„Ich dachte jahrelang, mit mir stimmt etwas nicht”, berichtet Franzi Ruhnau. Sie begann vor einigen Jahren, ihren Zyklus genauer zu beobachten: Sie notierte, wie sich ihre Energie und Stimmung im Laufe des Monats veränderten und entdeckte dabei wiederkehrende Muster. Durch das Zyklus-Tracking konnte sie ihre Beschwerden besser einordnen. Später erhielt sie die Diagnose Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS), die schwere Form des prämenstruellen Syndroms.

Heute bietet die 40-Jährige Coachings an und hat ein Buch zum Thema geschrieben. Ihr erklärtes Ziel: den Zyklus nicht als Störfaktor zu behandeln, sondern als Information. „Eigentlich profitieren alle Menschen davon, wenn Erholung und Regeneration genauso selbstverständlich werden wie Leistung”, sagt sie.

„Gipfelparty der Hormone”

Der Zyklus beginnt mit der Menstruation, erklärt Ruhnau. Sie vergleicht diese Phase mit dem Winter. Der Körper stoße die Gebärmutterschleimhaut ab und leiste dabei schon viel, sagt sie, während die Hormone auf ihrem niedrigsten Niveau sind. „Das erklärt auch, warum viele Frauen sich während der Menstruation müder, empfindlicher oder emotional verletzlicher fühlen.“

Danach kommt der Frühling, die Follikelphase: „Alles beginnt wieder zu wachsen. Genau wie draußen die Natur aufblüht, entstehen auch bei uns neue Ideen.“ Der Östrogenwert steige, mit ihm Energie, Kreativität und die Lust auf Gesellschaft.

Der Eisprung ist bei Ruhnau der Sommer, die „Gipfelparty der Hormone“. Er dauert nur wenige Stunden, die Tage davor und danach beschreibt sie als die belastbarste Phase: gut für Präsentationen und wichtige Gespräche.

Bleibt die Befruchtung aus, folgt der Herbst, die Lutealphase. Der Östrogenwert sinkt, das Progesteron steigt. „Dieses Hormon verstärkt häufig das Bedürfnis nach Ruhe, Rückzug und Geborgenheit“, sagt Ruhnau. Sie beschreibt Müdigkeit, Schwere und dünne Haut. „Diese Phase ist zwar oft die unbeliebteste des Zyklus, aber gleichzeitig auch diejenige, aus der wir am meisten über uns selbst lernen können“, erklärt die Coachin. „Sie zeigt uns häufig sehr deutlich, was in unserem Leben gerade nicht mehr stimmig ist.“

Dann beginnt die Menstruation, der Winter. Das Jahreszeitenmodell ist keine medizinische Einteilung. Es ist ein Bild, mit dem Ruhnau in ihren Coachings arbeitet.

„Schmerzen sind individuell“

Ein Thema begegnet Ruhnau immer wieder: Regelschmerzen und die Frage, wann Beschwerden noch zum „normalen Zyklus“ gehören. Bei starken oder anhaltenden Beschwerden empfiehlt sie, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Frauenärztin Jasmin Asberger ordnet ein, dass Schmerzen gerade zu Beginn der Periodenblutung auftreten können. Beim Lösen der Gebärmutterschleimhaut werden Botenstoffe freigesetzt, die Schmerzen auslösen können. Wie stark diese wahrgenommen werden, sei individuell und hänge von verschiedenen Faktoren ab. Etwa von Stress, Konflikten oder der sozialen Situation.

Ruhnau nimmt die Allgemeinheit in die Pflicht: „Unser gesellschaftliches System ist sehr linear aufgebaut. Es geht häufig um höher, schneller und produktiver. Menstruierende Körper funktionieren jedoch zyklisch.“ Man sollte versuchen, Möglichkeiten zu finden, den Alltag so an den Zyklus anzupassen, dass nicht das gesamte Leben stillsteht. Ruhnau erklärt es so: „Viele menstruierende Menschen sind über den gesamten Zyklus hinweg erschöpft, weil ihr Alltag sehr voll ist und kaum Raum für Erholung lässt.“

Hormone beeinflussen Gefühle

„Hast du etwa deine Tage?“ „Du bist heute aber emotional.“ Aussagen wie diese schieben Frauen ins Irrationale, statt ihre Beschwerden ernst zu nehmen, so Ruhnau. Sie sagt: „Hormone beeinflussen unsere Gefühle. Aber sie erzeugen Probleme nicht einfach aus dem Nichts“. Alle Menschen stehen unter Hormoneinfluss, auch Männer.

Ein Zyklus in 24 Stunden

Martin Gnielka, Sexualpädagoge von Pro Familia, erklärt, dass auch Männer einen Zyklus besitzen und wie dieser den männlichen Körper beeinflusst.

Ruhnaus wichtigstes Werkzeug ist das Zyklus-Tracking. „Erst wenn wir wissen, was für uns persönlich normal ist, können wir überhaupt erkennen, wann etwas aus dem Gleichgewicht gerät.“ Daten sammeln allein reiche nicht. Entscheidend sei, was danach passiert: Termine anders legen, den Kalender in der anstrengendsten Phase leerer halten. „Das müssen gar keine riesigen Veränderungen sein. Oft sind es kleine Dinge, die einen großen Unterschied machen.“

Die Basis ist für Ruhnau Schlaf, Ernährung und Bewegung. Wer sich morgens einen Wecker stelle, könne sich abends auch einen stellen, als Erinnerung, zur Ruhe zu kommen. Wer bis in die Nacht am Handy scrolle, verschlechtere seine Schlafqualität. Beim Essen beobachte sie, dass viele Frauen zu wenig zu sich nähmen. Ein eiweißreiches Frühstück halte in der zweiten Zyklushälfte den Blutzucker stabiler als Kaffee und ein Croissant.

Bewegung solle zur Energie der jeweiligen Phase passen: Spazieren, Schwimmen, Radfahren, Yoga oder Pilates vor der Menstruation. Die harten Einheiten sollten danach stattfinden. Ruhnau betont: „Der Zyklus hält so viel Gutes für uns bereit. Man muss nur wissen, wie man mit ihm arbeitet.“

Sportlich im Zyklus

Frauenärztin Jasmin Asberger erklärt, wie Verhütungsmethoden den Zyklus verändern. Sportstudentin Lisa Becker berichtet, was das für ihren Trainingsplan bedeutet.

Eine Gemeinschaftsproduktion von Lynn Franke, Viola Schmidt, Emily Voges und Maira Lisanne Nielsen im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft. Seminarleitung, Redaktion: Ada Rhode, Andreas Nagel, Philip Thomas, Dirk Fellmoser, Max Keefer.