Die perfekte Route, der Outfitcheck, die Auszeit vom Alltag. Wandern ist auf TikTok und Co. angekommen. Unter #wandern finden Interessierte auf Instagram fast neun Millionen Beiträge. Unter #hikingadventures sind es mehr als 18 Millionen. Die Kurzvideos folgen einem ähnlichen Muster: Menschen laufen bergauf, die Aussicht ist weit, die Stimmung ist gut.
Auch im Südwesten ist der Wandertrend spürbar. Torsten Kohl, Referent vom Schwarzwaldverein, hat den Social-Media-Trend auf dem Radar. Und er ist skeptisch: „Es gilt hier schon genau zu prüfen, wer da was postet.“ Trotzdem will der Schwarzwaldverein den Trend für sich nutzen und durch Präsenz in den sozialen Medien jüngere Mitglieder anwerben. „Ortsvereine mit einer aktiven Präsenz in den sozialen Medien sind tendenziell die, die Zuwachs bekommen“, sagt der Referent.
Benedikt Lueger vom Deutschen Alpenverein (DAV) spricht ebenfalls von einem „Wandertrend“. Laut dem Sprecher wächst der Verein seit mehreren Jahren stetig. 1,64 Millionen Menschen waren dort zuletzt Mitglied, rund 68.000 mehr als im Jahr davor. 65 Prozent von ihnen gaben an, Wandern sei eines der Hauptmotive für ihre Mitgliedschaft.
Der Freiburger Hochschulsport bietet geführte Wandertouren an.
Anleiter Mattis erklärt, welche Momente dort besonders in Erinnerung bleiben.
Jünger werden die Verbände dadurch nicht. Im Schwarzwaldverein gebe es zwar Nachwuchs, gleichzeitig aber eine Überalterung, sagt Kohl. Im DAV sei die Altersstruktur unverändert geblieben, so Lueger. Auch die Jugendorganisationen der Verbände spüren nach eigenen Angaben keine Veränderung.
Sophie Zettel, Bildungsreferentin der Jugend im Schwarzwaldverein, hat dafür eine Erklärung: „Viele junge Menschen sind heute lieber spontan mit Freund*innen unterwegs, als sich langfristig an einen Verein zu binden.“ Ihre Inspiration holten sie sich eher aus Videos mit persönlichen Einblicken. „Als Verein sind wir in diesem Bereich sicher noch nicht so präsent, wie es manche kommerzielle Outdoor-Anbieter oder Influencer sind.“
„Fruchtbarer Boden“
Robert Dörre forscht am Institut für Medienkulturwissenschaft der Universität Freiburg. Seit der Corona-Pandemie sei das Interesse an Outdooraktivitäten gestiegen, sagt er, und mit ihm die Themen Selbstoptimierung, Gesundheit und nachhaltiges Reisen. DAV-Sprecher Lueger bestätigt die Entwicklung. Er bezeichnet Bergwandern als „absolute Breitensportart“.
Wandern als digitale Auszeit?
Gabriela Reuss vom Sportinstitut der Uni Freiburg kennt die positiven Aspekte des Wanderns. Sie erläutert, wie der Einstieg ins Wandern gelingt und warum die digitale Auszeit guttun kann.
Dörre betont: „Alles, was gesellschaftlich eine gewisse Relevanz hat, findet auch eine Repräsentation in sozialen Medien.“ Beim Laufen durch die Natur kommt etwas hinzu: „Wandern trifft auf Social Media auf einen fruchtbaren Boden, weil es schon verschiedenste Trends, Formate und Praktiken gibt, die man damit gut verbinden kann.“ Travel-Blogs, Vlogs, How-to-Videos, Unboxings: Jedes dieser Formate lässt sich in die Berge verlagern.

Dazu komme die sogenannte Kommodifizierung: Themen, „die man nochmal neu ökonomisch verwerten kann“, lassen sich laut Dörre ein zweites Mal zu Geld machen. Wanderequipment verkaufe sich gut über Influencer*innen.
Im Freiburger Outdoorshop ADCO zeigt sich das an der Ladentheke. Marketing-Leiter Martin Böhm sieht „ganz klar“ eine größere Nachfrage nach Wanderausrüstung bei 16- bis 30-Jährigen, besonders bei Frauen.
„Eine vergebliche Suche“
Entscheidend für die Vermarktung ist die Authentizität der Content-Creator, so Dörre. Deren Empfehlungen wirkten nahbar, fast wie von Freund*innen. Nutzer*innen sähen sie als Expert*innen und erwarteten möglichst authentische Beiträge.
Ein Abbild der Realität ist das für den Medienwissenschaftler nicht. Was in sozialen Medien stattfinde, sei medial konstruiert und damit grundlegend unauthentisch. „Es gibt gar keine vormediale Realität, die durch Medien zum Vorschein kommen würde.“ Wer dort nach dem Echten suche, suche vergeblich: „Aus medienwissenschaftlicher Sicht ist das eine vergebliche Suche.“
Naiv seien die Nutzer*innen deshalb nicht. „Mein Eindruck ist nicht, dass wir als Rezipient*innen dieser Videos mit der naiven Vorstellung rangehen: Das, was wir da zu sehen bekommen, ist wirklich so, wie wenn wir vor Ort wären“, sagt Dörre. In den Kommentarspalten werde die Inszenierung „entlarvt“ und verspottet. Daraus entstehen neue Formate, die das Thema ironisch behandeln.
Ewig hält der Trend nicht an, erwartet Dörre: Auf jeden Aufschwung folge ein Abflachen. Ganz verschwinden werde das Wandern in den sozialen Medien nicht. Die Wanderbubble ziehe sich eher wieder in ihre Nische zurück. „Wenn dann alle ihre Schuhe haben, wird es irgendwann auch weniger.“
Die Auswirkungen des Wandertrends bemerkt auch Feldberg-Ranger Achim Laber. Er erklärt, was der Hype für Mensch und Natur bedeutet.
Eine Gemeinschaftsproduktion von Aline Schwer, Julika Hilpert, Eva Domin und Carla Sievers im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft. Seminarleitung, Redaktion: Ada Rhode, Andreas Nagel, Philip Thomas, Dirk Fellmoser, Max Keefer.



