Kriegstrommeln, säbelrasselnde Gitarren, dystopische Bilder: In wildem Galopp nehmen uns die Stuttgarter Apokalypsenreiter*innen von Berlin 2.0 auf “Keine Erlösung” mit nach Kaltental. Das ist im echten Leben wohl eine Burg oder ein Viertel oder beides in, natürlich, Stuttgart. Oder eben eine Welt irgendwo zwischen Blade Runner und Mordor. Oder unser aller Tik Tok-Feed. Kaltental ist überall, weil es überall schrecklich ist.

Und wieder ein Faschist im Hohen Haus
„Entzauberung“ geglückt, Herr Lanz, Applaus!
„Notwehr“ in deutscher Tradition
Der Dritte Weltkrieg wird nicht gegen Woke verloren!

– Berlin 2.0 / Keine Erlösung

Der Erstling Scherbenhügel erschien 2023 beim Freiburger Punk-Label Flight 13 Records. Für das neue Album wechselt die Band nun zu Kidnap Music, wo Bands wie pogendroblem, Akne Kid Joe oder Acht Eimer Hühnerherzen veröffentlichen.

Der Klang ins Verderben

Musikalisch entwickelt sich der Sound auf Kaltental stimmig weiter. Im weitesten Sinne Post-Punk, angetrieben von wummernden, pulsierenden Gitarren, die Mut zur Melodie behalten. Dazu kommen Punk-Punk und Hardcore mit postigen und metallischen Elementen. Hier tönen unerwartet Bläser, da spricht eine KI-Stimme. Dazu gibt’s gelungene Samples und Spoken Word. Es bleibt unterhaltsam und wirkt trotzdem wie aus einem Guss. Auf jeden Fall ein Album-Album.

Die Texte von Elena Wolf schreien an vielen Stellen nach Geisteswisschenschaftsstudium. Kein blöder Drittsemester-Punk, eher Weltschmerz-Post-Doc-Wahnsinn. Das funktioniert erstaunlich gut, man nimmt es ihnen ab. Auch die teilweise messianische Haltung (“Ich habe das Ende gesehen” oder “Geschlagen ans Kreuz, könnt ihr mich sehen?”) wirkt nicht zu drüber. Berlin 2.0 bildet, einige Begriffe muss ich googlen. Das bin ich als stumpfer Parolen-Punk-Hörer nicht gewohnt, finde ich aber super. Denn: Auch wenn die Sprache manchmal verkopft ist, das Pop in “Death Pop” wird nie vergessen. Es folgt Punchline auf Punchline, fast jede Zeile ist für sich zitierfähig.

Kein Platz für Parolen?

Trotzdem ist Berlin 2.0 für mich bisher keine Hit-Band. “Sirenen” (Song Nr. 2) versucht ein bisschen, eine Hymne zu sein, das will für mich aber nicht so ganz gelingen. Ich glaube, ich will auch gar keinen Hit von denen – das soll lieber konsistent mies gelaunt, deprimiert und aussichtslos bleiben.

Pech gehabt: Hinten auf der B-Seite versteckt kommt “1789” daher. Ungewohnt dreamy dudeln sich die Gitarren ein, ich muss kurz schauen, ob das noch das richtige Album ist – ist es. Dreieinhalb Minuten wunderbarster Indie Rock, agitative Zeilen, die auch von Rio Reiser stammen könnten. Das Ganze “Viva La Vida”-mäßig als Historiendrama getarnt – ich liebe es.

Kaltental Calling

Danach geht’s dann aber per Köpfer zurück in den Teich aus Trübsal. “Salamanderin” ist wahrscheinlich der intensivste Track, ein Jeanne d’Arc-Cosplay und vielleicht auch Origin-Story einer Albumprotagonistin. Elena Wolfs Schreie gehen ins Mark. Alles ist schlimm.

“Jahr ohne Sommer” bietet zum Ende nochmal einen Strohhalm an (“Glaub mir ich kann Land sehen – zwar nicht viel aber es reicht”). Aber dafür wiegt die letzte halbe Stunde zu schwer. Ich bin selten so deprimiert aus einem Album gegangen. Danke Berlin 2.0!