Hallo Sophie. Du bist in einer Kleinstadt im Schwarzwald aufgewachsen und lebst heute in Berlin. In der Zeit dazwischen aber hast du in Freiburg gelebt und Politikwissenschaft und Philosophie studiert. Wenn du heute die Studentin Sophie Passmann treffen würdest, was würde dir durch den Kopf gehen?

Ich hätte wahrscheinlich ein distanziertes Verhältnis zur Sophie von früher, weil ich mittlerweile zu allen Leuten in ihren 20ern ein distanziertes Verhältnis habe. Jetzt, mit über 30, fühle ich mich super alt. Das kommt daher, dass mein Leben kaum noch etwas mit dem einer Studentin zu tun hat, und auch, dass mein Job sich so schnell entwickelt und nichts mit einer normalen Karriere zu tun hat.

Was ich an mir als Studentin heute cool fände, wäre, dass sie schon vor dem Studium ein Volontariat gemacht hat. Die einzige Sache, die ich jungen Leuten fürs Studium rate, gerade wenn sich jemand für die Medienbranche interessiert, ist, dass sie schon vorher oder parallel irgendwas machen sollten.

Ansonsten fände ich mich natürlich unerträglich, so wie man sich halt unerträglich zu finden hat, wenn man sich selbst von vor zehn Jahren treffen würde.

Was hat dich in deiner Studienzeit in Freiburg besonders geprägt?

Eine Sache, die mich geprägt hat, die ich aber erst ein paar Jahre später verstanden habe, ist, dass es doch ein riesiges Privileg ist, in einer wunderschönen Stadt wie Freiburg zu studieren. Die größte praktische Art seine Privilegien zu reflektieren, heißt für mich: Ich habe mir das erstens ausgesucht und zweitens ist es ein Wunder, dass ich hier studieren darf. Wir machen die Sache, die der große Klassenmarker ist, nämlich studieren. Wie kann man da nicht pausenlos dankbar und hochmotiviert durch die Gegend laufen?

Die andere Sache, die mich mit Sicherheit an einem geisteswissenschaftlichen Studium geprägt hat, ist, dass man Dinge lernt, die man heute in der Schule schon kaum noch lernt, auch nicht mehr im Privatleben: lange Texte und komplexe Argumente verfolgen. Ein Studium heißt für mich, denken zu lernen. Man fängt nicht an, Philosophie und Politik zu studieren, weil man richtig viel mit „Sein und Zeit“ von Heidegger anfangen kann, sondern weil man wahrscheinlich das große Ganze im Blick haben will.

Du bist Feministin. Deine Bücher und Theaterstücke beschäftigen sich vor allem mit Feminismus. Für viele Menschen ist der Begriff manchmal schwer greifbar und ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Was ist deine persönliche Definition von Feminismus?

Meiner Meinung nach wird Feminismus richtig umgesetzt, wenn er sich für die Gleichheit aller einsetzt, ohne dass die bereits privilegierten Gruppen im Vordergrund stehen. Ich finde, es ist der Job von Feminismus, zu nerven. Wenn alle „Hurra“ schreien würden, wenn sie Feminismus hören, würde er aus meiner Sicht nicht richtig betrieben werden.

Viele junge Frauen orientieren sich an dir. Wie gehst du mit der Erwartungshaltung um, die viele möglicherweise an „die Feministin Sophie Passmann“ haben?

Mein Schwerpunkt im Feminismus ist der, an die persönliche Freiheit von Frauen zu appellieren und Frauen im besten Fall ermächtigen, über den Tellerrand zu schauen. Sie sollen die Dinge zu tun, die in ihrem eigenen Lebensentwurf als schwer oder sogar unmöglich gelten.

Deswegen muss ich die gleiche Strenge auch an mich anlegen. Wenn ich anderen Frauen sage: Reißt euch zusammen, muss ich auch mir sagen: Reiß dich zusammen. In dem Fall sage ich: Ja, die Erwartungshaltung nervt manchmal und ist anstrengend.

Was rätst du jungen Menschen, die sich stärker feministisch engagieren wollen oder feministisches Denken mehr im Alltag umsetzen möchten?

Was hilft, ist Texte zu lesen. In den letzten Jahren ist Feminismus ja Gott sei Dank zu einer Art „Pop-Phänomen“ geworden. Ich bin auch absolut dafür, dass diese Einstiegshürden für Feminismus nicht mehr existieren, denn es sollte kein Wettbewerb sein, wer akademisch komplexer über Feminismus spricht.

Hilfreich ist es auch, sich mit den verschiedenen inhaltlichen Strömungen von Feminismus auseinanderzusetzen. Es ermächtigt mich automatisch, wenn ich merke: Das ist eine tolle Frau, die großartige Arbeit geleistet hat, obwohl ich mit einigen ihrer Texte nicht einverstanden bin.

Feministinnen haben sich, seit es Feminismus gibt, gestritten. Einige der brillanteren Feministinnen aus den 70ern haben wichtige Gedanken formuliert, aber manche haben sich bei Themen abseits des Feminismus Thesen aufgestellt, die ich als schrecklich beschreiben würde. Diese Widersprüchlichkeit macht es einem im Alltag schwer, sich mit anderen Frauen zu vergemeinschaften. Wenn man feststellt, dass das Aushalten der Widersprüche zum Feminismus dazugehört, erleichtert es einem das Leben als Feministin.

Hast du eine Leseempfehlung für feministische Bücher?

Ich empfehle die Bücher von Susan Sontag. Das ist jetzt vielleichte eine streitbare Empfehlung, da Susan Sontag meiner Meinung nach nicht wirklich eine Feministin ist, aber sie ist eine brillante weibliche Denkerin und man sollte sie auf jeden Fall gelesen haben, gerade den Essayband „Über Frauen“. Da geht es ums Altern, um Selbstdarstellung, und teilweise um großartige popkulturelle weibliche Phänomene.

Dann kein Geheimtipp: Simone de Beauvoir, Virginia Woolf und Bell Hooks. Und wer sich für Ambivalenz interessiert: die frühen Essays von Andrea Dworkin. Für mich ist sie die erste große radikale Feministin, die sich gegen den Schönheitswahn bei Frauen eingesetzt hat. Sie hat vor 50-60 Jahren unglaublich zeitgemäß geschrieben, aber auch Texte verfasst, bei denen ich denke: Um Gottes willen, wo bist du da falsch abgebogen?

Wann hast du angefangen, dich für Politik und Feminismus zu interessieren?

Ich war in politischen Jugendorganisationen, erst bei den Linken und dann bei der SPD. Mein feministischer Schwerpunkt kam aber erst im Studium. Zu der Zeit, als ich studiert hatte, kamen Genderwissenschaften gerade auf. Ich fand es spannend, dass damals viele Menschen an Universitäten nicht verstanden, was das sein soll und warum das vielleicht eine wichtige soziologische Unterform sein könnte.

Auf Instagram und in deinen Büchern geht es aber nicht nur um Feminismus, es geht auch immer wieder um Mode. Welche Bedeutung hat Mode für dich?

Dieses Spannungsfeld von Konsum, Selbstkapitalismus und Selbstdarstellung ist etwas, womit ich mich viel und intensiv beschäftigt habe. Warum gibt uns Girlhood-TikTok so ein schönes Gefühl von Gemeinschaft mit anderen Frauen, wenn es am Ende doch um Konsum geht und darum, die gezeigten Sachen zu kaufen?

Meiner Meinung nach geht es für viele aber bei Mode um eine Form der Selbstdarstellung, des Selbstfindens und eben das Gefühl der Gemeinschaft mit anderen Frauen. Man freut sich ja, wenn man angetrunken auf irgendeiner Kneipentoilette andere Frauen sieht, die das gleiche Oberteil tragen, das man selbst im Schrank hängen hat. Das finde ich auf einer feministischen, soziologischen Ebene spannend.

Mir hat Mode zum Beispiel geholfen, mit meinem Körperbild klarzukommen. Ich habe unter meinem Körper und meinem Außenbild gelitten. Ich wusste nie, welche Art Frau ich sein soll, Klamotten waren für mich eine Möglichkeit, neue Versionen von mir auszuprobieren, bis ich endlich bei mir selbst angekommen bin.

Natürlich sind Klamotten auch im Kontext des männlichen Blicks interessant. Wie viele Aspekte von mir zeige ich, wie zeige ich sie, warum zeige ich sie? Weil ich von irgendeinem Jonas im Seminar gut gefunden werden will? Und was passiert mit mir, wenn ich diese Aspekte nicht mehr so herausstelle? Und wie viel meines Selbstbilds hat damit zu tun, von Männern gut gefunden zu werden?

Ist Mode somit auch ein Mittel des politischen Ausdrucks für dich?

Ich finde, wir sollten wegkommen von diesem: Ich mach das für mich, ich schminke mich nur für mich und ich will mich schön fühlen. Wir leben nicht im luftleeren Raum und nichts von dem, was wir mit unserem Körper machen als Frauen, hat nur mit uns zu tun. Deswegen wäre es naiv zu behaupten, dass die Art wie ich mich kleide, nicht bis zu einem gewissen Grad feministisch oder unfeministisch ist, weil ich ein Kind meiner Zeit bin. Auf jeden Fall ist es wichtig, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, warum ich etwas tue oder trage.

Die kurze Antwort: Ja, für mich ist Mode immer auch politischer Ausdruck, aber ich versuche mir auch manchmal zu erlauben, einfach ein Outfit aus der Vogue nachzustylen. Meistens versuche ich aber, es feministisch zu betrachten.

Im März erscheint dein neues Buch „Wie kann sie nur?“. Um was geht es in dem Buch?

In meinem Buch geht es um Frauen, ums Internet, um die Art, wie wir auf Frauen im Internet blicken. Es geht darum, welche Maßstäbe wir bei Influencerinnen ansetzen und wie wir glauben, dass wir nicht Teil des Problems der ständigen Bewertung von Frauen sind. Es geht um Tradwives, den Dünnheitswahn, um Influencerinnen die abnehmen, um Influencerinnen die ihren Reichtum zeigen, um die Beziehung von Timothée Chalamet und Kylie Jenner.

Und teilweise ist das Buch auch auf mich bezogen. Ich erlebe als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, manchmal eine Erbarmungslosigkeit, die nicht dramatisch ist und über die ich mich auch nicht beschweren möchte. Ich habe es mir ja ausgesucht. Aber es ist interessant, wie einfach es ist, die Öffentlichkeit zu schockieren. Wie wenig es braucht, damit die Leute sagen: „Wie kann sie nur?“.

An welche Zielgruppe richtet sich dein Buch?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute das Buch lesen, die denken, dass ich immer Unrecht habe. Auch Menschen, die mit dem Feminismus nichts anfangen können. Und alterstechnisch wünsche ich mir, dass auch unsere Mütter und Großmütter mein Buch lesen, denn sie sehen sich ja auch Kochvideos von Nara Smith an. Wir alle neigen dazu, Frauen zu bewerten – das ist generations- und geschlechtsübergreifend. Deswegen sollten nicht nur junge Leser*innen das Buch lesen. Ganz im Gegenteil.

Wenn du in die Zukunft blickst, besonders in Bezug auf Feminismus, was stimmt dich positiv?

Mir hilft es immer, aus dem Internet ins echte Leben zu gehen. Wenn ich zu lange nicht in der analogen Welt bin, verliere ich ein bisschen den Glauben an die Sinnhaftigkeit. Es gibt ganz viele junge Kolleginnen, die Feminismus beruflich betreiben und tolle Bildungsarbeit machen. Wir müssen wieder Bücher lesen, uns analog engagieren und Gemeinschaft suchen, die über Social Media hinaus existiert.

Autorinnen: Amrei Wahl, Clara Wrede, Riana Schilling. Dieser Beitrag ist im Rahmen des ZfS-Seminars „Online-Journalismus am Beispiel von uniCROSS“ für Studierende entstanden. Seminarleitung, Redaktion: Silvia Cavallucci