Auf dem Bild sieht man eine männlich gelesene Person mit dunkelblauen kurzen Hemd, braunen kurzen Haaren und einer eckigen Brille. Sie steht vor einem Hintergrund von Plakaten und Flyern.
Daniel Weiß ist Erasmus+ Hochschulkoordinator beim International Office der Uni Freiburg.

Hallo Daniel Weiß, du arbeitest beim International Office (IO) der Universität Freiburg im Bereich „Mobilität“. Hier berät das IO zu studienbezogenen Auslandsaufenthalten und betreut verschiedene Mobilitätsprogramme – darunter auch Erasmus+. Welche studienbezogenen Angebote bietet Erasmus+? 

Das wichtigste und bekannteste Angebot von Erasmus+ ist ein Studierendenaustausch in einem Programmland von Erasmus+. Eine andere Möglichkeit sind Auslandspraktika, die auch über Erasmus+ gefördert werden können. Vereinzelt ist dies auch weltweit möglich. Relativ neu sind Kurzzeitmobilitäten, die sogenannten Blended Intensive Programmes, kurz BIPs.

Von den genannten Programmen hat der Studierendenaustausch den größten Anteil. Aber auch Auslandspraktika werden zunehmend beliebter. Die BIPs sind im Vergleich noch weniger bekannt. BIPs sind Lehrkooperationen, die mit anderen europäischen Universitäten gemeinsam stattfinden. Dabei gibt es eine längere virtuelle Phase mit Online-Lehrveranstaltungen kombiniert mit einer kürzeren physischen Mobilität von meist circa einer Woche.

Kurzzeitmobilitäten können auch für Doktorand*innen in Form von kürzeren Forschungsaufenthalten von Interesse sein.

Wie bewertest du Erasmus+ Aufenthalte für die berufliche Zukunft der Studierenden?

Ich sehe in Erasmus+ viele Vorteile für Studierende. Zum einen machen sie dabei interkulturelle Erfahrungen und zum anderen ist es auch eine Herausforderung, sich mit neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und neue Sichtweisen einzunehmen. Erasmus+ ist eine Erfahrung, die in verschiedenen Bereichen weiterhelfen kann, vor allem aber in einer Welt, in der man zunehmend interkulturelle Kompetenzen und auch Sprachkenntnisse braucht.

Tragen diese Erasmus+ Erfahrungen dazu bei, dass Studierende Europa als gemeinsamen Bildungsraum wahrnehmen und so eine europäische Identität entwickeln können?

Auf jeden Fall. Ich sehe Erasmus+ als Baustein, der für ein Europa-Verständnis wichtig ist. Wir brauchen Menschen, die sich in ganz Europa auf den Weg machen wollen, Dinge anzupacken und Probleme zu lösen – und das miteinander, nicht gegeneinander. Es ist wichtig für uns alle, dass ein Miteinander in Europa funktioniert.

Erasmus+ bietet diese Chancen jungen Menschen nicht ausschließlich im Rahmen eines Studiums, sondern auch darüber hinaus. So umfasst das Programm beispielsweise auch non-formale Bildungs- und Mobilitätsprojekte. Solche Projekte organisiert zum Beispiel der gemeinnützige Verein Dreaming Openly e.V..

Auf dem Bild sieht man eine weiblich gelesene Person mit langen dunkelblonde Haaren, einer weißen Bluse mit Strickjacke darüber und einer eckigen Brille.
Martina Millenat ist Vorstandsmitglied bei Dreaming Openly e.V..

Hallo Martina Millenat, du bist im Vorstand von Dreaming Openly. Ihr organisiert non-formale Mobilität für junge Menschen, um sie so darin zu bestärken, sich für ein gerechteres und nachhaltigeres Zusammenleben in Europa einzusetzen. Dabei spielt Erasmus+ eine zentrale Rolle. Viele kennen Erasmus aber nur vom Studium. Welche Möglichkeiten bietet Erasmus+ denn über studienbezogene Angebote hinaus?  

Erasmus+ begann zwar als Studienaustauschprogramm, hat aber im Laufe der Zeit immer mehr Programme mit aufgenommen. Inzwischen gibt es auch „Erasmus+ Schule“ für Schulaustausche und den Bereich der Erwachsenen- und Berufsbildung, in dem ebenfalls Projekte und Förderungen über das Programm möglich sind.

Außerdem gibt es den Erasmus+ Jugend- und Sportbereich, in dem wir mit unserem Verein hauptsächlich tätig sind. Der Jugendbereich richtet sich zum einen an alle jungen Menschen zwischen 13 und 30 Jahren und zum anderen an Fachkräfte aus der Bildungs- und Jugendarbeit. Ziel ist hier, die EU-Jugendstrategie umzusetzen, und insbesondere die EU-Jugendziele zu verfolgen.

In welchen Bereichen fördert das Programm junge Menschen konkret? 

Das Erasmus+ Programm bietet Trägern der Jugendarbeit, Vereinen, teilweise auch kommunalen Einrichtungen die Möglichkeit, Fördergelder für verschiedene Projektformate zu beantragen.

Ein großer Bereich sind Fördermittel, die jungen Menschen Mobilitäten innerhalb von Europa ermöglichen. Darunter fallen Erasmus+ YouthExchanges, also Jugendbegegnungen, und Erasmus+ Training Courses. Die Trainingskurse sind Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen, die ehren- oder hauptamtlich im Jugendbereich tätig sind.

Zum anderen gibt es Projektfördermittel, die ganz generell die Arbeit von Jugendeinrichtungen weiterentwickeln und die Arbeit von Vereinen, Jugendtreffs und verschiedensten Jugendeinrichtungen unterstützen.

Die von dir erwähnten Angebote für junge Menschen zeichnen sich durch non-formales oder informelles Lernen aus. Was bedeutet das in Abgrenzung zu formellem Lernen?

Formelles Lernen ist das „klassische“ Lernformat innerhalb institutioneller Strukturen wie Schule, Universität, Ausbildung.

Das non-formale Lernen zeichnet sich, wie der Name schon sagt, dadurch aus, dass es außerhalb dieser Strukturen stattfindet. Wie beim formalen Lernen gibt es einen Plan dahinter. Das Ziel ist es aber, die Lerninhalte gemeinsam zu erarbeiten – also nicht von oben nach unten durch eine Lehrkraft, die einen Sachverhalt erklärt, sondern innerhalb einer Gruppe.

Informelles Lernen ist das, was zu jeder Zeit stattfindet, ungeplant und spontan – also auch im Alltag. Das findet während solcher Projekte besonders intensiv statt, weil man aus seiner Komfortzone herausgeht. Erasmus+ Projekte sind normalerweise mit der Reise in ein anderes Land verbunden, mit dem Kennenlernen von neuen Menschen und mit Englisch als Kommunikationssprache. Da findet also auch außerhalb der geplanten Aktivitäten spontanes Lernen statt, ohne dass sich jemand Gedanken über einen Lehrplan gemacht hat.

Am Ende gibt es bei diesen Projekten eine Bescheinigung über die Teilnahme, die zum Beispiel für Bewerbungen genutzt werden kann. Dabei handelt es sich um ein Self-Assessment, das heißt die Teilnehmenden können selbst ausfüllen, was sie während des Projekts gelernt haben und es dann für die Freigabe an die Gastorganisation schicken. Dabei sind bestimmte Kompetenzbereiche wie zum Beispiel „Multilingual competence“ oder „Citizenship competence“ vorgegeben.

Was ist der niedrigschwelligste Einstieg in nicht-studienbezogene  Erasmus+ Angebote?

Das sind die Mobilitäten im Erasmus+ Jugendbereich, also für Menschen bis 30 Jahre. Da muss man nicht an einer bestimmten Schule sein, nicht studieren und nicht in einer bestimmten Ausbildung sein. Man kann sich dafür aus den verschiedensten Lebenssituationen heraus bewerben.

Der große Vorteil dabei ist, dass man eine gewisse Unterstützungsstruktur dahinter hat. Diese Projekte bestehen nämlich immer aus einer Kooperation verschiedener Entsende- und Gastorganisationen. Wenn man beispielsweise in Spanien an einem Projekt einer spanischen Gastorganisation teilnimmt, hat man trotzdem eine deutsche Entsendeorganisation, die das Konzept erklärt und zum Beispiel bei der Reiseplanung unterstützt.

Solche Jugendbegegnungen dauern meistens zwischen einer Woche und 12 Tagen. Dadurch kann man in ein anderes Land reinschnuppern und bestenfalls neue Freunde aus anderen europäischen Ländern finden.

Trägt Erasmus+ Jugend dazu bei, dass junge Menschen eine europäische Identität entwickeln können?

Das ist das Ziel. Das Erasmus+ Programm möchte eben auch die EU-Jugendstrategie umsetzen. Bei dieser geht es ganz konkret um die Beteiligung junger Menschen an der EU, um Begegnung und Empowerment. Das heißt, die Begegnung spielt dabei eine große Rolle: Ziel ist, dass Menschen aus verschiedenen Ländern der EU die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen, sich auszutauschen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen und dass darüber bestenfalls Netzwerke, Austausch und Freundschaften entstehen.