, um den Adelstitel und die Reichtümer seines Großvaters erben zu können, die eigentlich seinem Cousin Astolphe gebühren. Als man ihm den Trug um seine Person eröffnet, rebelliert er gegen den intriganten Großvater – und verliebt sich in Astolphe.

„Gabriel“ und „Gabrielle“ stellen jene Pole innerhalb des Romanes dar, zwischen denen die Hauptfigur hin und her wandert. Sie stehen gleichermaßen für die dem männlichen Geschlecht zugeschriebenen Privilegien Freiheit und Macht, sowie für die der Frau aufoktroyierten Rollenbilder und Versagungen. Kann es Gabriel gelingen, Astolphe als Frau zu lieben, ohne die Vorrechte seines anerzogenen Mannseins zu verlieren?

Aus der Feder einer großen Meisterin fließen hier Themen von zeitloser Aktualität.

Jorgos Borchert

3. Das fünfte Evangelium – Philipp Vandenberg

Nachdem ihr Mann bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt, passieren um Anne von Seydlitz herum seltsame Dinge. Alle scheinen sie mit einem Pergament mit einer alten koptischen Inschrift zusammenzuhängen. Während Anne nach Informationen über das Pergament sucht, stirbt oder verschwindet jeder, der ihr helfen könnte. Währenddessen spielen sich weitere Geschichten gleichzeitig ab, die im Verlauf der Geschichte ihren Weg zueinanderfinden. Das, was alle Handlungen miteinander verwebt, ist der Name „Barabbas“ und ein ungelüftetes Geheimnis, welches die Existenz der Kirche bedrohen könnte.

Die Geschichte wirkt durch historische Daten und durch präzise Details so real, dass die Leser*innen das Gefühl bekommen, reale Geheimnisse über die Geschichte der Kirche aufzudecken. Das Buch hat so viele Wendungen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen scheinen und man nach dem Lesen als letzter Mitwissender des Geheimnisses zurückbleibt.

Antonia Dächert

4. Das Reich der sieben Höfe; Dornen und Rosen (Band 1) – Sarah J. Maas

Feyre Archeron lebt als junge Frau in ärmlichen Verhältnissen. Als Jägerin sorgt sie für das Überleben ihrer beiden Schwestern und ihres Vaters, bis sie eines Tages einen großen Wolf tötet und sich alles schlagartig ändert. Denn bei dem erlegten Tier handelt es sich um einen Fae – ein magisches Wesen aus dem Reich Prythian. Um den Tod des Fae zu rächen, wird sie von einem der Fae-Herrscher an dessen Hof verschleppt, doch statt Kerker und Gefangenschaft erwartet sie ein ganz neues Leben, eine unerwartete Liebe und eine große Herausforderung.

Inmitten einer fremdartigen Welt, unbekannten Wesen, neuen Freundschaften, innerer Zerrissenheit, Lust und roher Gewalt beschreibt die Autorin Feyres Geschichte. Sarah J. Maas‘ direkte Erzählweise macht die Geschichte in all ihren leidenschaftlichen, brutalen, aber auch berührenden Facetten greifbar. Dadurch entsteht eine intensive Nähe zur Protagonistin, die ihr Schicksal umso bewegender macht und die Leser*innen in eine völlig neue Welt entführt.

Luzia Hötger

5. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers – Alan Sillitoe

Die Kurzgeschichte von Alan Sillitoe zeichnet das Porträt von Colin Smith, einem kriminellen Jugendlichen aus der Arbeiterschicht, der nach seinem letzten Coup in einer Jugendstrafanstalt landet. Aus dem vor der Polizei weglaufenden Rebellen, mit dem Lebensmotto „Ich kam, knackte und stieg ein“, wird ein talentierter Langstreckenläufer, in den die Hoffnung gelegt wird, die Landesmeisterschaften zu gewinnen. In milieutypischer Sprache und strikt antiautoritärer Haltung reflektiert Colin dabei eindrucksvoll über sein individuelles Verständnis von Ehrlichkeit und Autonomie.

Sillitoe lädt zum Nachdenken ein, nicht nur über Colins Leben und seine Entscheidungen, sondern auch über die ganz persönlichen Zielgeraden und Langstreckenläufe. Ob das Überqueren der Ziellinie dabei ein Gewinn oder Verlust ist, bleibt der eigenen Interpretation überlassen.

Christina Moormann

6. Laute Nächte – Anne Freytag

Darf ich Glück empfinden, wenn ich eigentlich trauern sollte? Kenni lebt in zwei verschiedenen Versionen. Die eine, die für einen Neuanfang in eine WG nach Wien zieht. Die in der er durch Paul, Julia und vor allem Elif neue Freunde und die zarten Anfänge einer neuen Liebe findet. Und die Version, in der seine Freundin gerade erst bei einem Autounfall gestorben ist. Beide Kennis passen für ihn nicht zusammen. Anne Freytag erschafft eine Figur, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart feststeckt – bis zu einer Reise, die alles verändert.

Kaum jemand schafft es wie Anne Freytag, so sanft und einfühlsam von Beziehungsgeflechten und subtilen menschlichen Interaktionen zu schreiben. Kleinste Augenblicke und Berührungen werden in ihren Geschichten zu Indizien großer Gefühle. Die Geschichte ist geprägt von inneren Monologen, sodass die Lesenden sehr nah an Kennis Gedanken und Gefühlen sind. Die Handlung zieht sich dabei über mehrere Lebensabschnitte und ist auch eine Hommage daran, dass uns manche Menschen nur einen bestimmten Abschnitt unseres Lebens begleiten und trotzdem nie ganz loslassen.

Eine Geschichte für all diejenigen, die in leisen Momenten am lautesten sind.

Jule Bürgi

7. Pachinko – Min Jin Lee

Über vier Generationen, drei Länder, acht Jahrzehnte hinweg erzählt uns Min Jin Lee eine intime Saga, die vor allem für Menschen mit jeglicher Art von Migrationshintergrund bedeutungsvoll ist. Der historische Roman handelt von Schmerz und Leiden, aber auch von Glück. Die Höhen und Tiefen des Lebens werden nicht auf dramatische Weise inszeniert, sondern verlaufen wie die Wellen im Meer sanft ineinander.

Die Geschichte spielt in Korea und Japan im 20. Jahrhundert. Nach der Kolonialisierung Koreas muss die Familie, der wir folgen, nach Japan zwangsumziehen. Sie kämpft mit rassistischen Vorurteilen, Armut und gesundheitlichen Problemen.

Zentral ist die Frage nach der Herkunft. Man kann Menschen und Familien nur wirklich verstehen, wenn man weiß, wo sie herkommen und welchen Weg sie hinter sich haben. Eine besondere Perspektive öffnet sich, denn die individuellen Charaktere werden nicht nur über ihr ganzes Leben hinweg begleitet, sondern immer in den größeren Kontext ihrer Familiengeschichte eingebettet. Im Fokus stehen dabei die Stabilität und das Durchhaltevermögen der weiblichen Charaktere.

Viktoria Ibach