Hallo Frau Kopf, seit 2021 sind Sie für die Grünen im Bundestag und vertreten dort den Wahlkreis Freiburg. Wie wird aus einer Politikstudentin aus Freiburg eine Bundestagsabgeordnete?
Ich habe eigentlich Politik studiert, weil ich Journalistin werden wollte. Es war nie mein Plan, Berufspolitik zu machen. Das hat sich dann so ergeben. Ich habe nach dem Masterabschluss in einem Abgeordnetenbüro gearbeitet und nebenher immer Politik als Hobby verfolgt.
Ich wurde Kreisvorsitzende und Mitglied im Landesvorstand, dann stand eine Bundestagswahl an und es wurden Kandidierende gesucht. In der Situation habe ich gemerkt, dass ich Lust habe, in der Politik richtig durchzustarten und diese Arbeit zum Beruf zu machen.
Welche Ihrer Erwartungen an den Bundestag haben sich erfüllt und gab es auch Dinge, die ganz anders waren, als Sie sich das vorgestellt haben?
Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass selbst auf der höchsten politischen Ebene alle nur mit Wasser kochen. Natürlich braucht es Zeit, um dort richtig ins Geschäft zu finden und man lernt immer noch jeden Tag dazu. Trotzdem sind das auch alles nur Menschen, und sie machen auch Fehler. Es unterscheidet sich also gar nicht so sehr von anderen politischen Ebenen.
Natürlich ist es aber immer etwas Besonderes, wenn man auf den Bundestag zuläuft und sich denkt, oh cool, das ist mein Arbeitsplatz. Auch wenn man eine Rede im Plenum hält, ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, welches Privileg man dadurch hat. Aber die Menschen, mit denen man zu tun hat, sind alles normale Menschen. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Bürger*innen das wissen.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?
Am besten gefallen mir die Vielseitigkeit der Aufgaben und auch die Menschen, mit denen man bei dieser Arbeit zu tun hat. Gerade wegen meines europapolitischen Schwerpunkts bin ich viel im Austausch mit Abgeordneten oder Zivilgesellschaften aus anderen europäischen Ländern. Das ist immer wertvoll, um über den nationalen Tellerrand blicken zu können und zu sehen, dass in anderen Ländern sehr ähnliche Diskussionen stattfinden. In Deutschland wird es oft so dargestellt, als sei zum Beispiel die Energiewende ein deutscher Sonderweg. Wenn man aber unterwegs ist, sieht man, dass in anderen Ländern teilweise viel selbstverständlicher mit Wärmepumpen geheizt wird und es mancherorts überwiegend Elektroautos gibt.
Im Wahlkreis ist es ähnlich. Dort hat man mit vielen Themen, Personen oder Expert*innen aus der Region zu tun, zu denen man sonst wenig Zugang hätte. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, einen breiten Überblick zu haben, um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft tickt und welche Themen sie beschäftigt.
Gibt es etwas, das Sie an Ihrem Job überhaupt nicht mögen?
Ein Problem ist leider die Arbeitsbelastung und Hektik. Klar ist, dass wir Berufspolitiker*innen gut verdienen. Die Frage ist allerdings, ob es manchmal wirklich produktiv ist, was wir tun. Bringt es den Bürger*innen etwas, wenn Sitzungen im Plenum bis mitten in der Nacht andauern oder sieben ineffiziente Sitzungen am Stück stattfinden? Dazwischen bleibt dann auch keine Zeit etwas zu essen oder nachzudenken. Dieser Umstand wird in anderen Ländern besser gelöst als in Deutschland. In vielen Parlamenten gibt es klar geregelte Debatten- und Abstimmungszeiten– wie auch im Europäischen Parlament. Und viele Parlamente sind auch deutlich digitalisierter als der Bundestag.
Worüber auch immer noch zu wenig gesprochen wird, ist die Vereinbarkeit von Politik und Familie.
Ein anderes Problem für politisch Aktive, ob ehren- oder hauptamtlich, ist die verrohte und polarisierte Debattenkultur.
Wie haben Ihre Erfahrungen als Studentin aus einer Universitätsstadt wie Freiburg Ihren Blick auf die Politik geprägt?
Man könnte leicht dazu neigen, von dem klimapolitischen Engagement in Freiburg, auf ganz Deutschland zu schließen. An dieser Stelle muss man allerdings vorsichtig sein, weil andere Regionen ganz andere Herausforderungen haben, gerade wenn es dort eine Stahl- oder Autoindustrie gibt.
In Freiburg ist die Anpacker-Mentalität sehr ausgeprägt und es gibt viele Menschen, die sich politisch engagieren. Dazu gehören Menschen, die für ihre Anliegen kämpfen, auf die Straße gehen, politisch aktiv werden oder konstruktiv das Gespräch mit der Politik suchen, anstatt nur rumzumeckern. Das prägt mich sehr.
Auch die Haltung der Bürger*innen in Freiburg, nicht die Letzten beim Klimaschutz oder bei Innovationen wie etwa Solarenergie zu sein, ist besonders. Die meisten wollen vorne mit dabei sein und engagieren sich dafür politisch. Das ist etwas, was ich dann in den Bundestag trage. Als wir regiert haben, war es sehr gut möglich, diese ganze Expertise aus Freiburg ans BMWK heranzutragen, als es zum Beispiel um Balkonsolarenergie ging. Freiburg ist in vielen Bereichen immer wieder ein Vorreiter.
Wie war der Weg für Sie als junge Frau in ein so hohes Amt wie das der Bundestagsabgeordneten zu kommen?
Ich komme aus der Grünen Partei und mir wurden kaum Steine in den Weg gelegt. Wir haben die Frauenquote und unterstützen gerade auch junge Frauen. Natürlich gibt es immer wieder Leute, auch in der eigenen Partei, die finden, dass man zu jung sei. Allerdings erlebe ich fast nie, dass bei jungen Männern die Lebenserfahrung kritisch hinterfragt wird. Als Frau muss man sich immer ein Stück mehr beweisen, etwa bei den eigenen Fachkompetenzen. Aber ich glaube, dass das Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen kennen.
Was sind Ihre Erfahrungen als Frau in der Politik? Spüren Sie Unterschiede zu männlichen Kollegen?
Im Bundestag selbst sind diese Unterschiede schon stärker ausgeprägt. Dort gibt es häufig Runden, wo nur Männer anwesend sind. Gerade mein Themenbereich ist sehr männerdominiert und das überträgt sich auf die Gesprächsatmosphäre. Allerdings nicht in dem Ausaß, dass das politische Aktivsein nicht mehr möglich ist.
Es gibt allerdings den bitteren Spezialfall AfD. Häufig passiert es, dass ihre Mitglieder reingrölen, wenn man als junge grüne Frau eine Rede hält. Leider lenkt das ab, was genau das Ziel dieser Abgeordneten ist. Wenn man vorne im Plenarsaal steht, sind diese Zwischenrufe viel lauter, als es im Fernsehen zu hören ist. Man hat teilweise Schwierigkeiten, sich selbst zu hören und das ist definitiv ein Problem. Deswegen bin ich froh, dass jetzt die Bußgelder bei Ordnungsrufen erhöht wurden.
Insgesamt sind die Umstände in der Politik ein Frauenproblem, gerade für Kolleginnen, die kleine Kinder haben. Als meine Kollegin Hanna Steinmüller kürzlich mit ihrem Baby ans Rednerpult getreten ist, wurden viele auf dieses Thema aufmerksam. Die erschwerte Vereinbarkeit und die nicht existierende Elternzeit für Abgeordnete, schrecken in letzter Konsequenz Frauen ab, in die Politik einzusteigen.
Wie erleben Sie den Kontakt mit den Bürger*innen – begegnen Ihnen dort andere Erwartungen, weil Sie eine junge Frau sind?
Auf jeden Fall. Gerade nachdem ich 2021 zum ersten Mal gewählt wurde, habe ich das sehr stark gespürt. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass mich viele Leute nicht kannten.
Ich selbst habe den Anspruch an meine Arbeit, andere Meinungen mitzuberücksichtigen und vielfältige Anliegen zu vertreten. Auch wenn diese erstmal nicht so im grünen Parteiprogramm stehen. Das Vorurteil, die Bevölkerung nicht verantwortungsbewusst vertreten zu können, begegnet jungen Frauen aber meiner subjektiven Erfahrung nach häufiger.
Der Prozentanteil von Frauen im jetzigen Bundestag liegt bei 32,6 Prozent. Wie setzt man sich als Frau in einem männerdominierten Beruf durch?
Ich glaube, dass es gerade für Frauen sehr wichtig ist, starke Netzwerke aufzubauen. Es stimmt leider, dass Frauen einfach weniger netzwerken. Außerhalb von Sitzungen und Tagesordnungen findet wenig Networking statt. Um dieses Problem lösen zu können, müssen Frauen einen eigenen Weg finden. Ich versuche zum Beispiel, Frauen zu unterstützen, indem ich darauf achte, wem ich eine Rede abtrete oder wen ich für Parteiämter anspreche. Es ist mir wichtig, dass Frauen gut vertreten sind, weil ich ebenfalls Unterstützung erleben durfte.
Bei Verhandlungen braucht es generell ein gesundes Selbstbewusstsein und ein tiefes Themenverständnis, um gut verhandeln zu können.
Mir ist außerdem wichtig zu erwähnen, dass auch die meisten Kollegen anderer Fraktionen wissen, dass Frauen Kompetenz mitbringen und man gut zusammenarbeiten muss. Trotzdem fühlt man sich als junge Frau stärker unter Druck gesetzt. Gerade weil uns Fehler bezüglich falscher Informationen oder ungeschickter Formulierungen deutlich negativer ausgelegt werden als einem Mann, der schon 20 Jahre im Parlament sitzt.
Halten Sie eine gesetzliche Frauenquote in Parlamenten und in Parteien für sinnvoll?
Ich halte die Frauenquote für sinnvoll und würde mir wünschen, dass sich alle Parteien an diesen orientieren. Es sollte klar sein, dass Frauen nicht schlechter qualifiziert sind, sondern dass sie einen strukturellen Hebel brauchen, um im gleichen Maße für Ämter zu kandidieren und gewählt zu werden.
Andere Parteien wie die Linke und die SPD haben in den meisten Fällen ebenfalls eine Frauenquote. Bei der CDU, CSU oder der AfD ist der Frauenanteil deutlich niedriger.
Welche Tipps können Sie jungen Frauen ausgehend von Ihren persönlichen Erfahrungen mit auf den Weg geben?
Lasst euch euer Selbstbewusstsein nicht ankratzen, auch wenn ihr mit vielen Unsicherheiten konfrontiert seid. Ich selbst denke immer noch sehr viel drüber nach, ob ich jetzt meine Meinung sagen soll oder ob das für zu viel Verärgerung sorgt. Gerade dann ist es wichtig, zu seinem Standpunkt zu stehen, diesen einzubringen und nicht zu versuchen, von allen gemocht zu werden.
Außerdem ist es als Frau für das Aufbauen von Netzwerken wichtig, sich nicht nur zu einem Frauenfrühstück zu treffen. Frauen sollten darauf achten, dass auch darüber hinaus Kommunikation stattfindet. Dabei sollte man sich gezielt über die verschiedenen Expertisen von Kolleginnen austauschen und solche Kontakte pflegen. Das ist gerade in der Politik noch mal besonders wichtig.
Was könnte man politisch tun, um Female* Empowerment zu stärken?
In der Politik ist es wichtig, neben Netzwerken und dem gegenseitigen Support die Rahmenbedingungen zu verbessern, angefangen bei ehrenamtlicher Politik. Mittlerweile haben wir bei allen Mitgliederversammlungen eine Kinderbetreuung, die der Kreisverband finanziert. Gleichzeitig sind abwechselnde Sitzungszeiten, mal am Wochenende, mal unter der Woche abends, notwendig, damit unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen teilnehmen können. Es ist wichtig, dass die Rahmenbedingungen nicht nur an den Bedürfnissen von Männern ohne Familienverantwortung ausgerichtet sind.
Weiterhin ist die größte Herausforderung für Frauen der Mangel an Kinderbetreuung. Viele Frauen wollen gerne mehr arbeiten, können das aber wegen der fehlenden Kinderbetreuung nicht. An dieser Stelle muss vor allem die Politik auf allen Ebenen investieren. Dabei sind auch die harten materiellen Faktoren wie die Lohntransparenz entscheidend und dass zukünftig weibliche Arbeit nicht niedriger bewertet wird als männliche.
Was ist für Sie Female* Empowerment?
Für mich geht es darum, dass Frauen in unserer Gesellschaft ihre Potenziale, Interessen, Wünsche in genau dem gleichen Maß einbringen können wie Männer. Letztlich ist es das Ziel, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten abzubauen, so dass alle gleichermaßen an der Gesellschaft teilhaben und zu dieser beitragen können.



