Hallo Herr Peters und Herr Rozman. Sie bieten psychologische Beratung für Studierende an. Viele Studierende kennen psychische Probleme. Mentale Gesundheit wird immer wichtiger. Was genau ist eigentlich mentale Gesundheit?

Zu sehen ist das Porträtbild von zwei männlich gelesenen Personen. Beide lächeln, die Person links trägt einen schwarzen Hoodie und die Person rechts trägt ein khakifarbenes Sweatshirt und Brille.
Matic Rozmann (li) und Mutram Peters von der psychotherapeutischen Beratungsstelle des SWFR unterstützen Studierende mit psychischen Schwierigkeiten und in Krisensituationen.

Mutram Peters: Normalerweise sprechen wir beim Thema mentale Gesundheit immer über Krankheiten. Was genau Gesundheit ist, ist auch eine philosophische und anthropologische Diskussion. Die WHO definiert Gesundheit als Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Das erklärt erst einmal nicht viel und stellt einen idealtypischen Zustand dar.

Matic Rozman:  Man definiert damit heutzutage auch eine gute Arbeitsfähigkeit. Das ist auch etwas, was man im Studium benötigt. Zur mentalen Gesundheit gehört aber auch Genussfähigkeit, die Fähigkeit gute Beziehungen zu führen und die Fähigkeit mit schwierigen Situationen umgehen zu können.

Mutram Peters: Das heißt nicht, dass schwierige Situationen nicht schwierig bleiben oder sind. Wenn jemand eine psychische Erkrankung hat, hat er diese, weil er mit etwas innerlich und äußerlich nicht umgehen kann. Und dann gibt es eine gewisse Starre. Gesundheit bedeutet auch eine gewisse Flexibilität.

Was kann die mentale Gesundheit gefährden?

Matic Rozman: Vieles. Natürlich prägen eigene belastende Erfahrungen in der Kindheit die mentale Gesundheit. Dadurch entwickelt man eine Disposition oder Neigung später auch Symptome oder Krankheiten zu entwickeln. Aber auch aktuelle und akute Belastungen können Probleme verursachen.

Mutram Peters: Im Studium ergeben oftmals ein äußerer und innerer Leistungsdruck und das Zusammenspiel von beidem eine schwierige Situation, wobei sowohl sehr fordernde und stark leistungsorientierte Studiengänge als auch sehr offene und freie Studiengänge zum Problem werden können.

Kann das junge Alter von Studierenden eine vulnerable Lebensphase sein, in der Probleme mit der mentalen Gesundheit entstehen?

Mutram Peters: Ja natürlich. In unserer Kultur ist es eben auch so, dass man nach seinem Schulabschluss von zuhause auszieht. Das ist ein sehr großer Schritt und eine enorme Veränderung. Junge Menschen wohnen zum ersten Mal allein und müssen sich auch neue Freundeskreise erschließen. Sie müssen lernen, wie man an der Uni lernt, sie müssen einen eigenen Haushalt führen.

Matic Rozman: Das junge Alter ist eine Zeit der Krisen. Aber Krisen sind hier noch nicht pathologisch. Das heißt Krisen können sehr intensiv sein und dann nach ein paar Tagen wieder vorbei gehen und man hat sich wieder gefangen. Es geht nicht darum, dauerhaft glücklich zu sein und einem Selbstoptimierungs-Druck oder Gesundheitszwang zu unterliegen, das kann sehr ungesund sein.

Gibt es Studienfächer, bei denen die Studierenden besonders von psychischen Problemen betroffen sind?

Mutram Peters: Das ist eine Frage von Korrelation und Kausalität. Bei einem Studiengang, bei dem viele psychische Probleme auftauchen, muss man sich fragen, ob dort einfach viele Studierende mit psychischen Problemen studieren oder ob sie durch den Studiengang psychische Probleme bekommen. Wir merken bei unserer Arbeit im Studierendenwerk, dass es gewisse Probleme bei Studiengängen gibt, bei denen der Leistungsdruck sehr hoch ist und auch bei Studiengängen, die vom Berufsbild sehr undefiniert sind.

Matic Rozman: Es gibt auf jeden Fall Studiengänge die bestimmte Menschen anziehen, die Herausforderungen suchen und einen gewissen Druck schon als Normalität definiert haben. Was wir studiengangunabhängig sagen können, ist, dass es verschiedene Phasen im Studium gibt. Oft ist es am Anfang und am Ende des Studiums schwierig. Meistens sind die Übergänge ins Berufsleben schwierig und manche Fächer führen eben nicht dazu, eine klare Berufsidentität zu entwickeln.

Und sicherlich gibt es auch Studienfächer, bei denen der Leistungsdruck höher ist.

Nach der best3 Studie von 2023 des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung über Studieren mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, steigt die Zahl der Studierenden mit psychischen Problemen. Inwieweit haben Corona und/oder Homeoffice etwas damit zu tun?

Matic Rozman: Wir erleben schon seit vielen Jahren steigende Zahlen. Wir können aber letztlich nicht genau sagen an was das liegt. Man muss immer schauen, was man aus den Zahlen macht. Die Zunahme kann viele Gründe haben.

Zum Beispiel, dass die Bereitschaft gestiegen ist, sich mit den eigenen psychischen Problemen zu befassen. Trotzdem denke ich, dass die Corona-Pandemie Spuren hinterlassen hat, das ist zumindest mein subjektiver Eindruck.

Es gibt bei uns immer wieder Studierende die erzählen, dass ihre Probleme in der Corona-Pandemie begonnen haben. Gerade Studierende, die damals mit dem Studium anfingen, haben keinen Anschluss gefunden, viele Ersti-Veranstaltungen sind ausgefallen.

Mutram Peters: Das hat es vielen jungen Menschen schwer gemacht. Nachträglich wird jetzt diskutiert, ob es eine gute Idee war, die Schulen zu schießen.
Nicht alle haben Probleme bekommen, manche sind gut durchgekommen. Aber viele haben eben Probleme bekommen, die sich unter anderen Umständen mehr verwachsen hätten. Das hatte definitiv Auswirkungen, aber das muss man wahrscheinlich eher individuell betrachten.

Matic Rozman: Oft wurden junge Menschen auch als Gefahrenpotential gesehen und es wurde behauptet, dass sie sich nicht an die Regeln gehalten hätten, was nicht stimmt. Außerdem leben junge Menschen gerade von Exploration, von Sozialkontakten. Darum hat die Pandemie gerade junge Menschen sehr getroffen. Menschen mit eigenen Familien konnten mit dieser Situation oft viel besser klarkommen als junge Menschen.

Wie erkennt man denn erste frühe Probleme mit der mentalen Gesundheit?

Mutram Peters: Schwierigkeiten gehören dazu und bedeuten noch nicht, dass gleich ein ernsthaftes Problem besteht. Aber wenn etwas über lange Zeit schwierig bleibt, wie zum Beispiel Konzentrationsstörungen oder Antriebsprobleme, dann ist das ein wichtiger Hinweis und man sollte eine Beratung aufsuchen. Die Frage transportiert aber auch einen gewissen Druck, dass man seine Probleme selbst diagnostizieren müsse.
Matic Rozman: Häufig sind es auch Mitbewohner oder Freunde, die einem das reflektieren und zum Beispiel fragen, wieso man nicht mehr aus seinem Zimmer kommt.

Was können Studierende tun, um mental gesund zu bleiben- auch in stressigen Lern- und Prüfungsphasen?

Mutram Peters: Wichtig ist für sich zu sorgen. Also zum Beispiel rechtzeitig mit dem Lernen anzufangen. Außerdem sollte man sich Zeit zum Lernen und auch Zeit zum Leben einplanen. Das ist ganz wichtig. Und dann natürlich auch Feierabend machen. Das ist als Student/-in generell ein großes Problem. Man hat nie Feierabend, man muss sich den immer selbst nehmen. Am besten plant man den Feierabend vor, also wen man trifft oder was man macht. Was auch hilft ist nicht zu viel Angst vor Krisen zu haben, Krisen gehören dazu. Wenn Studierende den Lernplan nicht schaffen müssen sie ihn anpassen. Man braucht auch einen gewissen Mut zur Lücke.

Matic Rozman: Man muss auch aufpassen nicht unter den Imperativ zu geraten, dass die Prüfungsphase einem auch noch leichtfallen müsse. Diese Phase ist nicht schön und entspannt. Stressig ist stressig. Man muss eine gewisse Frustrationstoleranz haben. Grundsätzlich kann man es vielleicht ein bisschen wie Leistungssportler betrachten, die investieren auch viel Zeit in ihre Regeneration. Je mehr man arbeitet, je mehr Erholung braucht man. Man kann sich nicht einen Monat einsperren und durchlernen. Die Lebensqualität muss einigermaßen erhalten bleiben.

Welche Unterstützung bietet die psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerk den Studierenden?

Matic Rozman: Bei Studierenden, die zu uns kommen, schauen wir immer individuell, was sie brauchen. Das können kleine Empfehlungen sein, wie man etwas den Alltag umstrukturiert. Häufiger sind es aber Probleme mit Leistungsdruck, Regelstudienzeit und Finanzierung des Studiums.

Mutram Peters: Studierende können sich bei allen Belastungen an das Studierendenwerk wenden. Von Liebeskummer bis Selbstmordgedanken und allem, was dazwischen liegt. Unsere Aufgabe ist es erstmal zu schauen, ob es etwas ist, was lange bleibt oder ob es etwas ist, was sich mit ein paar Gesprächen lösen lässt. Im ersten Fall geben wir Adressen und Ansprechstellen weiter.

Wir haben auch ein Workshopprogramm mit Themen zu Lernmethoden, Prüfungsangst und Ähnlichem. Das Lernen im Studium ist eben ganz anders als das Lernen in der Schule.

Wird das Hilfsangebot des Studierendenwerks in Anspruch genommen?

Mutram Peters: Es gibt viel Bedarf und das Angebot wird von den Studierenden in Anspruch genommen. Wir haben seit vielen Jahren eine stark ansteigende Nachfrage nach Beratung.

Was können Universitäten tun, um die mentale Gesundheit von Studierenden zu stärken und Betroffene zu unterstützen?

Mutram Peters: Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, Prüfungsverfahren so zu organisieren, dass sie für die Studierenden ‚bekömmlich‘ und gut zu bewältigen sind, und dass das Studium Rahmenbedingungen bietet, die fachliche und persönliche Weiterentwicklung fördern, sodass Lust und Freude am Lernen entstehen kann.

Matic Rozman: Aus unserer Erfahrung sind unsere langjährigen Treffen mit den Hochschulfachberatern hilfreich, in denen wir uns intensiv über Erfahrungen mit dem Erkennen von und dem Umgang mit schwierigen Studiensituationen austauschen.