Sind wirklich alle total „fluide“ und ungebunden geworden, wie es Dating-Apps und Plattformen wie Tinder suggerieren – und ist die Monogamie jetzt out?

Liebe zum Quadrat

Freiburgerin Luisa berichtet, warum sie mehr als einen Partner hat

Muss es eigentlich die eine große Liebe sein? Für Luisa ist klar: nein. Die Freiburgerin lebt polyamor, das bedeutet, die sie führt feste Beziehungen mit mehreren Partnern. Dabei gehe es nicht bloß um Sex. Luisa berichtet von Vertrauen und Sicherheit. Aber auch von vielen Verpflichtungen und anstrengender Arbeit.

„Es hat sich falsch angefühlt, das zu stoppen. Also haben wir es versucht und es war irgendwie schön“, erinnert sich Luisa an den Anfang ihrer ersten polyamoren Beziehung. Mit ihrem Freund Pascal ist die 22-Jährige inzwischen dreieinhalb Jahre zusammen. Zu Beginn führten beide eine monogame Beziehung, bis bei beiden der Wunsch aufkam, sich auch mit anderen Menschen zu treffen. Sie starteten eine offene Beziehung. Dann lernten Luisa und Pascal jemanden kennen, mit dem die Beziehung nicht an der Bettkante enden sollte. Sie beschlossen, eine Beziehung mit jeweils noch einem Partner einzugehen. „Wieso aufhören, wenn es doch gerade spannend wird?“, fragt Luisa.

Die Geschichte von Luisa und Pascal ist kein Einzelfall, weiß Paar- und Sexualtherapeutin Christina Seitter: „Wir merken, dass sich das Angebot an Beziehungsentwürfen extrem erweitert. Es ist heute unglaublich viel möglich.“ Aber kann Liebe mit mehr als einem Menschen funktionieren? Und wie viele Beziehungen sind machbar? „Nach oben ist keine Grenze gesetzt. Es kommt darauf an, wie viel Zeit du hast“, erklärt Luisa. Bereits zwei Beziehungen bedeuteten jedoch viel Arbeit.

Auch polyamore Beziehungen sind nicht frei von Eifersucht. Luisa hat manchmal damit zu kämpfen: „Es ist eher das Gefühl, gerade nicht genug Liebe zu bekommen und nicht die Angst, den Partner an jemand anderen zu verlieren“, sagt sie. Das sei aber kein Grund, ihr Beziehungsmodell zu ändern. Wichtig sei, diese Sorgen offen anzusprechen.

Dass Polyamorie die Lösung aller Beziehungsprobleme ist, bezweifelt Seitter. Bei bestimmten Paaren könne so ein Liebesleben zwar Krisen bewältigen und helfen, das eigene Beziehungsmodell zu überdenken, sexuelle Unzufriedenheit werde durch Input von außen aber nicht aus der Welt geschafft: „Menschen dazu holen, um offene Bedürfnisse zu befriedigen, ist auf Dauer keine Lösung.“

Seitter und Luisa sind sich einig: Polyamorie bedeutet nicht, sich in Beziehungen vor Bindung zu drücken. „Ich habe sogar noch mehr Verbindlichkeit, schließlich übernehme ich mehreren Menschen gegenüber Verantwortung“, erklärt sie. Für Luisas Beziehungsform ist laut Seitter nicht jeder geschaffen: „Jeder versucht, in dieser schnellen und komplexen Welt seine eigene Rolle zu finden. Die einen zieht es dabei in konservativere Modelle, andere genießen es, die Fülle der Möglichkeiten auszuschöpfen.“

Die Expertin begrüßt, dass immer mehr Tabus gebrochen werden. Gesellschaftlichen Druck spürt aber Luisa trotzdem: „Es ist leider nicht immer super, als nicht-monogamer Mensch in einer monogamen Welt zu leben.“ Häufig werde die junge Frau mit Vorurteilen konfrontiert. Ihr Beziehungsstatus sei kein Freischein, übergriffig zu werden: „Das ist keine Einladung, mir die Zunge in den Mund zu stecken.“

Bei Vorwürfen, sie würde ihre Partner gar nicht richtig lieben, rollt Luisa mit den Augen. Anstatt ihre festen Freunde einzuschränken, akzeptiere sie die Gefühle für andere Menschen. Laut Luisa ist bei einer polyamoren Beziehung sogar mehr Liebe im Spiel. Auch deswegen sind Luisa und Pascal glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein. Es könnte nicht der Letzte sein: „Wer weiß? Vielleicht sind wir bald zu fünft – oder sogar zu zehnt.“

In welcher Beziehung leben wir?

Vier unterschiedliche Menschen berichten aus ihrem Leben und warum ihre Beziehungsform die richtige für sie ist. Luisa lebt polyamor, Angel definiert sich als aromantisch und Leonie und Benedikt sind seit zehn Jahren ein Paar und wollen heiraten.

Eine Gemeinschaftsproduktion von Janosch Beyer, Jan Boller, Julie Braconnier und Svenja Eberhardt im Rahmen des Seminars „Einführung in den crossmedialen Journalismus“ für Studierende der Medienkulturwissenschaft.
Seminarleitung, Redaktion: Ada Rhode, Karsten Kurowski, Philip Thomas