Studieren ist ein Vollzeitjob mit einer 40-Stunden-Woche, aber vergütet ist es nicht. Wie lässt sich ein Studium also finanzieren? Der bequemste Weg könnte ein Stipendium sein.

Lasst uns alle ein Stipendium holen, oder?

Für Studierende in Deutschland gibt es zahlreiche Stipendien von verschiedenen Stiftungen. Die bekanntesten dürften die Studienstiftung des Deutschen Volkes, das Deutschlandstipendium, die kirchlichen und nicht zuletzt die parteinahen Stipendien wie die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU, die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD und die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen sein. Sie alle bieten meist eine finanzielle Unterstützung durch die Studienkostenpauschale in Höhe von 300 Euro monatlich plus den BAföG-Satz, der einem gemessen am Einkommen der Eltern zustehen würde – nur, dass das Geld im Gegensatz zum BAföG nicht zurückgezahlt werden muss.

Trotz dieses breiten Spektrums an Studienstiftungen ist die Zahl der zu vergebenden Stipendien natürlich begrenzt und dementsprechend stark umkämpft. Bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes bewarben sich 2021 genau 10.566 (angehende) Studierende, und das, obwohl bereits die Bewerbung nicht so einfach ist. Für das Stipendium muss man entweder von seiner Schule oder Universität vorgeschlagen werden oder man bewirbt sich selbst. Doch auch für letztere Möglichkeit ist das Kontingent an Plätzen begrenzt, sodass dort „First come, first served“ gilt. Von den 10.566 Bewerber*innen wurden schlussendlich 3.182 angenommen.

Stipendien nach dem Leistungsprinzip

Vergeben werden Stipendien nach Leistung in der Schule beziehungsweise im Studium, je nach dem Zeitpunkt der Bewerbung. Leistung bedeutet im Wesentlichen gute Noten und die bekommt man leichter, wenn man Unterstützung von Zuhause hat. Das ist in bildungsbürgerlichen Familien eher der Fall. Und auch Nachhilfe können und wollen in der Regel wohlhabendere Familien für ihre Kinder aufbringen.

Ein weiteres Kriterium bei der Vergabe von Stipendien ist meist soziales Engagement – aber auch das muss man sich leisten können. Denn wenn man Geld braucht, dann muss man im Supermarkt arbeiten statt ehrenamtlich im Gremium einer gemeinnützigen Organisation etwas Gutes zu tun. Auch was als soziales Engagement zählt, ist eng vorgegeben: Ehrenamtlich bei der Tafel zu arbeiten, ist es zum Beispiel nicht, durfte eine Bewerberin von der Heinrich-Böll-Stiftung erfahren.

Das Studium von Mittelschicht-Kids wird auch von Putzkräften finanziert.

Im Jahr 2021 bekamen knapp 72 Prozent der Stipendiat*innen der Studienstiftung des Deutschen Volkes nur die Studienkostenpauschale in Höhe von 300 Euro pro Monat, da ihre Eltern ein so hohes Einkommen hatten, dass ihnen kein BAföG zustand. Über die Kriterien der BAföG-Berechtigung lässt sich streiten, aber, grob gesagt, bedeutet das übersetzt: Der Großteil der Stipendiat*innen kommt aus einem Gutverdienendenhaushalt und benötigt das Stipendium nicht. Dennoch bekommen sie 300 Euro im Monat, finanziert aus Steuergeldern. Der wichtigste Geldgeber der Studienstiftung ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung, außerdem erhält sie Zuschüsse vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, von Bundesländern und Städten – anders gesagt: aus Steuergeldern. Das heißt, dass das Studium von Mittelschicht-Kids auch von Putzkräften finanziert wird.

Networking der Elite von morgen

Stipendien bestehen in der Regel nicht nur aus der finanziellen, sondern auch aus der sogenannten „ideellen Förderung“. Auch diese bekommen Kinder aus einem Elternhaus, in dem Kant und Arendt im Bücherregal stehen, eher auch bereits von zuhause mit.

Die ideelle Förderung in der Studienstiftung besteht zum Beispiel aus „Akademien“, die in Genf und Südfrankreich stattfinden. Der Begriff „Akademie“ bezieht sich dabei auf die Philosophie im antiken Griechenland und klingt auch deshalb schon sehr nach elitärer Kaderschmiede. Die Akademien, Sprachkurse und andere Workshops sind gute Gelegenheiten für das, was in der heutigen Arbeitswelt so wichtig für eine Karriere ist: Networking.

Unter den Stipendiat*innen sind überdurchschnittlich viele Jura- und Medizinstudierende. Vergangenes Jahr waren 22,4 Prozent der geförderten Studierenden der Studienstiftung des Deutschen Volks Medizinstudierende. Sie sind die Elite von morgen und meist Kinder der Elite von heute. Denn man kann sagen: Wer Förderung von Zuhause erhält, bekommt sie mit einer größeren Wahrscheinlichkeit auch noch vom Staat obendrauf.

Zusätzlicher Druck durch das Konkurrenzprinzip

Doch auch für die Stipendiat*innen bedeutet ein Stipendium nicht, dass sie ausgesorgt haben. Nach üblicherweise zwei Jahren müssen die Stipendiat*innen Anträge auf Weiterförderung stellen, die – leistungsorientiert wie Stipendien nun mal sind – nur genehmigt werden, wenn die Studierenden auch ausreichend performt haben. Das wird selbstverständlich an den Noten gemessen, aber „nur“ gute Noten reichen nicht. Stattdessen sollen die Stipendiat*innen zu den besten x Prozent in ihrem Studiengang zählen, also nicht einfach gut oder sehr gut, sondern besser als ihre Kommiliton*innen sein. So lehnte die Studienstiftung 2021 knapp fünf Prozent der Anträge auf Weiterförderung ab und vertagte bei weiteren drei Prozent die Entscheidung um ein weiteres Jahr, um dann erneut die Weiterförderung zu prüfen. Das erzeugt psychischen Druck bei den Studierenden, zusätzlich zu dem, den sie in der Uni, von ihren Eltern und vielleicht auch durch die eigenen Ansprüche an sich selbst erfahren.

Reiche Kinder bekommen Stipendien, arme BAföG.

Wir sind im Jahr 2022 und Debatten um Klassismus haben auch die Studienstiftungen erreicht. Und so ist bei den meisten Stiftungen verankert, dass sie besonders Kinder aus Arbeiter*innenfamilien und mit Migrationshintergrund fördern wollen. Für Kinder aus Arbeiter*innenfamilien und mit Migrationshintergrund gibt es extra ausgeschriebene Stipendien. Aber dieser punktuelle Ansatz beseitigt die grundlegenden Probleme nicht, schließlich kommt immer noch der Großteil der Stipendiat*innen aus einer wohlhabenden Familie. Außerdem gibt es auch genug Studierende mit Migrationshintergrund, die aus Akademikerfamilien stammen und damit im akademischen sowie im finanziellen Bereich privilegiert sind und die Förderung nicht brauchen.

Im Großen und Ganzen ist es immer noch so: Reiche Kinder bekommen Stipendien, arme BAföG. Ersteres ist ein Geschenk – für den Geldbeutel und für den Lebenslauf, letzteres muss zurückgezahlt werden und bedeutet einen hohen bürokratischen Aufwand, Schulden und damit auch Stress.

Eine faire Studienförderung aller Studierender und zwar besonders derer, die die Unterstützung auch wirklich benötigen – ein stark reformiertes BAföG könnte man sagen – wäre die einzig wahre „Studienstiftung für das Deutsche Volk“.