1. Unbegründete Ängste – Res Gusch
Res Gusch macht in seinem 2026 erschienenen Roman Ängste – begründete wie auch unbegründete – zum Dreh- und Angelpunkt.
Christian Lotz, ein durchtrainierter, großgebauter und gutaussehender Fitnesstrainer, kennt die Angst seit seiner Kindheit. Sein Alltag, den Gusch ausgiebig in den ersten Buchkapiteln schildert, könnte, abgesehen von erotischen Abenteuern, die nur nach Betriebsschluss in der Sauna oder außerhalb seiner sächsischen, kleinen Heimatstadt, mit vornehmlich unbekannten Männern stattfinden, nicht generischer sein. Doch kurz bevor Gusch die Lesenden durch zu viele, nicht immer sauber eingebaute Rückblenden verliert, breitet sich die Angst, personifiziert durch das Erstarken einer lokal überpräsenten rechtspopulistischen Partei, in Christians Leben und Umfeld aus.
Durch mehrperspektivisches Erzählen zieht Gusch die Lesenden dabei mit zunehmender Sorge um Christian in den Bann und zeigt, weshalb uns die leider begründeten Ängste Christians mehr angehen, als uns lieb ist.
Christina Moormann
2. You’re the one for me – Zelda French
Den Sommer hatte sich Zak eigentlich anders vorgestellt: Um endlich mit seiner großen Liebe Alberto zusammenzukommen, meldet er sich freiwillig für eine Kurzfilmproduktion des Theaterclubs seiner Schule, in der Annahme, zusammen mit Alberto die verbotene Liebe zweier Männer zu erzählen. Doch am Drehort, tief in der französischen Landidylle angekommen, kommt heraus, dass nicht Alberto, sondern Eric, ein Fußballer der Schule, die andere Rolle spielen wird. Sein anfänglicher Plan nun völlig zerstört versucht Zak, Alberto mit seinem schauspielerischen Talent zu überzeugen, während er sich gleichzeitig widerwillig auf Eric einlassen muss. Dieser ist für Zak alles, was er verachtet: ein heterosexueller Sportler, der nichts, auch nicht für eine Sekunde, ernst zu nehmen scheint. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr muss sich Zak eingestehen, dass er sich anfangs über Eric geirrt hat. Steckt doch mehr in dessen Verhalten ihm gegenüber als ihm lieb ist? Sind sie mehr als nur Filmpartner? Und was ist dann mit Alberto?
Wer nach einer leichten sommerlichen feel-good Romanze sucht, ist bei diesem Buch genau richtig. Nicht nur schließt man die Hauptcharaktere Zak und Eric schnell ins Herz und fiebert für sie mit, auch die anderen Charaktere haben ihren Charme und tragen zu einer gelungenen Geschichte bei. Zusammen mit der französischen Landschaft und ganz viel Humor möchte man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen und bleibt am Ende mit einem Lächeln zurück.
Niklas Bartsch
3. Martyr!- Kaveh Akbar
Cyrus ist ein iranischer Mann, der in Amerika lebt. Seine Mutter ist gestorben, als ihr Flugzeug über dem Persischen Golf durch einen Fehler zerschossen wurde. Sein Vater verbrachte sein Leben in Amerika damit, Hühner zu schlachten.
Cyrus ist ein Alkoholiker, Drogenabhängiger und Poet. Er sieht sein Leben und das der Leute um ihn herum als bedeutungslos, da es keine Spur auf der Welt hinterlassen wird – nicht so wie die Leben von Märtyrern in der Geschichte. Seine Faszination für Märtyrer führt ihn auf eine Reise nach New York, wo er mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird und seine Familie auf neue Weise kennenlernt.
“Martyr!” ist ein Buch über Kunst, Iran, Angst, Tod und Leben, Queerness und so vieles mehr. Es ist einfach zutiefst menschlich.
Viktoria Ibach
4. Experienced – Kate Young
Bette ist Anfang 30 und hat vor kurzem herausgefunden, dass sie lesbisch ist. Jetzt ist sie mit Mei zusammen und glücklicher als je zuvor – die wiederum möchte eine dreimonatige Pause einlegen, in der Bette sich noch einmal ausleben soll. Sie hat nämlich Angst, Bette von Erfahrungen in der queeren Datingszene abzuhalten, die sie durch ihr spätes Coming-Out nicht früher machen konnte. Also casual Sex ohne Gefühle – ganz einfach, oder?
Das Schöne an Kate Youngs Debütroman ist der Humor und die Leichtigkeit, die die Geschichte über weite Strecke aufweist. Queere Geschichten definieren sich häufig über eine gewisse Schwere, die innerhalb der literarischen Welten vor allem den gesellschaftlichen Umständen geschuldet ist – die Handlung ist dann von einem eher tragischen und sehnsuchtsvollen Ton geprägt, der natürlich einerseits eine Lebensrealität darstellt, andererseits queeren Beziehungen fast schon eine gewisse Belastung zuschreibt.
In „Experienced“ begleiten die Leser*innen Bette zu ihren Dates, fühlen ihre Überforderung und verlieben sich mit ihr. Die Gleichzeitigkeit von Schmerz und Schmetterlingen. Das macht die Geschichte sehr nahbar. Trotz aller Leichtigkeit wirft der Roman auch Themen wie spätes Outing, Bindungsängste und Selbstzweifel auf. Eine lesbische RomCom, die vor allem Spaß macht zu lesen und an den richtigen Stellen ein bisschen weh tut.
Jule Bürgi



