Hallo Herr Peters, Sie sind Psychologe bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studierendenwerks. Was ist Einsamkeit?

Zu sehen ist eine männlich gelesene Person mit kurzen roten Haaren, Brille und khakifarbenem Shirt.
Mutram Peters ist Psychologe beim Studierendenwerk Freiburg.

Einen Psychologen nach Einsamkeit zu fragen, ist ein bisschen so, als ob man einen Meteorologen fragt, was Regen ist. Er wird eine Definition liefern, durch welche klar wird, dass sich Wasser irgendwie von oben nach unten bewegt. Davon versteht man vielleicht nicht viel, aber jeder weiß, wie sich Regen anfühlt. So ist es auch mit der Einsamkeit. Sie ist etwas ganz universelles, ein menschliches Phänomen und eine Erlebensmöglichkeit, die wir alle haben. Jeder hat sich schon einmal einsam gefühlt. Manche vielleicht mehr und andere weniger, aber es ist etwas Schmerzhaftes, das jeder irgendwie kennt.

Die wissenschaftliche Definition sagt, dass Einsamkeit dann auftritt, wenn der Wunsch nach sozialen Kontakten stärker oder größer ist als die zur Verfügung stehenden sozialen Kontakte. Das ist jetzt auch eine recht technische Definition. Wenn man als Kind mit anderen Kindern spielen will, die in einer Gruppe sind, und man bleibt außen vor, dann fühlt man sich einsam.

Was fühlt man, wenn man einsam ist?

Menschen erleben Einsamkeit ganz unterschiedlich. Ich würde aber sagen, dass es sich vor allem um einen psychischen Schmerz handelt, einen Mangel, der schmerzhaft spürbar wird. Das kann mit Traurigkeit, mit Unruhe oder auch mit einer gewissen Unausgefülltheit einhergehen.

Wie erkennt man, dass man einsam ist?

Einsamkeit ist etwas, das jedem gesunden Menschen widerfährt und ich glaube fast, dass man Einsamkeit nicht mit dem Kopf erkennen kann. Wenn man sich mehr Kontakte wünscht, als man hat und man dadurch unzufrieden und traurig ist, dann ist das Einsamkeit. Wobei es da nicht um die Zahl der Kontakte geht, sondern eher um das Gefühl, das man dabei hat.

Sind Studierende häufig von Einsamkeit betroffen?

Es gibt statistisch gesehen eine Häufung von Einsamkeit im jungen Erwachsenenalter sowie nochmal im höheren Alter. Auch in der späten Jugend kann Einsamkeit eine Rolle spielen. Gerade bei Studierenden und jungen Erwachsenen, die zu diesem Zeitpunkt in ihr eigenes Leben treten, kann man Einsamkeit beobachten. Sie verlassen das Elternhaus und sind plötzlich ein Stück weit entbunden von bisher haltgebenden Strukturen und müssen sich ein neues soziales Beziehungssystem aufbauen. Gleichzeitig beginnen sie ein Studium und müssen herausfinden, wie man im Studium lernt und was anders ist als in der Schule. Auch lernen sie eine neue Stadt kennen und müssen sich vielfach orientieren.

Alle Studierenden müssen zu Beginn ihres Studiums neue Kontakte knüpfen. Je nach Persönlichkeit kann das Wochen, Monate, vielleicht sogar das erste Studienjahr dauern. Gerade in der Zeit spielt Einsamkeit ganz sicher eine Rolle.

Für ausländische Studierende ist Einsamkeit sicherlich auch ein Thema, da sie diesen Wechsel der Neuorientierung und das Entfernt-Sein von Bekanntem in vielfacher Weise erleben. Sie müssen sich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden und machen vielleicht auch ausländerfeindliche Erfahrungen.

Ist Einsamkeit immer problematisch?

Das ist eine ganz subjektive Fragestellung und ich finde, dass es darauf ankommt, wie gut jemand Einsamkeit ertragen kann. Wenn man sich gerade das Knie gestoßen hat und man den Schmerz erträgt, bis er nachlässt, ist das in etwa vergleichbar. Es braucht eine Art Durchhalten. So ist es auch mit der Einsamkeit. Wenn man in einer Phase ist, in welcher einem bewusst ist, dass man jetzt noch keine guten Freunde hat, muss man das innerlich aushalten. Menschen sind dabei recht unterschiedlich aufgestellt. Wer eher ratlos bleibt oder unsicher und ängstlich ist, kann das eher als problematisch empfinden.

Ob Einsamkeit ein Problem ist, wäre dann eine psychotherapeutische Fragestellung. Zum Beispiel wenn jemand über lange Zeit einsam bleibt und gar nicht richtig weiß, wie er das ändern kann. Wenn es dann auch schlecht gelingt, Kontakte zu knüpfen und man sich zurückzieht oder passiv bleibt. Wenn man sich einfach aus Angst heraus nicht traut, Kontakte zu knüpfen, dann ist das tatsächlich ein Problem. Nicht nur subjektiv für die Person, sondern man kann auch Folgeschwierigkeiten bekommen. Aus einer sozialen Ängstlichkeit kann zum Beispiel dann auch eine Depression werden.

Worin liegt der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein?

Wenn man allein ist, dann ist erstmal sonst niemand da. Dieser Umstand muss aber gar nicht unangenehm sein, denn manche Leute sind gern allein und ein bisschen braucht man das auch, allein zu sein. Allein sein kann auch schön sein. Einsamkeit ist gekennzeichnet von Schmerz und Mangel. Wenn Sie sich allein einsam fühlen, dann fehlt Ihnen etwas.

Wie kann man mit der eigenen Einsamkeit umgehen?

Wenn man eine innere Vorstellung davon hat, dass die Einsamkeit für eine Weile ausgehalten werden kann und dass morgen wieder ein anderer Tag ist, kann das helfen. Gerade am Anfang des Studiums, sollte man sich bewusst machen, dass man in drei Wochen schon viel mehr Kontakte haben wird als jetzt. Man sollte eine zeitliche Vorstellung davon haben, dass das kein unendlicher, quälender Zustand bleibt, sondern, dass eine Entwicklung stattfindet.

Man kann auch vorhandene Kontaktmöglichkeiten nutzen, zum Beispiel die besten Freunde aus Schulzeiten oder die Eltern anrufen. Oder man geht zu Hochschulsport-Gruppen. Andere Leute fangen vielleicht an, Gedichte zu schreiben, Bilder zu malen oder Bücher zu lesen. Man muss ausprobieren, was einem hilft. Ich glaube wichtig ist auch, dass man von Anfang an möglichst die Angebote nutzt, die eine Uni bietet, also Ersti-Wochen, Einführungsveranstaltungen, Fachschaften, Sprachkurse oder Uni-Sport. Andere suchen auch Kontakte.

Wenn man merkt, dass das Gefühl der Einsamkeit schmerzhafter wird, als man es gerade eigentlich ertragen kann und bisherige Bewältigungsmethoden nicht mehr funktionieren, sollte man nicht passiv bleiben. Dann sollte man den Mut finden, vielleicht irgendwo hinzugehen, wo man noch niemanden kennt, oder jemanden mitnehmen, den man schon kennt, um dort neue Leute kennenzulernen. Auf jeden Fall sollte man nicht allein bleiben, denn das macht es dann erstmal nicht besser. Wenn man große Probleme hat, mit anderen in Kontakt zu kommen oder man ganz passiv bleibt und sich zurückzieht, dann ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen. Sonst kann es auch potenziell gesundheitsgefährdend werden.

Da Einsamkeit oft auch schambesetzt ist, kann es helfen, sich aus der Scham und dem möglichen Versagensgefühl heraus zu zeigen. Ich möchte dazu ermutigen, dass man es wagt, sich damit zu zeigen, um dann Hilfe zu bekommen.

Wie kann man anderen mit ihrer Einsamkeit helfen?

Wenn man bereit ist, mit jemandem zu reden und zuzuhören, so dass das Gegenüber sich gehört und verstanden fühlt, dann ist das etwas sehr Wohltuendes, was helfen kann. Vielleicht entwickeln sich im Gespräch neue Ideen oder man fühlt sich einfach für einen Moment verstanden. Man kann auch versuchen, die Person miteinzubinden oder einzuladen oder sie auf Beratungsangebote hinweisen.