„Eine gewaltige, fast unüberwindbare Mauer.“ So beschreibt eine Frau von FAIRburg ihren Kulturschock nach der Ankunft in Freiburg. Sie ist selbst aus Chile nach Deutschland gezogen und möchte anonym bleiben. Wie gut jemand mit der neuen Kultur zurechtkomme, sei individuell. Der Schock sei „nicht nur von den Erwartungen geprägt, die die Person mit in das neue Land bringt“.
Shahab Rohani, Vorstand im Freiburger Migrant*innenbeirat, hält „Schock“ für das falsche Wort. Er spricht von „Erwartungsbruch“. Das sei der Moment, in dem man merke, dass die Vorstellungen über ein Land und der Alltag dort nicht immer zusammenpassten. Ein Schock gehe vorbei. Dieser Bruch nicht.
Wie fühlt sich so ein Erwartungsbruch im Alltag an?
Zwei ausländische Studierende berichten im uniCROSS-Podcast von ihren ersten Monaten in Freiburg.
„Eines der komplexesten Verwaltungssysteme Europas“
Daniela Eneh sitzt ebenfalls im Migrant*innenbeirat. „Aus psychologischer Sicht entstehen Unsicherheit, Stress und emotionale Belastung, weil vertraute Regeln des Alltags fehlen“, sagt die Soziologin. In Deutschland komme diese Belastung aber weniger aus der Kultur als aus dem Amt: „Deutschland besitzt eines der komplexesten Verwaltungssysteme Europas.“ Neuankommende würden mit Formularen, Zuständigkeiten, Wartezeiten und der deutschen Sprache konfrontiert.
Auch Rohani kritisiert die Behörden: „Zu den alten Strukturen zählen vor allem sehr langsame Behördenprozesse, veraltete Arbeitsmittel, zum Beispiel Papier statt Online-Formulare, keine englischsprachigen Portale und eine sehr geringe Flexibilität des Systems.“ Vieles hänge am Aufenthaltstitel. Wer nur einen befristeten habe, könne auch sein Leben nur befristet planen.
Die Bürokratie erschwere zahlreiche Lebenswege, so die Chilenin. Gerade wer gut ausgebildet ankomme, habe es schwer. Das Anerkennungsverfahren für Hochqualifizierte dauere drei bis vier Monate. „Häufig üben sie dann Tätigkeiten aus, die nicht ihren Qualifikationen entsprechen, und verdienen dabei deutlich weniger als in ihrer vorherigen Position.“ Diese „unerwartete Realität“ sei für viele der stärkste Kulturschock. Frauen treffe es doppelt: Wer die Familie versorge, habe keine Zeit für Sprachkurse, und Betreuungsplätze für die Kinder seien knapp.
Es gebe einen festen Ablauf, Schritt für Schritt, so die Chilenin. Viele Zugewanderte schafften diese Schritte schnell, doch das System komme nicht hinterher. Selbst nach einer zügig abgeschlossenen Ausbildung sei der Aufenthaltsstatus bei vielen unsicher.
Auch Rassismus prangert Rohani an. Er unterscheidet zwei Formen: den „institutionellen Rassismus“, etwa bei der Wohnungs- und Jobsuche, und die „individuelle Unfreundlichkeit“. Letztere gebe ihm das Gefühl, dass sein Potenzial wegen Vorurteilen verschwendet werde. Eneh ergänzt: „Viele Migrantinnen und Migranten berichten, dass nicht die Sprache allein die größte Herausforderung ist, sondern das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dazuzugehören.“
„Was machst du beruflich?“
Die größte persönliche Überraschung war für das anonyme Mitglied von FAIRburg die Konsumgesellschaft: Fast Fashion, Kleidung für eine Saison. In Chile sei Nachhaltigkeit bei Kleidung selbstverständlich. Dazu kommt die Familie. Wer geht, lässt sie zurück. Die Nähe zur Familie sei einer der größten Unterschiede zwischen Deutschland und vielen Herkunftsländern. Dort blieben die Großeltern zu Hause, weil ein Heimplatz zu teuer sei.
Oft werde beim Kennenlernen der Beruf abgefragt. „Ich finde, dass dies die Menschen in eine Schublade steckt und zu voreiligen Urteilen führen kann.“ Hinzu kämen ungeschriebene Regeln, die man erst lernen müsse, Stereotype wegen der Herkunft und Missverständnisse beim Übersetzen.
Rohani sieht den Erwartungsbruch auch auf der anderen Seite: „Wenn Deutsche einen Ausländer besser kennenlernen, wird ihre anfängliche Erwartung, oft eine Erwartung, die den anderen unterschätzt, herausgefordert.“ Eneh nennt vor allem die Distanz: „Viele Migrant*innen berichten über größere soziale Distanz, weniger spontane Einladungen, stärkere Trennung zwischen Privatleben und Beruf.“ In vielen Herkunftsländern entstünden Freundschaften schneller, über Nachbarschaft oder Familie. Deutschland wirke dagegen häufig individualistischer. Weitere Unterschiede gebe es bei Pünktlichkeit, Familienleben und Esskultur.
Reden statt nebeneinander leben
uniCROSS hat das Café Multilingua in Freiburg besucht.
Trotzdem ist Deutschland ein Einwanderungsland: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung hatten rund 30 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2023 einen Migrationshintergrund. Toni Klein, Pressesprecher im Freiburger Rathaus, kennt die Kritik aus dem Migrant*innenbeirat. „Wir tun bereits viel, um die Situation zu verbessern“, betont er. Zuständig sei das Amt für Migration und Integration. Es berate, informiere und biete verschiedene Integrationsangebote an. Vereine, die sich für eine Willkommenskultur einsetzen, unterstütze die Stadt, auch finanziell.
Um effizienter zu werden, wurde die Ausländerbehörde 2024 umgebaut. Seitdem gebe es ein „Frontoffice“ als Anlaufstelle vor Ort und ein „Backoffice“, in dem die Anträge bearbeitet würden. Anträge würden nicht mehr nur nach Anfangsbuchstaben verteilt, sondern auch nach Inhalt. Dazu komme neues Personal. „Seit das neue Personal eingearbeitet ist, hat sich der Service deutlich verbessert, vor Ort sind die Wartezeiten kürzer, neue Anträge werden zügiger bearbeitet“, sagt Klein. Wenn es länger dauere, liege das an unvollständigen Unterlagen und an komplizierten Gesetzen von Bund und Land.
Die wichtigsten Formulare sind in Freiburg online und in sechs Sprachen verfügbar: Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Russisch und Serbisch. Die Integreat-App, die Zugezogenen einen Überblick über Freiburg gibt, steht in 16 Sprachen bereit. Ziel sei, dass sich alle Einwohner*innen gut aufgehoben fühlten. „Unabhängig davon, wie lange sie bereits Freiburger*innen sind.“ Die Stadt beziehe klar Position gegen Rassismus und rufe dazu auf, rassistische Vorfälle zu melden.
Für Eneh ist Willkommenskultur aber „mehr als das Bereitstellen von Informationen“. Vielfalt könne der Gesellschaft nutzen. Vorausgesetzt, sie werde auch als solche angenommen. Ähnlich sieht es die Chilenin. Genauso wichtig wie die Integration der Neuen sei, „dass die aufnehmende Kultur ebenfalls offen und bereit ist, Migrant*innen willkommen zu heißen“. Treffen beide Seiten auf Augenhöhe aufeinander, könnten viele Hürden für Zugewanderte kleiner werden.
Bundesweit blickt Rohani düster auf die Lage. Er erlebe eine abnehmende Willkommenskultur in der Gesellschaft. Das größte Problem sieht er in der Politik, die „das Thema Migration nur als Werkzeug [nutzt], um die Gesellschaft für den eigenen Parteivorteil zu spalten“.
Laut Rohani ist Freiburg vergleichsweise gut aufgestellt. Trotzdem wünscht er sich Maßnahmen: Fortbildungen zu interkultureller Kompetenz in Behörden sowie Sprachangebote, die Migrant*innen und Einheimische in Sachen Mehrsprachigkeit unterstützen.
Außerdem solle die Verwaltung die Erfahrungen von Migrant*innen offener aufnehmen: „Menschen mit Migrationshintergrund bringen hier oft wertvolle Erfahrung mit, zum Beispiel im Umgang mit Dürre oder extremer Hitze. Eine Stadt, die sich so stark über ihr grünes und weltoffenes Image definiert, sollte sich auch an diesem Anspruch messen lassen.“
Eine Gemeinschaftsproduktion von Petru Tulban, Andrei Abdullin und Kai Rombach im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft. Seminarleitung, Redaktion: Ada Rhode, Andreas Nagel, Philip Thomas, Dirk Fellmoser, Max Keefer.



